Antideutsche Ausschreitungen im Mai 1915 „Hexenjagd“ in Moskau - wissenschaft.de
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Antideutsche Ausschreitungen im Mai 1915

„Hexenjagd“ in Moskau

Inspiriert durch Maßnahmen der Regierung, angeheizt durch antideutsche Ausfälle in der Presse und ermuntert durch Vertreter der lokalen Verwaltung, rotteten sich im Mai 1915 Einwohner Moskaus zusammen und begannen mit der Verwüstung deutscher Geschäfte und Fabriken.

Im Winter 1578 plünderten die engsten Gefolgsleute des Zaren Ivan IV. die Deutsche Vorstadt in Moskau. Sie zerstörten die Häuser und die Kirche und töteten einen Teil ihrer Bewohner. Nach Aussagen von Augenzeugen stand dies im Zusammenhang sowohl mit Mißerfolgen der russischen Truppen an der Livländischen Front als auch damit, daß sich in der „ausländischen“ Siedlung Spione befinden sollten.

Dieses Szenario wiederholte sich während es Ersten Weltkriegs. Unmittelbar nach Beginn der Kriegshandlungen stellten die russischen Behörden die auf ihrem Territorium lebende deutsche Bevölkerung unter besondere Kontrolle. Es gab politische Repressionen, Sprache und Religion betreffende Diskriminierungen, ein faktisches Verbot kulturell-aufklärerischer und ökonomischer Aktivitäten und sogar nach nationalen Kriterien vorgenommene Enteignungen. Eine nationalistische Propaganda vermittelte ein allgemein verständliches Feindbild von den Deutschen. Auf zahlreichen Flugblättern und Plakaten wurden die „äußeren“ Deutschen als Ungeheuer oder als das Gefolge des Antichrist dargestellt; die im Russischen Reich lebenden Deutschen galten dagegen überwiegend als Spione, Parasiten und Kostgänger des russischen Volkes.

Die Bevölkerung nutzte die antideutschen Anordnungen und Maß-nahmen der Regierung auf ihre Weise. Inspiriert durch Entschei-dungen höherer Behörden, angeheizt durch regelmäßige antideut-sche Ausfälle in der Presse und ermuntert durch Vertreter der lo-kalen Verwaltung, rotteten sich Einwohner Moskaus Ende Mai 1915 zusammen und begannen mit der Verwüstung deutscher Geschäfte und Fabriken.

Zu dieser Zeit bildete Moskau nach St. Petersburg das zweitgrößte städtische Zentrum der Deutschen im Russischen Reich. 1912 hatten hier 28500 der mehr als 1,5 Millionen Einwohner Deutsch als ihre Muttersprache angegeben. Damit waren die Deutschen nach den Großrussen die zweitgrößte ethnische Gruppe. Ein großer Teil der Moskauer Deutschen besaß die russische Staatsangehörigkeit, etwas mehr als 7000 waren deutsche Staatsbürger geblieben, aber auch von diesen war etwa ein Drittel in Moskau geboren.

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Die antideutschen Pogrome in Moskau dauerten nur vom 27. bis 29. Mai 1915, fanden aber in anderen russischen Städten – etwa in Petrograd, Astrachan, wer, Odessa, Charkow und Nowgorod – große Resonanz. Quellen belegen, daß in Moskau insgesamt 732 Orte verwüstet wurden: Geschäfte, Lagerräume, Kontore und sogar Privatwohnungen. Der Schaden belief sich auf mehr als 50 Millionen Rubel. Auch wurden zahlreiche Fertigwaren zerstört: Medikamente, andere chemische Produkte, Leder, Schuhe, Autos, medizinische Apparate, Lebensmittel usw. Ironie am Rande: Viele der betroffenen Firmen hatten der Militärbehörde, dem Kreis- bzw. dem Städteverband oder der Stadt Moskau unterstanden.

Die Ausschreitungen zogen nicht nur Unternehmen und Wohnungen von deutschen und österreichischen Staatsangehörigen in Mitleidenschaft; unter den Geschädigten gab es sogar mehr russische Staatsbürger deutscher Abstammung oder und Untertanen neutraler oder sogar mit Rußland verbündeter Staaten. Die an den Pogromen Beteiligten scheinen sich von einer einfachen „Freund-Feind“-Formel haben leiten lassen, bei der alle diejenigen als „fremd“ galten, deren Nach- oder Firmennamen ausländisch klangen. Selbst in der Nähe von deutschen gelegene Geschäfte und Unternehmen von Russen wurden so eingestuft…

Dr. Victor Dönninghaus

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