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Théroigne de Méricourt

„Ich liebte die Freiheit von Natur aus“

Mit großem Engagement und beachtlichem Erfolg mischte sich Théroigne de Mericourt in die Revolutionspolitik ein. Ihre Freunde priesen ihre aufrichtige Freiheitsliebe, ihre Gegner verhöhnten sie als revolutionäres Flintenweib. Bis heute werden historisch unhaltbare Legenden mit ihrer Biographie überliefert.

1789 erschien auf den Tribünen der Pariser Nationalversammlung eine junge Frau, die manche Abgeordnete früher als reiche, wohlgekleidete Dame in der Oper gesehen zu haben glaubten. Jetzt trug sie ein schlichtes Amazonenkleid, das später – mit Waffen an ihrem Rock – zu ihrem Markenzeichen werden sollte. Es war Anne-Josèphe Théroigne, genannt Théroigne de Méricourt, die mit ihrer Begeisterung für die Revolution und treffenden Zwischenrufen Aufmerksamkeit erregte und bald eine Reihe von fortschrittlichen Abgeordneten um sich scharte.

Noch vor dem 14. Juli war Théroigne in Paris eingetroffen, angezogen von den Nachrichten über die Auseinandersetzungen in der Nationalversammlung, die ganz Europa bewegten, und um ihre Geldangelegenheiten zu regeln. Bald wurde sie von der allgemeinen Aufregung angesteckt. In ihrer Autobiographie schreibt sie: „Ich hatte keinerlei Vorstellungen von den Rechten des Volkes, aber ich liebte die Freiheit von Natur aus. Ein Instinkt, ein lebhaftes Gefühl, das ich nicht genau benennen kann, ließ mich die Französische Revolution gutheißen, ohne genau zu wissen, warum. Denn ich hatte keinerlei Bildung, und das Wenige, was ich weiß, lernte ich allmählich in der Nationalversammlung.“

Anne-Josèphe Théroigne, aus kleinbäuerlichen Verhältnissen stammend, hatte schon früh die Härten ihres Standes und ihres Geschlechts kennen gelernt und dagegen rebelliert. Am 13. August 1762 war sie in dem luxemburgischen Dorf Marcour in den österreichischen Niederlanden (heute Belgien) zur Welt gekommen. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter arbeitete sie bei Verwandten als Dienstmädchen. Sie lief mehrfach davon, weil sie sich schlecht behandelt fühlte, und schlug sich seit ihrem 14. Lebensjahr allein durchs Leben, als Kuhmagd, Kindermädchen und Näherin. Sie hatte das Glück, mit 16 Jahren auf eine Engländerin, Mme Colbert, zu treffen, die sie nicht nur als Dienstmädchen einstellte, sondern sie auch gemeinsam mit ihrer Tochter erzog und ihr Gesangstalent förderte.

In England lernte sie einen reichen, jungen Adligen kennen, verliebte sich in ihn, glaubte seinem Heiratsversprechen und wurde – gegen den Rat von Mme Colbert, die „wie eine Mutter“ für sie sorgte, – seine Geliebte. Sie brach alle Brücken hinter sich ab und folgte ihm auf eines seiner Landgüter. Das Leben mit dem jungen Aristokraten brachte ihr zwar keine Heirat und keine Titel, doch immerhin eine Schenkung von 200000 Pfund, eine ungeheure Summe zu jener Zeit, die es ihr erlaubte, in die höchsten Schichten aufzusteigen und ein komfortables Leben zu führen. Ihr Geld legte sie in Paris an, wohin sie mit ihrem Geliebten gereist war und wo sie 1786 diskret eine Tochter zur Welt brachte, die zwei Jahre später bei einer Pflegemutter starb.

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1787 trennte sie sich von ihrem Geliebten und versuchte sich als Sängerin ausbilden zu lassen, um auf eigenen Füßen zu stehen. Sie scheiterte jedoch an den betrügerischen Machenschaften ihres Lehrers Tenducci, mit dem sie sich in Italien aufhielt, als sich die Kunde von der Französischen Revolution wie ein Lauffeuer in Europa verbreiterte. Im revolutionären Paris konnte Théroigne für einen Moment ihre Träume von Gleichheit und Freiheit verwirklicht sehen. „Den stärksten Eindruck auf mich machte die Stimmung eines allgemeinen Wohlwollens. Die Selbstsucht schien gebannt zu sein, jeder sprach ohne Unterschied mit jedem. In diesem Augenblick der Bewegung mischten sich die Reichen unter die Armen und verschmähten es nicht, mit ihnen wie mit ihresgleichen zu reden. Schließlich erschienen mir alle Gesichter wie ausgewechselt. Jeder hatte seinen eigenen Charakter und seine natürlichen Anlagen entfaltet. Ich sah viele, die trotz ihrer Lumpen ein heroisches Aussehen hatten. Wenn man nur ein bißchen Sensibilität hatte, war es nicht möglich, ein derartiges Schauspiel mit Gleichgültigkeit zu betrachten. Ich war daher so begeistert, daß ich beschloß, nach Versailles zu gehen, um dort Zeuge der Debatten der Nationalversammlung zu werden.“ Bald war Théroigne mehr als eine Zeugin. Sie erarbeitete sich das notwendige Wissen, um die Vorgänge zu begreifen und die politischen Auseinandersetzungen nachzuvollziehen. Sie las viel und bereitete sich zu den einzelnen Punkten der Tagesordnung genau vor. Zunehmend gewann sie an Ansehen und wurde zu einer bekannten Persönlichkeit im revolutionären Paris. Ob auf der Straße oder im Klub, auf der Zuschauertribüne der Nationalversammlung oder in ihrem Salon, ihre Meinung zu den politischen Ereignissen wurde gehört und öffentlich kommentiert.

Zusammen mit Romme, einem Mitglied der Nationalversammlung, gründete sie im Januar 1790 den Klub der „Gesetzesfreunde“ (Les Amis de la loi), in dem Aktiv- und Passivbürger, Männer und Frauen Zutritt und Stimmrecht hatten. Damit nahm sie die Bewegung der Volksgesellschaften vorweg, die ein Jahr später in Paris aufblühen sollte. Allerdings machte sie bald die Erfahrung, daß ihre Aktivitäten auf Grund ihres Geschlechts geringer geachtet wurden, als sie dies als Gründerin eigentlich hätte hoffen dürfen. Ende Februar 1790 wandte sie sich der Distriktversammlung der Cordeliers zu, in der Hoffnung, hier Unterstützung für ihre politischen Vorhaben zu finden. Als sie den Antrag stellte, auf den Ruinen der Bastille einen Palast für die Nationalversammlung zu bauen, wurde sie mit großem Applaus bedacht. Ihr Antrag auf beratendes Stimmrecht wurde jedoch mit fadenscheinigen Argumenten zurückgewiesen. Dabei ließ die Versammlung keinen Zweifel daran, daß ihr Frauen zur Unterstützung der Revolution und „zum Nutzen des Vaterlandes“ hoch willkommen waren, nur sollten sie daraus keine eigenen Rechte ableiten. Auf positive Resonanz stieß ihr politisches Engagement nur, wenn sie die Grenzen ihres Geschlechts nicht überschritten. Noch ließ sich Théroigne nicht entmutigen. Sie unternahm einen weiteren Vorstoß, um ihre politischen Vorstellungen zu Gehör zu bringen, und rief unter anderen mit Danton und Dufourny de Villiers einen zweiten Klub ins Leben, die „Gesellschaft der Menschenrechte“, die sich später, nach Auflösung der Distrikte, zu dem berühmten Cordeliers-Klub entwickeln sollte. Da war Théroigne aber schon nicht mehr in Frankreich.

Die Royalisten hatten seit dem Herbst 1789 Théroigne zur Zeilscheibe ihrer antirevolutionären Kampagnen gemacht. Sie wurde als „Muse der Demokratie“, als Venus der Politik verspottet, der die wichtigsten Patrioten (Anhänger der Revolution) hörig seien. Théroigne, eine Frau, sollte es gewesen sein, welche die Geschicke der Revolution leitete, die erfolgreichsten Reden schrieb, das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten dirigierte und ein ganzes Regiment korrumpierte – natürlich mit den Waffen ihres Geschlechts. – So sollte eine selbständig handelnde Frau diffamiert und die männlichen Vertreter der Revolution in ihrem Selbstbewußtsein getroffen werden. In diesem Zusammenhang ist auch die Legende von Théroignes Aktivitäten am 5./6. Oktober 1789 entstanden. Das revolutionäre Flintenweib, das blutrünstig den Kopf der Marie-Antoinette fordert und die Masse ermutigt, in die Tuilerien einzudringen, paßte in das Diffamierungskonzept der Royalisten. Tatsächlich nahm Théroigne weder an dem Marsch der Frauen nach Versailles teil noch wirkte sie bei den angeblichen Mordplänen gegen die Königin Marie-Antoinette mit. Doch die Legende war stärker als die historische Wahrheit: Ende 1790 stellte das Châtelet-Gericht, das die Untersuchung zu den Vorfällen im Oktober 1789 leitete und deutlich pro-aristokratisch voreingenommen war, einen Haftbefehl gegen Théroigne aus. Sie hatte jedoch inzwischen schon Zuflucht in ihrer Heimat gesucht, ermüdet von den ständigen Angriffen der Royalisten, enttäuscht von der geringen Unterstützung der Patrioten…

Prof. Dr. Helga Grubitzsch

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