Die Äbtissinnen Hathumod von Gandersheim und Clara von Assisi Ihrer Zeit den Stempel aufgedrückt - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Die Äbtissinnen Hathumod von Gandersheim und Clara von Assisi

Ihrer Zeit den Stempel aufgedrückt

Fast 400 Jahre trennen die Lebenswege der Äbtissinnen Hathumod von Gandersheim (840–874) und Clara von Assisi (1193/94–1253). Doch beide Frauen wurden durch ihr Vorbild in besonderer Weise zu Identifikationsfiguren für die von ihnen gegründete Gemeinschaft. Ihr großer persönlicher Einsatz für ein Leben in der Nachfolge Christi nötigt bis heute Respekt ab.

Hathumod von Gandersheim und Clara von Assisi gehörten von Geburt dem Adel und damit der mittelalterlichen Oberschicht an. Hathumod war die älteste Tochter des sächsischen Grafen Liudolf und seiner Gemahlin Oda, deren jüngere Tochter Liutgard in die karolingische Herrscherfamilie einheiratete. Clara war die älteste Tochter des Ritters Favarone di Offreduccio und der ebenfalls aus vornehmer Familie stammenden Hortolana.

Beide vermochten die eigenen Schwestern und Verwandten zum Klostereintritt zu bewegen. Dabei war es weniger die Wahl des geistlichen Standes, die für adlige Frauen durchaus üblich war, als vielmehr die kompromißlose Abkehr von allen Annehmlichkeiten der Welt, die ihre Zeitgenossen in den Bann zog. Durch ihr ständeübergreifendes christliches Ideal der persönlichen Armut und Demut gegenüber Hoch und Niedrig entfalteten beide eine große integrierende Wirkung innerhalb der hierarchisch aufgebauten mittelalterlichen Gesellschaft.

Während die Verehrung der sächsischen Adelstochter Hathumod jedoch im wesentlichen auf die eigene Klostertradition beschränkt blieb, fiel das asketische Leben der mit dem heiligen Franziskus vertrauten Clara in die große Zeit der religiösen Bewegung und fand daher weit über den eigenen Wirkungskreis hinaus Beachtung. Bereits zwei Jahre nach ihrem Tod wurde Clara von Assisi heiliggesprochen. Ihren Tod betrauerte die eigene Gemeinschaft ebenso tief wie den der sächsischen Adelstochter Hathumod – als großer Einschnitt markierte er zugleich ein Ende und den Beginn einer Tradition. Beide Frauen fanden unter ihren Zeitgenossen engagierte Biographen, die ihr Leben und Sterben in Prosa und Versen beschrieben und bis heute etwas von dem Charisma erkennen lassen, das sie einst ausstrahlten.

Der Corveyer Mönch und Rechtsberater der Gandersheimer Stiftsdamen, Agius, verfaßte seine Vita um 876, bereits zwei Jahre nach dem Tod Hathumods. Er war der Äbtissin offensichtlich in tiefer geistlicher Freundschaft verbunden und hatte auch der Sterbenden beigestanden.

Anzeige

Noch als Kind bestimmten die Eltern Hathumod für den geistlichen Stand und gaben sie zu ihrer Großmutter Aedila in das hochadlige Stift Herford, in dem sie erzogen und zur Nonne geweiht wurde. Der Vita zufolge zeigte Hathumod schon früh Neigung zur Askese, und wenn Agius die gereifte Seele in dem noch kindlichen Körper hervorhob, griff er damit eine seit der Spätantike bekannte Idealvorstellung des altersweisen Kindes auf, mit der Papst Gregor I. (590–604) seine berühmte Vita des Mönchsvaters Benedikt von Nursia eröffnet hatte.

Hathumod verachtete Schmuck und golddurchwirkte Gewänder, lernte rasch und aus eigenem Antrieb Lesen und Schreiben, wozu andere, wie Agius bemerkt, mit Schlägen getrieben werden müßten. Später war sie selbst eine hervorragende Lehrerin, die auf die individuellen Fähigkeiten der ihr anvertrauten Mädchen einzugehen wußte: „Eifrig widmete sie sich selbst dem Lesen der [heiligen] Schriften und liebte mit großer Zuneigung die ebenfalls Eifrigen; die Nachlässigeren, die, wie es schien, dennoch einige Fortschritte machen konnten, zwang sie mehr durch geringere Vertraulichkeit als durch körperliche Züchtigung zum Lernen. Beim Zuhören, Vorlesen und im Verständnis der Schrift vermochte fast niemand in dieser Zeit größere Sorgsamkeit, einen lebendigeren Sinn und tiefere Einsicht an den Tag zu legen als sie. Wenn sie irgend etwas, wie es üblich ist, fragen mußte, behandelte sie alles so klar und unterschieden, daß sie durch ihre Frage eher zu belehren als zu fragen schien.“

Als die Tochter sechs Jahre alt war, reisten die Eltern Liudolf und Oda nach Rom, um von Papst Sergius II. (844–847) Reliquien für eine Klostergründung zu erbitten und das Stiftungsvorhaben sanktionieren zu lassen. Als zukünftigen Ort des Familienstifts wählten sie das an der Kreuzung wichtiger Fernstraßen gelegene Gandersheim und übertrugen dafür als Ausstattung ihr Eigengut. Sie demonstrierten damit eindrucksvoll ihre Machtstellung als führendes Geschlecht im östlichen Sachsen, doch die Gründung diente nicht zuletzt auch der Festigung des Christentums in dem noch nicht lange missionierten Sachsen. Denn nur wenige Jahre zuvor (841/843) hatte der Stellinga-Aufstand (Stellinga = Genosse/Gefährte) gezeigt, wie fragil die mit den fränkischen Eroberungskriegen 772 bis 804 unter Karl dem Großen eingeführte neue Ordnung noch war. Ein Großteil der Bevölkerung, Freie und Halbfreie, hatte sich gegen die erzwungene Christianisierung und den eigenen Adel erhoben, der sich zur neuen Religion bekehrt und mit den Franken verbündet hatte, um eine Rückkehr zu ihren alten Rechten und Gewohnheiten zu erzwingen.

Gandersheim sollte der Familie Liudolfs als Begräbniskloster dienen, in dem eine Jungfrauengemeinschaft unter der Leitung der liudolfingischen Töchter für das Seelenheil der Fami-lie betete. Die Stiftung diente aber auch der Ausbildung und standesgemäßen Versorgung der sächsischen Adelstöchter. Bis zur Fertigstellung der Gebäude fand der junge Konvent im nahen Brunshausen (Harz) Unterkunft, wo bereits eine Missionszelle der Reichsabtei Fulda bestand…

Dr. Eva Schlotheuber

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Wissenschaftslexikon

La|rynx|kar|zi|nom  〈n. 11; Med.〉 = Kehlkopfkrebs

Lu|te|o|lin  〈n. 11; unz.; Biochem.〉 im Gelbkraut (Reseda luteola) u. im Fingerhut vorkommender gelber Pflanzenstoff, im Altertum zur Textilfärbung verwendet [<lat. Reseda luteola ... mehr

Tra|gö|die  〈[–dj] f. 19〉 1 〈Theat.〉 Schauspiel vom schicksalhaften Untergang eines Menschen, der in den unausweichlichen Konflikt zw. zwei (moralischen) Forderungen gerät u. dadurch unabwendbar schuldig wird; Sy Trauerspiel ( ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige