Die Thurn und Taxis: vom Postmeister zum Reichsfürsten Im Zeichen des Dachses - wissenschaft.de
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Die Thurn und Taxis: vom Postmeister zum Reichsfürsten

Im Zeichen des Dachses

Die Familie der Thurn und Taxis in Regensburg gehört zum europäischen Hochadel und zu den größten Grundbesitzern Europas. Aber das war nicht immer so: Der Aufstieg wurde mühevoll erarbeitet.

Vor 500 Jahren ritten Angehörige der Familie Taxis noch persönlich zwischen Italien und den Niederlanden hin und her, um Briefe zu transportieren, etwa für den Bankier Jakob Fugger aus Augsburg. Zum Kampf um sozialen Aufstieg gehörte die Annahme des Namenszusatzes „Thurn“, der ihre Abstammung vom Mailänder Fürstengeschlecht „della Torre“ demonstrieren sollte. Aber ein Titel macht noch keinen Fürsten, denn die anderen Fürsten akzeptierten keinen Emporkömmling ohne Land. Doch woher sollte ein Fürstentum kommen? Es dauerte ein weiteres Jahrhundert, bis die Thurn und Taxis ein passendes Territorium erwerben konnten. Zu ihrem Unglück brach nur wenig später infolge der Französischen Revolution die Welt der Fürstenstaaten, das alte Europa, in sich zusammen.

Woher kam das Geld zum Kauf von Fürstentitel und Fürstentum? Wie der Ruhm der Dynastie beruht es ursprünglich auf der herausragenden Bedeutung des Francesco de Tassis (1459–1517). Ihm gelang es zu Be-ginn der Neuzeit, zunächst das Kurierwesen König Maximilians I. (1459–1519) zu organisieren, danach von dessen Sohn Philipp „dem Schönen“ von Burgund das Postwesen Burgunds übertragen zu bekommen und schließlich von Philipps Sohn Karl I. von Spanien (dem späteren Kaiser Karl V.) zum Generalpostmeister Spaniens in einem entstehenden Weltreich eingesetzt zu werden. Seine Posten revolutionierten das Kommunikationswesen, das man – in Abwandlung des von dem kanadischen Kommunikationswissenschaftler Herbert Marshall McLuhan geprägten Begriffs „Gutenberg-Galaxis“ – als „Taxis-Galaxis“ bezeichnen könnte. Das Postwesen der Taxis lieferte den Prototyp für die frühneuzeitliche Kommunikationsrevolution, der in ganz Europa und später der ganzen Welt nachgeahmt wurde.

Die Familie der Tassis (Taxis, Thurn und Taxis) stammt aus der Lombardei. Im Umfeld des Städtchens Cornello, im Hinterland von Bergamo, florierten im Spätmittelalter mehrere Zweige der Sippe der Tassi. Die Schreibweise des Namens variierte, wie damals üblich. Tasso ist das italienische Wort für Dachs, und dieser war und ist tatsächlich das Wappentier der Familie. In den romanischen Ländern hieß sie meist „de Tassis“, in den deutschsprachigen Ländern und in Böhmen „von Taxis“. Der Einfachheit halber nennen wir sie hier alle „Taxis“.

Bergamo war im Frühmittelalter Mittelpunkt eines langobardischen Herzogtums. Im Spätmittelalter waren die lombardischen Städte unter die Herrschaft der Herzöge von Mailand geraten, einem Lehen des Heiligen Römischen Reiches. 1428 wurde das Gebiet um Bergamo der Republik Venedig einverleibt, zu der es bis in die Zeit Napoleons gehörte.

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Diese Verbindung wurde für die Taxis schicksalhaft. Denn wie andere Männer aus den Alpen verdingten sich Familienmitglieder in Venedig als Kuriere, zusammengeschlossen in der Zunft der „Corrieri bergamaschi“. Auch wenn die Taxis in ihrer Heimat wohl einer Art niederem Stadtadel angehörten – Berufsbezeichnungen lauten etwa „notarius“ oder „publicus mercator“ –, darf man sich ihre Posi-tion bei den Kurieren nicht allzu gehoben vorstellen. Den Nachkommen von Mutius de Tassis (gest. 1450), zu denen auch der Dichter Torquato Tasso zählt, gelang jedoch der Sprung nach Rom, wo der Kaufmann Ser Alessandro de Tassis de Cornello (gest. 1485) eine Bank betrieb. Die Söhne dieses Alessandro/Sandro, die sich Sandri nannten, nahmen als erste im Nachrichtenwesen eine gehobene Stellung ein.

Der „nobilis et egregius vir“, der „edle und hervorragende Mann“ Christophorus Sandri (gest. 1488) war Kuriermeister des Papstes Sixtus IV. (1471–1484) und venezianischer Botenmeister in Rom. Die Sandri leiteten das päpstliche Kurierwesen von 1474 bis 1539. Diese römischen Taxis errichteten in ihrer Heimatstadt Cornello Paläste und stifteten aufwendige Grablegen. Auch Franz von Taxis stiftete noch 1515 eine Glocke für die Kirche Santa Maria Camerata bei Cornello. Zu dieser Zeit war er bereits spanischer Generalpostmeister mit Sitz in Brüssel.

Derselbe Franz von Taxis führte aber auch den Bruch seines Familienzweigs mit Italien herbei. Während die Sandri wenigstens im Tod nach Cornello zurückkehrten, stiftete der spanische Generalpostmeister gegenüber seinem Brüsseler Stadthaus, dem Hotel de Tassis, in der Kirche Notre Dame du Sablon eine neue Familiengrablege. Franz von Taxis und sein Neffe Johann Baptista von Taxis hatten 1490 die Organisation des königlichen Kurierwesens in Innsbruck übernommen. Da die Innsbrucker Hofkammer die unternehmerisch ambitionierten Italiener aber wie abhängige Kammerboten behandelte, wanderte Franz von Taxis 1501 mit seiner Compagnie von Tirol in die Niederlande ab.

Dort regierte Philipp I., ein Sohn Kaiser Maximilians (dem es dank seiner berühmten Heiratspolitik gelungen war, Philipp zum Herzog von Burgund und zum König von Spanien zu machen). Mit Philipp I. konnte Franz von Taxis den ersten Postvertrag schließen, der ihm als Unternehmer freie Hand bei der Einrichtung der Posten gab. Die Postverträge von 1505 und 1516 stellten das neue Kommunikationssystem auf eine so-lide rechtliche und finanzielle Basis. 1512 belohnte der Kaiser die Brüsseler Taxis für ihre treuen Dienste mit einer Wappenmehrung: Fortan durften sie über dem Dachs den Doppeladler des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Wappen führen. Dieses Wappen, mit dem die Standesqualität der Taxis bestätigt und im Reich anerkannt wurde, blieb bis zur Erhebung der Thurn und Taxis in den erblichen Fürstenstand erhalten…

Literatur: Wolfgang Behringer, Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003. Wolfgang Behringer, Thurn und Taxis. Geschichte ihrer Post und ihrer Unternehmen. München/Zürich 1990. Martin Dallmeier/Martha Schad, Das Fürstliche Haus Thurn und Taxis. 300 Jahre Geschichte in Bildern. Regensburg 1996. Dietrich Schwennicke (Hrsg.), Europäische Stammtafeln. Stammtafeln zur Geschichte der europäischen Staaten. Neue Folge. Bd. 5. Marburg 1988, Tafeln 121–145.

Prof. Dr. Wolfgang Behringer

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