Die Manufakturen von Wien und Sèvres ...in verbotener Liebe erzeugt - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Die Manufakturen von Wien und Sèvres

…in verbotener Liebe erzeugt

Porzellan war in höfischen und adligen Kreisen in ganz Europa ein begehrtes Luxusgut. So verwundert es nicht, dass in Wien, Sèvres und anderen Städten bald eigene Porzellanmanufakturen gegründet wurden, in deren Glanz sich die Herrscherhäuser sonnen konnten.

Acht Jahre nachdem August der Starke die Porzellanmanufaktur auf der Albrechtsburg in Meißen ins Leben gerufen hatte, gründete der Wiener Hofkriegsagent Claudius Innocentius du Paquier 1718 die zweite Porzellanmanufaktur des europäischen Kontinents. Durch ein „Special Privilegium“ sicherte Kaiser Karl VI. (171–1740) der neugegründeten Manufaktur das Monopol der Porzellanherstellung in den habsburgischen Erbländern. Der Sieg über die Osmanen 1683 hatte ein neues Selbstbewusstsein zur Folge, das auch von einem wirtschaftlichen Aufschwung getragen wurde. Luxusartikel wie Porzellan, Möbel oder Seide fanden bei Hof und Adel zahlreiche Abnehmer. Wien erlebte eine hochbarocke Blüte, die einem kulturellen Umbruch gleichkam, an dem sich das Kaiserhaus sowie nahezu jede Familie von Rang und Namen durch die Förderung künstlerischer Projekte beteiligte. Es kam zu neuartigen Entwicklungen im Bereich der Architektur, Malerei, Bildhauerei sowie in der angewandten Kunst.

In dieses Ambiente fiel die Gründung der Wiener Porzellanmanufaktur. Diese war zunächst im Gräflich Kunstein’schen Haus in der Rossau untergebracht. 1864 wurde die Manufaktur geschlossen und erst 1923 im Schloss Augarten in der Leopoldstadt wiedereröffnet. Der relativ zeitnah zur Meißener Porzellan‧herstellung gelegene Produktionsbeginn war möglich geworden, weil es du Paquier trotz der strengen sächsischen Sicherheitsvorkehrungen gelungen war, die Zusammensetzung der Por‧zellanmasse zu entschlüsseln. Wesentlichen Anteil daran hatten zwei ehemalige Mitarbeiter aus Meißen. Zunächst holte du Paquier 1717 den Vergolder, Porzellan- und Emailmaler Christoph Conrad Hunger nach Wien und einige Zeit später den lange Zeit unter Johann Friedrich Böttger tätigen Arkanisten Samuel Stöl(t)zel (1685–1737).

Diese aus Meißener Sicht wenig erfreulichen Umstände der Gründung bewogen den späteren Manufakturdirektor Benjamin von Scholz 1819 zu der Äußerung: „Die erste Tochter der Meißner Porzellanmanufaktur war die Wiener, und diese wurde in verbotener Liebe erzeugt.“ Die Zusammenarbeit mit den Meißener Mitarbeitern währte allerdings nicht lange. Aufgrund der prekären finanziellen Lage kehrte Stölzel bereits im April 1720 nach Meißen zurück. Hunger verließ wenig später Wien in Richtung Venedig, um 1724 ebenfalls wieder nach Meißen zu gehen. In zweifacher Hinsicht erwies sich Stölzels Rückkehr für die Wiener Manufaktur als verhängnisvoll. Zum einen nahm er den verheißungsvollen jungen Porzellanmaler Johann Gregorius Höroldt (1696–1775), der bis dahin in Wien tätig gewesen war, mit nach Sachsen. Zum anderen hatte Stölzel das Herzstück der Porzellanproduktion, die Porzellanmasse, unbrauchbar gemacht. Da Stölzel versicherte, er habe niemandem das Geheimnis der Porzellanherstellung „so weit offenbaret, dass die Fabrique [in Wien] … ohne ihn fortgeführet werden könne“, wurde er im Juni 1720 wieder in Meißen aufgenommen. Allerdings lag Stölzel mit dieser Einschätzung falsch: Du Paquier besaß in der Zwischenzeit ausreichendes Wissen, um die Porzellanherstellung unter seiner eigenen Regie fortzuführen.

Parallel zum wachsenden Angebot stieg auch der Bedarf an Porzellanerde, deren Beschaffung 1729 äußerst schwierig wurde. In diesem Jahr verbot August der Starke – zum Schutz der Produktion in Meißen – die Ausfuhr der weißen Erde aus dem sächsischen Aue. Ersatz für die „Schnorr’sche Erde“, die ihre Bezeichnung nach dem Grubenbesitzer Veit Hans Schnorr von Carolsfeld erhielt, wurde in der Passauer Erde gefunden. Diese im Bayerischen Wald gegrabene Erde verlieh dem Paquier-Porzellan sein typisches gräuliches Erscheinungsbild.

Anzeige

Trotz des Engagements du Paquiers geriet der Betrieb immer wieder in finanzielle Schwierigkeiten. Nach der Aufnahme eines Darlehens erhielt er auf kaiserlichen Wunsch hin monetäre Unterstützung durch die Stadt Wien. Außerdem wurden Preisschießen und Porzellan-Lotterien zur Schuldentilgung veranstaltet. Doch 1744 kam das endgültige Aus, du Paquier musste die Manufaktur an das Herrscherhaus verkaufen. Mit dieser Umstrukturierung war zugleich eine neue Stilrichtung in der Porzellangestaltung verbunden, und die mittlerweile veralteten Warenbestände wurden bei Porzellan-Lotterien veräußert.

Insgesamt zeichnet sich die Zeit du Paquiers durch in Form und Dekor vielfältige Produkte aus. Die Bandbreite reichte von Speisegeschirren über Tafeldekorationen, Vasen und Töpfe für die durch den Versailler Hof populär gewordene olla podrida (spanischer Eintopf) bis hin zu Krügen, Kühlbecken, Kerzenleuchtern, Uhren und Spiegelrahmen. Verlangt wurde ebenfalls nach Tabakspfeifen, Besteckgriffen sowie Trinkgefäßen für die Heißgetränke Kaffee, Tee und Schokolade, die damals sehr à la mode waren. Reizvoll im Zusammenhang mit dem Modegetränk Schokolade sind sogenannte Trembleusen, bei denen ein fest appliziertes Gitter um den Spiegel der Unterschale das Verrutschen der Tasse beim Transport bzw. beim Zittern (französisch trem-bler ) verhindert. Als praktische Ergänzung sind die Unterschalen der Wiener Manufaktur vielfach oval, was die Ablage von Löffel und Gebäck ermöglichte.

Das Sortiment der Periode du Paquiers umfasste gleichfalls „kostbare Geschirre und Aufsätze zu Früchten und Confituren auf Taffeln, … [die] … sehr theuer bezahlet werden“. Zu den wertvollen Luxusporzellanen gehört ein Geschirrsatz mit über 30 Terrinen und Kühlgefäßen aus der Zeit von 1730/1735. Er entstand im Auftrag Kaiser Karls VI. und wurde wohl als Geschenk an Zarin Anna Iwanowna (1693–1740) überreicht, deren Wappen die Geschirrteile ziert. Mit solchen kostbaren Geschenken konnten nicht nur diplomatische Beziehungen gepflegt, sondern zugleich die Leistungsfähigkeit und Modernität der Wiener Porzellanmanufaktur in die Welt getragen werden…

Literatur: Johann Kräftner (Hrsg.), Barocker Luxus Porzellan. Die Manufakturen Du Paquier in Wien und Carlo Ginori in Florenz. München 2005. Elisabeth Sturm-Bednarcyk (Hrsg.), Claudius Innocentius du Paquier. Wiener Porzellan der Frühzeit. Wien 1994. Meredith Chilton / Claudia Lehner-Jobst, Fired by Passion. Barockes Wiener Porzellan der Manufaktur Claudius Innocentius du Paquier. 3 Bände. Stuttgart 2009. Waltraud Neuwirth, Die Wiener Porzellan-Manufaktur Augarten. Wien 1992. Andreas Dobler / Markus Miller, König‧liches Porzellan aus Frankreich. Sammlerstücke und Service der Manufaktur Vincennes. Eichenzell 1999. Bernd Hakenjos (Bearb.), Sèvres-Porzellan. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Düsseldorf 1975.

Porzellan – sein Siegeszug durch Europa Die Manufakturen in Wien und Sèvres gehören bis heute zu den berühmtesten in Europa. Der Merkantilismus, der im 18. Jahrhundert die Wirtschaftspolitik der europäischen Staaten bestimmte, war geprägt von möglichst hohen Exporten bei gleichzeitig niedrigen Importen. Die Einfuhr ausländischer Waren wurde entweder verboten oder mit hohen Zöllen belegt. Gefördert wurde vor allem die Herstellung von Luxusgütern im eigenen Land. Vor diesem Hintergrund strebten die europäischen Staaten die Gründung eigener Porzellanmanufakturen an. Im Zuge der Wirtschaftsförderung kam es im 19. Jahrhundert zu weiteren Manufakturgründungen. Hier eine Übersicht über bedeutende europäische Porzellanhersteller, in Klammern Gründungsort und -jahr: Vezzi (Venedig, 1720), Ginori (Florenz, 1735), Capodimonte (Neapel, 1743), Vista Alegre (Ílhavo/Portugal, 1824), Bernadaud (Limoges, 1863), Royal Worcester (1751), Derby (1755), Wedg‧wood (Stoke-on-Trent, 1759), Royal Doulton (London / Stoke-on-Trent, 1815), Herend (Ungarn, 1826), Haas & Czjzek (Schlaggenwald / Horní Slavkov, Böhmen, 1792), Kaiserliche Porzellanmanufaktur (St. Petersburg, 1744), Royal Copenhagen (1775), Rörstrand (Stockholm, 1726), Loosdrecht (Nord-Holland, 1774), Langenthal (Aargau, 1906).

Dr. Dagmar Lekebusch

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

Beu|ger  〈m. 1; Anat.〉 Muskel zur Beugung (eines Gliedes); Sy Beugemuskel ... mehr

Pha|ryn|go|lo|gie  〈f. 19; unz.; Med.〉 Lehre von den Krankheiten des Rachens [<grch. pharynx ... mehr

Kon|zert  〈n. 11〉 1 〈Mus.〉 1.1 öffentl. Aufführung von Musikwerken  1.2 Musikstück für Soloinstrument u. Orchester (Violin~) ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige