Die altägyptische Heilkunst Jeder Ort ist voll von Ärzten - wissenschaft.de
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Die altägyptische Heilkunst

Jeder Ort ist voll von Ärzten

Altägyptische Ärzte und ihre Heilkunstbesaßen hohes Ansehen und genossen weit über die Landesgrenzen hinaus einen hervorragenden Ruf. Oft wandten sich daher auch ausländische Herrscher in medizinischen Angelegenheiten an den Pharao.

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, dass Kyros, der Begründer des Achämenidenreichs, wegen einer Augenkrankheit bei Pharao Amasis (570 – 526 v.Chr.) anfragen ließ, ob er von einem ägyptischen Augenarzt geheilt werden könne, und der Hethiterkönig Hattuschili III. schrieb an Ramses II. (1290–1224 v.Chr.) einen Brief mit der Bitte, ihm einen fähigen Arzt zu schicken. Dieser solle Hattuschilis Schwester eine Arznei bereiten, um sie gebären zu lassen. In diesem Fall stieß aber selbst ägyptische Heilkunst an ihre Grenzen: In seiner Antwort weist Ramses darauf hin, dass er die Dame kenne und sie schon 50, wenn nicht gar 60 Jahre zähle, und „eine Frau, die schon so alt ist, kann durch keine Arznei mehr gebären“. Aber nicht nur Könige profitierten von der ägyptischen Heilkunst: Auch einfache Leute reisten in das Land der Pharaonen, um sich dort ärztlich behandeln zu lassen, wie eine Darstellung aus dem Grab des Arztes Nebamun aus der 18. Dynastie zeigt. Darauf sind ein syrischer Kaufmann und seine Frau zu sehen, wie sie einen Heiltrank entgegennehmen.

Bereits in der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. war die ägyptische Heilkunst, die vor allem auf Beobachtung und empirischer Behandlung basierte, hoch entwickelt. Nach heutigen Maßstäben lassen sich dabei allerdings erprobte Heilmittel und Magie nicht immer klar trennen: Für den Ägypter waren sie komplementäre Behandlungsmethoden. Zahlreiche Ärzte sind uns namentlich bekannt, die in ihren Biographien oft auch ihre Spezialisierungen erwähnen. Chirurgie, Augen- und Zahnheilkunde, Gynäkologie, Innere und Veterinärmedizin sowie Heilpflanzenkunde waren die wichtigsten. Von einem derartigen „Fachärztetum“ war Herodot, der um das Jahr 450 v. Chr. Ägypten bereiste, sehr beeindruckt: „Die ärztliche Kunst ist in Ägypten auf folgende Weise verteilt. Jeder Arzt behandelt [nur] eine einzige Krankheit und nicht mehrere. Und jeder Ort ist voll von Ärzten; es gibt dort Ärzte für die Augen, für den Kopf, für die Zähne, für den Unterleib und für die inneren Krankheiten.“

Medizinische Lehrbücher – überwiegend aus der Zeit von 1900 bis 1200 v.Chr. – boten den Ärzten ein ganzes Spektrum an Krankheiten und gaben Prognosen über deren Heilbarkeit ab, so dass wir uns ein recht gutes Bild darüber machen können, wie die Behandlung der Patienten ablief. Nach eingehender Untersuchung und einer Diagnose stellte der Arzt fest, ob die Krankheit behandelbar war. Dann wurden spezielle Behandlungsmaßnahmen eingeleitet oder – je nach Fall – Wunden gereinigt und verbunden, Knochenbrüche geschient, Kiefer und Schultern eingerenkt sowie Heilmittel verabreicht, die der Arzt in der Regel selbst herstellte. Viele von ihnen enthielten hochwirksame Bestandteile auf pflanzlicher, mineralischer oder tierischer Basis, deren therapeutischer Nutzen und Anwendung in Handbüchern über Arzneimittelpflanzen festgehalten waren.

Ein spezifisch wirksames Wurmmittel war etwa die Wurzel des Granatapfelbaums – es wird noch heute erfolgreich gegen Bandwürmer verabreicht. Gegen Entzündungen im Mund- und Rachenbereich verordnete man Myrrhe-Tinktur, damals wie heute ein bewährtes Hausmittel. Die Heilpflanzen wurden innerlich wie äußerlich angewendet und in der Verabreichungsform äußerst variabel eingesetzt: als Aufguss, Inhalation, Spülung, Sirup, Salbe oder Pille. In-teressante Untersuchungen führt auf diesem Gebiet die Hamburger Ägyptologin Renate Germer durch, die sich der Aufgabe verschrieben hat, altägyptische Heilpflanzen für die moderne Medizin zu erschließen.

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Besonders fortgeschritten waren die Wundversorgung und die Chirurgie. Der nach seinem Käufer benannte Papyrus Edwin Smith ist ein spezielles chirurgisches Handbuch, in dem die Symptome unterschiedlicher Brüche beschrieben sowie eine Diagnose und eine Prognose für die Heilungschancen gegeben werden. Er wurde zwar erst um 1550 v.Chr. niedergeschrieben, seine Abfassung datiert aber wohl bereits in das Alte Reich. Typisch ist der Fall eines perforierten Schädels, den der Arzt untersucht und als heilbar einstuft: „Wenn du einen Mann mit einer Klaffwunde an seinem Kopf untersuchst, die bis zum Knochen reicht, dann sollst du deine Hand auf ihn legen und seine Wunde abtasten. Wenn du seinen Schädel ohne Spalt und Loch vorfindest, dann musst du dazu sagen: Einer mit einer Klaffwunde an seinem Kopf. Eine Krankheit, die ich behandeln werde. Dann sollst du ihn am ersten Tage mit frischem Fleisch verbinden und ihm zwei Binden aus Stoff anlegen. Behandle ihn danach jeden Tag mit Öl/Fett, Honig, Fasern, bis es ihm bessergeht.“ …

Prof. Dr. Heike Sternberg-el-Hotabi

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