Kulturelle Auswirkungen des Alexanderzugs Jenseits des Oxos - wissenschaft.de
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Kulturelle Auswirkungen des Alexanderzugs

Jenseits des Oxos

Zwei Jahre lang, von 329 bis 327 v. Chr., hielt Alexander sich in den von einer 200-jährigen achämenidischen Herrschaft altorientalisch-persisch geprägten Satrapien östlich des Oxos auf. Sein eigener Aufenthalt selbst hinterließ nur wenige Spuren – und legte doch den Grund für Neues.

Als Alexander von Persien kommend den Hindukusch überquerte, war er 27 Jahre alt. Sein Heer war beständig gewachsen und spiegelte in seiner Mischung die vielen Völker des persischen Reichs. Der Zug der Zehntausende – Männer, Frauen und Kinder, Lasttiere und Wagen – über die schmalen und steilen Geröllpfade des Paropamisos (Hindukusch) ist kaum vorstellbar. Die Geschichte seiner Überquerung verdeutlicht einmal mehr die Strapazen, die der junge König und Feldherr sich und seinem Heer zumutete.

Warum? Um seine „Sehnsucht“ zu stillen, den Drang nach bislang Unerreichtem, seinen pothos, wie Plutarch schreibt? Um das Ende der Welt zu finden? Immerhin hatte er viel von dem, was ihn Aristoteles gelehrt hatte, während seiner Eroberungen bestätigt gefunden – der „Rand“ der Erde aber lag noch in weiter Ferne. Oder um seine Herrschaft über das persische Reich, den Titel „König von Asien“ zu legitimieren, den auch Bessos beanspruchte, der Satrap von Baktrien und Sogdien, Schwager und Mörder des Dareios? Um die verbliebenen Satrapien des persischen Reiches zu erobern, Baktrien und Sogdien, die als reiches „Land der 1000 Städte“ galten? Vermutlich spielte alles eine Rolle. Zudem hatte Alexander aus seinen bisherigen Erfolgen die unverwüstliche Einschätzung gewonnen, dass alles möglich sei und er alles erreichen könne. Sein enormes Selbstvertrauen mobilisierte, einte und diszipli‧nierte sein buntes Heer ebenso wie sein fester Glaube an das Wohlwollen der Götter.

Nach dem heimtückischen Mord an Dareios hatte sich Bessos in seine Satrapien zurück‧gezogen. Alexander folgte ihm über den Hindukusch, marschierte nordwärts durch Baktrien und erreichte den Oxos. In den Landschaften jenseits dieses größten zentralasiatischen Flusses (im heutigen Usbekistan und Tadschikistan) hielt er sich zwei Jahre lang auf. Für diese ereignisreichen Jahre gibt es eine umfangreiche literarische Überlieferung. Die Autoren schildern neben den kriegerischen Ereignissen Begebenheiten aus dem Leben Alexanders, die seine menschliche Seite zeigen, vor allem seinen Jähzorn, seine Trunk- und wohl auch Herrschsucht sowie seinen unbändigen Stolz – Schwächen, die das widersprüchliche Bild der späteren AlexanderBiographien nachhaltig prägen sollten.

In diese Zeit fallen die tragischen Tode des Kleitos und des Kallisthenes: Den Ersten, einen langjährigen Begleiter, der ihm in der Schlacht am Granikos das Leben gerettet hatte, tötete Alexander durch einen Speerwurf, als jener ihn während eines Gastmahls trunken schmähte; den Zweiten, der über Jahre Alexanders Ruhm in Versen verbreitet hatte, jedoch in Ungnade gefallen war, weil er die Proskynese als Vergöttlichung eines lebenden Herrschers ablehnte (siehe Seite 24), ließ er der Verschwörung anklagen und hinrichten. Philotas schließlich, der Sohn des makedonischen Feldherrn Parmenion, wurde hingerichtet, weil er sich mehrfach gegen Alex-ander gestellt haben soll. Hintergrund der in der antiken wie in der modernen Literatur vieldiskutierten Ereignisse sind immer Unmutsäußerungen im Gefolge Alexanders – was dieser nicht duldete und im Keim erstickte.

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Die Kämpfe, die Alexander und seine Leute in Zentralasien ausfochten, waren mühsam – eine Art Guerillakrieg in zerklüfteten Berglandschaften, über lange Zeit unentschieden. Bessos hatte sich mit den Massageten verbündet, einem nomadisierenden Reitervolk, dessen zersplitterte Angriffstechnik die sonst so schlagkräftige Aufstellung der Phalanx unwirksam und gefährlich werden ließ (die makedonische Phalanx war eine dichtgeschlossene Infanterieformation, deren Stärke die Langwaffen waren; eine Flucht aus ihr war nahezu unmöglich). Alexander zog dar-aus die strategische Konsequenz, in den Bergen zwischen Baktra und Marakanda (Samarkand) Festungen zu bauen.

Bei der Eroberung einer gegnerischen Festung in den sogdischen Bergen soll Alexander unter den Gefangenen Roxane begegnet sein. Da sie als „Prinzessin“ oder „Fürstentochter“ beschrieben wird, ist anzunehmen, dass die gesamte Familie eines regionalen Oberhaupts in der Festung Zuflucht gesucht hatte und in Gefangenschaft geraten war. Alexander heiratete Roxane. In den Augen seiner makedonischen Gefolgs‧leute ein Unding: Der makedonische König und nun auch legitime König von Asien heiratete die Tochter eines kleinen Stammesfürsten, eines Barbaren, der griechischen Sprache nicht mächtig. Damit missachtete er die Verantwortung, die er für das Erbe seines Reichs trug. Denn ein legitimer Nachfolger konnte nur aus einer Verbindung mit einer Frau hervorgehen, die im hellenischen Kulturraum wurzelte. Wie entrüstet die Leute reagierten, zeigen die Berichte seiner antiken Biographen. Sie mutmaßten, dass es sich um eine politische Entscheidung gehandelt habe: einen weiteren Schritt in Richtung der von Alexander angestrebten Gleichstellung der Völker Persiens mit den Griechen und Makedonen.

Vermutlich haben die Biographen recht. Mit der Hochzeit demonstrierte Alexander seine Pläne eines geeinten Vielvölkerstaats, seine Vorstellung vom Alexanderreich. Der symbolische Akt der friedlichen Vereinigung von Griechen bzw. Makedonen und Ein‧heimi‧schen ging einher mit der gegenseitigen Tolerierung und einer beginnenden Annäherung der verschiedenen Sitten, Bräuche, Religionen. Vor allem aber verstummten zunächst die Waffen, und Alexander konnte Sogdien und Baktrien verlassen. Während er nach Indien weiterzog, blieben Tausende Veteranen und ihre Frauen zurück; sie ließen sich in neugegründeten Städten wie Alexandria Oxiana (Termes? Kampyr-Tepe?) oder Alexandria Eschate (Chodschend) bzw. in nun expandierenden Siedlungen wie Marakanda nieder.

Dr. Ellen Kühnelt

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