Friedrich I. – ein kollektives Erinnerungsgut Kaiser Rotbart - wissenschaft.de
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Friedrich I. – ein kollektives Erinnerungsgut

Kaiser Rotbart

Kaiser Friedrich Barbarossa gehört ohne Zweifel zu den besonderen „Erinnerungsfiguren“ deutscher Geschichte. Mag auch das Mittelalter seine identitätsbildende Funktion längst verloren haben, Friedrich Barbarossa hält sich in der Erinnerung fest.

Mit der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 trat der Kaiser wieder in Aktion, als ein Berg, der Kyffhäuser, der bis dahin die Trennung von Ost und West markierte, zum Verbindungsort der neuen Einheit mutierte. Im „Handelsblatt“ vom 19. Februar 1993 wird auf den seltsamen Zufall hingewiesen, daß die neue Einigung genau 800 Jahre nach dem Tod Barbarossas erfolgt sei und der Kaiser in seinem Zauberberg nun wieder alle deutschen Dialekte höre, während er vorher vorwiegend mit sächsisch habe vorlieb nehmen müssen.

Solche Äußerungen stehen in einer langen Tradition, die bis in das spätere Mittelalter zurückreicht. Anfangs war es Barbarossas Enkel, Friedrich II., nach dessen Wiederkehr man sich sehnte. Nach seinem Tod 1250 entstand die Vorstellung, dieser sei mit seinem Heer in den Ätna geritten und werde von dort als Friedenskaiser wiederkommen. Aber der Ätna war weit, und die deutsche Provinzialisierung griff um sich, so daß man im 15. Jahrhundert nicht mehr vom Heiligen Römischen Reich sprach, sondern von einem „deutscher Nation“. Friedrich II. wurde den Italienern überlassen, und Friedrich Barbarossa trat in den Vordergrund. Nun entwickelte sich die Sage, Kaiser Friedrich I. schlafe im Kyffhäuser in Thüringen. Eine Kölner Chronik vertrat kurz vor 1500 die Auffassung, er sei „so heimlich gestorben“, daß von seinen Zeitgenossen niemand sicher gewußt habe, ob er tot wäre oder nicht. Daher seien viele Leute der Ansicht, „dat he noch leve“, und zwar im Westreich bei Kaiserslautern. Von 1537 stammt eine Flugschrift, die erstmals genauere Angaben macht: Bei Kaiserlautern befinde sich ein steinerner Fels mit einer großen Höhle, in der Barbarossa seine Wohnung haben soll. Ein Mann, der in die Felsenhöhle hinabgelassen worden sei, habe tatsächlich „Keiser Friderichen in eim güldinen sessel“ sitzen sehen, „mit einem grauen Bar“ und mit „vil leut“ umgeben.

Im 16. und 17. Jahrhundert konzentrierte sich das Interesse darauf, wo Barbarossas wirkliche Schlafstätte sei. In der Pfalz und im Nordelsaß ging die Nachricht um, man müsse jede Nacht dem Kaiser auf dem Trifels ein Bett machen. Im Elsaß richtete man die Blicke auf Bibelstein (bei Sennheim): Dort säße unter einem Fels Barbarossa, und wenn es ringsum still sei und man das Ohr an den Stein halte, höre man, wie ihm der Bart wachse. Aus dem 18. Jahrhundert schließlich erfahren wir, daß dem Kaiser sein roter Bart schon durch den Tisch bis auf die Füße gewachsen sei…

In allen diesen Jahrhunderten war Barbarossa ein Kaiser unter anderen, und eine bestimmte nationale Erwartung konzentrierte sich nicht allein auf ihn. Dies änderte sich erst mit dem Ende des Reiches 1806. Der habsburgische Kaiser fiel nun als Verkörperung der Reichseinheit weg. Die romantische Suche nach Zusammengehörigkeit des deutschen Volkes schuf sich eine neue Symbolfigur: Friedrich Barbarossa. Er stand für die Sehnsucht nach Wiederherstellung der vermeintlichen alten Reichsherrlichkeit, die durch den losen Staatenbund des Deutschen Bundes keineswegs verwirklicht schien.

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Als die Brüder Grimm 1816 und 1818 ihre „Deutschen Sagen“ veröffentlichten, erschien im zweiten Teil auch die thüringische Sage von „Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser“. Das war der Durchbruch: Die Sage wurde zu einem kollektiven Erinnerungsgut der Deutschen. Hinfort unterlag es keinem Zweifel mehr, daß der alte weise Barbarossa im Kyffhäuser sitze. Den Berg umkreisten Raben. Solange sie flögen, müßte Barbarossa schlafen, aber seien sie einmal verschwunden, dann würde er aufstehen und seinen Schild an einen dürren Baum hängen, auf daß dieser Baum wieder grünte und eine bessere Zeit heraufkäme.

Noch wichtiger wurde allerdings Friedrich Rückerts Ballade von 1817, die dem Staufer endgültig die Rolle des nationalen Hoffnungsträgers zuwies. Nun fehlte nur noch eine genauere Beschreibung des Retters. Diese holte Friedrich von Raumer in seiner „Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit“ (1823–1825) nach. Er entwarf das Bild einer idealisierten tugendhaften Herrschergestalt. Furchtbar und streng habe er sich den Widerstrebenden gezeigt, versöhnlich aber gegenüber den Reuigen; die Beachtung von Recht und Gesetz sei ihm stets höchste Richtschnur gewesen… Diese Idealgestalt eines Kaisers wurde von einem breiteren Publikum begierig aufgenommen, und eine Flut von Stauferdramen setzte ein. Friedrich Barbarossa erhielt damit im Geschichtsbild der Deutschen ein immer höheres Ansehen. Dies zeigt sich deutlich beim Projekt für den Weiterbau des Kölner Doms, für das am 4. September 1842 der Grundstein gelegt wurde. Barbarossa, in dessen Zeit die Gebeine der heiligen Drei Könige nach Köln gebracht worden waren, wurde zum Schutzpatron des nationalen Dombauprogramms. „Er ist der Geist des Nationalgefühls und des Nationalstolzes, der Geist der Religiosität und der Poesie, der Freiheit und der Einheit“, faßte der Schriftsteller und Bibliothekar Levin Schücking die Stimmung zusammen. Auch die Frankfurter Paulskirche knüpfte an diese Vorstellungen an. Gustav von Meyern fing in seinem Gedicht „Kaiser Rotbart“ die Stunde der Revolution ein: „Horch, da dröhnt’s wie Erderbebung rings jetzt durch des Reiches Festen! … Und der Kaiser aus dem Schlafe fährt empor … Von Nord und Süd die Männer mit den Männern sich verbünden, / Um zu neuer deutscher Größe einen sichern Bau zu gründen.“ …

Prof. Dr. Stefan Weinfurter

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