Pariser Warenhaus-Legenden Kathedralen des Handels - wissenschaft.de
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Pariser Warenhaus-Legenden

Kathedralen des Handels

Die Pariser Kaufhäuser „La Samaritaine“ und „Le Bon Marché“ setzten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue Maßstäbe: Auf die Kunden warteten wahre Einkaufstempel mit einer bis dahin nicht gekannten Angebotsfülle. Ihre Inhaber waren aber nicht nur geniale Unternehmer, sondern auch paternalistische Wohltäter ihrer stetig wachsenden Belegschaft.

An der westfranzösischen Atlantikküste, vor den Toren von La Rochelle, erstreckt sich die Île de Ré. Als Ernest Cognacq am 2. Oktober 1839 im Hauptort Saint-Martin-de-Ré geboren wurde, galt die vom Salz- und Weinhandel lebende Insel noch als exotische Provinz. Erst anderthalb Jahrhunderte später sollte das bäuerlich-archaische Ré die Metamorphose zur schicken Feriendestination der Pariser Gesellschaft vollziehen. Die Migration vom Rand ins Zentrum hatte – freilich aus anderen Motiven – weitaus früher eingesetzt.

Ernest Cognacq wuchs als Halbwaise bei seinem Vater auf, einem Amtsschreiber im Handelsgericht von Saint-Martin. Dieser starb, als der Sohn zwölf Jahre alt war. Ganz auf sich gestellt, verließ Ernest die Schule und brachte sich in La Rochelle, Rochefort und Bordeaux als calicot durch, als Gehilfe in Modewarengeschäften. (Die Bezeichnung calicot geht auf die nach der indischen Stadt Kalkutta benannte Baumwollsorte Kaliko zurück.) Doch bald zog es den aufgeweckten Jungen in die weite Welt. Den Traum der Pariser Weltausstellung 1855 vor Augen, machte er sich auf in die Metropole und heuerte in den „Galeries du Louvre“ (später: „Grands Magasins du Louvre“, heute: „Le Louvre des Antiquaires“) an, die im Erdgeschoss der 700-Betten-Luxusherberge „Hôtel du Louvre“ Einzug gehalten hatten. Seine Mitarbeit dort währte nur kurz, Meinungsverschiedenheiten mit Kollegen kosteten ihn den Job. Als ein Niemand aus der Provinz hatte er schlechte Karten, also kehrte er nach La Rochelle zurück. Doch der Reiz des großen Warenzaubers war übermächtig und der Ehrgeiz des Jungen, in der Welt des Handels zu reüssieren, ungebrochen. Tatsächlich sollte Ernest Wirtschaftsgeschichte schreiben – als Gründer des Pariser Warenhauses „La Samaritaine“.

Solche „Kathedralen des Handels“ wie „La Samaritaine“ wurden zu einer Chiffre der Moderne. Sie repräsentierten eine völlig neue Form des Wirtschaftens und des Konsums. Die Industrialisierung ermöglichte die Massenproduktion von Waren, die Eisenbahn deren zügige Beförderung wie auch eine höhere Mobilität der Kunden.

Die neuen Großkaufhäuser brachten den Einzelhandel in Bedrängnis und inszenierten den Konsum als Erlebnis. Eine avantgardistische Stahl-Glas-Architektur überspannte gigantische, lichtdurchflutete Verkaufsräume; am Abend rückten elektrische Lampen das üppige Angebot ins Rampenlicht. Eine Weltausstellung en miniature gewissermaßen, deren Tore ganzjährig geöffnet blieben. Die Auswahl an Waren war enorm. Sie reichte vom Luxusobjekt bis zur billigen Massenware, wurde auf Plakaten, in Kalendern oder per Katalog beworben. Immer neue Kollektionen und Aktionen lockten Besucher in Scharen. Sie flanierten, ganz ohne Kaufzwang. Doch sie konsumierten trotzdem reichlich. Immer neue Tempel entstanden: „Le Bon Marché“, die „Grands Magasins du Louvre“, „Le Printemps“, „La Samaritaine“, „Les Galeries Lafayette“, um nur einige der legendären Pariser grands magasins zu nennen. Die kapitalistische Marktwirtschaft beschleunigte den Umlauf des Geldes und den Umschlag der Waren. Produzenten wie Händler vertrauten auf das freie Wechselspiel von Angebot und Nachfrage – und auf das unerschöpfliche Potential des Marktes. Sie setzten viel Geld ein – und immer mehr Fremdkapital, dessen Zinsen es erst zu verdienen galt. Damit kam jene „Wachstumsspirale“ in Gang, deren Zwänge schon in der Gründerzeit die Kapitalismuskritiker auf den Plan riefen.

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Die Industrielle Revolution bedingte auch einen breiten gesellschaftlichen Wandel. Sie brachte einen dynamischen Unternehmertypus hervor und, mit den Angestellten, einen neuen Mittelstand. Abertausende Menschen flohen vor der Armut auf dem Land, um in den Zentren der Produktion und des Handels ihr Glück zu versuchen. Auch Ernest Cognacq wagte einen weiteren Anlauf. Diesmal fand er Arbeit im Pariser Großkaufhaus „La Nouvelle Héloïse“, wo er seine spätere Frau, die aus Obersavoyen stammende Marie-Louise Jay, kennenlernte. Für die beiden folgten zunächst magere Jahre.

Ernest absolvierte noch weitere Arbeitssta-tionen, etwa im noblen Kaufhaus „Au Tapis Rouge“, ehe er 1867 in einem Speicher der Rue Turbigo seinen eigenen Textilstand „Au petit Bénéfice“ eröffnete. Über dem Eingang lockte ein Transpa‧rent mit der Losung: „Hier zahlt man keine Luxussteuer“. Vielleicht war der Firmenname unglücklich gewählt, denn der „Bénéfice“, der Gewinn, erwies sich als gar zu klein, und Cognacq ging in Konkurs. Wieder begann er von vorn, als fliegender Händler quer durch Frankreich. Dann der dritte Versuch in Paris. Der Kaufmann präsentierte sein Stoffsortiment nun in einer Nische des Pont Neuf, auf Kisten mit rotem Baumwollbezug. Alsbald trug ihm sein Geschäftssinn den Beinamen „Napoleon des Straßenhandels“ ein. Auf ebendieser Brücke hatte sich einst ein hydraulisches Pumpwerk befunden, das den Louvre und Umgebung mit Seine-Wasser versorgte. Im Volksmund hieß das 1813 zerstörte Pumpengebäude „La Samaritaine“ – wegen seines Reliefs, das Jesus und die Samariterin am Jakobsbrunnen zeigte. Ganz nahe jener Stelle baute Ernest Cognacq seinen Verkaufsstand auf.

Kurz vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs 1870 verfügte der Händler über ausreichend Erspartes, um am rechten Seine-Ufer, in der Rue du Pont-Neuf, einen Raum in einem Café zu mieten. Er nannte auch diesen ersten eigenen Laden „Au petit Bénéfice“, um die Klientel der nahen Markthallen und des Kaufhauses „À la Belle Jardinière“ anzusprechen. Die Zeiten waren hart. Ein Hungerwinter war überstanden, der Krieg gegen Deutschland verloren. Paris geriet für Wochen unter die „Arbeiterherrschaft“ der Kommune – und Cognacq in die Klemme, drohte ihm doch die Mobilisierung als Nationalgardist, was zwangsläufig die Aufgabe seines Ladens bedeutet hätte. Doch der kreative Unternehmer erbat sich eine alternative Form der Mitwirkung und belieferte die Gardisten mit Hosen …

Ende Mai 1871 war das revolutionäre Experiment der Kommunarden – mit hohem Blutzoll – gescheitert, die Stadt in weiten Teilen verwüstet. Auf diesen Trümmern baute Cognacq seine große Karriere auf. Er stellte zwei Verkäufer ein, gestaltete das Lokal um und gab ihm einen neuen Namen: „La Samaritaine“. Damit war der Grundstein für die „Grands Magasins de la Samaritaine“ gelegt. Das Motto über dem Ladeneingang, per laborem (durch Arbeit), nahmen die Verkäufer als Ehrennamen für ihren diszipli‧nierten, unprätentiösen Chef. 1872 heiratete Cognacq Marie-Louise Jay, damals Leiterin der Konfektionsabteilung im allerersten grand magasin, dem „Bon Marché“. Der Warentempel am gegenüberliegenden Seine-Ufer diente dem Paar als Modell, etwa in der Organisation von ergebnisverantwortlichen Abteilungen oder der Kalkulation mit Fixpreisen, die ausgeschildert wurden.

Im Jahr 1875 erwirtschaftete „La Samaritaine“ mit nunmehr 40 Verkäufern einen Umsatz von 800000 Francs. 1894 waren es 3 000 Angestellte, und der Umsatz belief sich auf 40 Millionen Francs. 1925 wurde die Milliarde überschritten – bei einem Beschäftigtenstand von 8 000. Die betriebliche Umsicht des Gründers war bald ebenso Legende wie die Höflichkeit seines Verkaufspersonals. Die zahlreichen, bis 1933 durchgeführten Um- und Anbauten im Stil des Art nouveau trugen die Handschrift der Architekten Frantz Jourdain und Henri Sauvage. Die Verkaufsfläche des Warenhauses erreichte stolze 48000 Quadratmeter…

Dr. Ingeborg Waldinger

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