Kaiser Heinrich VII. Kein italienisches Fiasko - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Kaiser Heinrich VII.

Kein italienisches Fiasko

Einen Schwärmer und Träumer hat man Kaiser Heinrich VII. genannt, der die Reichsrechte auch in Italien wieder durchsetzen wollte. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß sein Vorstoß nach Süden durchaus erfolgversprechend gewesen war.

Als sich Anfang Mai 1308 die Nachricht von der Ermordung König Albrechts I. aus dem Haus Habsburg wie ein Lauffeuer verbreitete, entfalteten die Fürsten sofort beinahe hektisch zu nennende Aktivitäten. Informelle Treffen, Beratungen und Absprachen sollten der Kandidatenfindung und der gegenseitigen Absicherung möglicher Thronprätendenten dienen. Ähnlich wie heute suchte man nach Koalitionspartnern, schloß Bündnisse und lockte mit Wahlversprechungen. Und sogar von außen gab es Einmischungen in die Wahlvorbereitungen: Der französische König Philipp der Schöne, der gerne seinen Bruder Karl von Valois auf dem römisch-deutschen Thron gesehen hätte, wandte sich nicht nur höchstselbst an die deutschen Kurfürsten, sondern schaltete auch Papst Clemens V. für seine Sache ein. Dieser sollte die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, deren Stimmen bei der deutschen Königswahl besonderes Gewicht hatten, im Sinne des französischen Kandidaten beeinflussen. Der Papst jedoch engagierte sich nur halbherzig, obwohl König Philipp ihn mit der Aussicht zu ködern versuchte, daß Karl von Valois nach seiner Wahl sofort einen Kreuzzug zur Wiedergewinnung des Heiligen Landes unternehmen werde.

So kristallisierte sich Graf Heinrich von Luxemburg, ein Mann von etwa 30 Jahren (die Angaben über sein Geburtsjahr schwanken zwischen 1262 und 1279!), als aussichtsreich-ster Kandidat heraus. Ihm war es durch geschickte Verhandlungen, großzügige Versprechungen und die Unterstützung seines jüngeren Bruders, des Erzbischofs Balduin von Trier, gelungen, alle drei rheinischen Erzbischöfe auf seine Seite zu ziehen. Deren Votum bei der Abstimmung zu folgen, hatten aber die meisten übrigen Königswähler inzwischen in Boppard vertraglich vereinbart, so daß Heinrichs Erfolg nichts mehr im Weg stand. Am 27. November 1308 wurde er in Frankfurt am Main von den Kurfürsten zum „Römischen König und künftig zu erhebenden Kaiser“ gewählt. Gekrönt wurde Heinrich zusammen mit seiner Gemahlin Margarete am 6. Januar 1309 im Aachener Marienstift durch den Kölner Erzbischof Heinrich von Virneburg sowie dessen Mainzer und Trierer Amtskollegen.

Der neue König trat kein leichtes Erbe an. Seine beiden Vorgänger Adolf von Nassau (1292–1298) und Albrecht I. (1298–1308) hinterließen ihm ein Reich, das über Jahre hinweg von schweren inneren Auseinandersetzungen erschüttert worden war. Viele Probleme waren immer noch nicht endgültig gelöst, so etwa die Nachfolgefrage im Königreich Böhmen, die aggressive Expansionspolitik des Grafen Eberhard von Württemberg oder die künftige Stellung der Habsburger. Zudem konnte sich Heinrichs eigene Machtbasis keineswegs mit derjenigen anderer Landesfürsten, etwa der Habsburger, messen, auch wenn seine Grafschaft etwa doppelt so groß war wie das heutige Großherzogtum Luxemburg – vielleicht mit ein Grund für seine Wahl, da die Fürsten von ihm keine so starke Einflußnahme oder Beeinträchtigung ihrer Position befürchteten. Doch Heinrich VII. hatte große Pläne: Schon Anfang Juni 1309 schickte er Gesandte nach Avignon, die in seinem Namen dem dort residierenden Papst Clemens V. den Treueid schwören und um einen Termin für die Kaiserkrönung nachsuchen sollten. Wollte Heinrich aber Deutschland den Rücken kehren und zur Krönung nach Rom ziehen, mußte er erst einmal für Frieden und Ruhe nördlich der Alpen sorgen.

Der sogenannte Umritt durch das Reich, nach alter Gewohnheit als notwendig für die Anerkennung des neuen Herrschers betrachtet, führte Heinrich vornehmlich in den Süden und Westen. Zunächst einmal bemühte er sich um die Erfüllung seiner Wahlzusagen, was oft nur durch die Verpfändung von Steuer- oder Zolleinnahmen des Reiches möglich war, besuchte wichtige Städte, stellte Privilegien aus oder erneuerte von seinen Vorgängern gewährte Vergünstigungen. Adolf und Albrecht I. ließ er exhumieren und im Rahmen eines Reichstages feierlich in der Königsgrablege des Speyrer Domes bestatten. Bei dieser Gelegenheit sorgte er auch für einen Ausgleich mit den Habsburgern, indem er ihre Reichslehen bestätigte und ihnen den Besitz der Mörder Albrechts I. unter Verzicht auf alle Ansprüche des Reiches übertrug. Der nicht zum Einlenken bereite Eberhard von Württemberg wurde wegen Schädigung von Reichsbesitz und Reichsstädten geächtet.

Anzeige

In Böhmen drohte unterdessen seit der Ermordung des jungen Königs Wenzel III., des letzten Premysliden, im August 1306 ein Bürgerkrieg. Im Juli 1310 setzte Heinrich VII., der bereits im August 1309 mit der böhmischen Opposition verhandelt hatte, den nur von Teilen des Adels anerkannten Heinrich von Kärnten ab. Statt dessen belehnte er am 31. August seinen 14jährigen Sohn Johann (später erhielt er den Beinamen „der Blinde“), den die Stände nun zum König wählten, mit Böhmen. Um diese Lösung zusätzlich dynastisch abzusichern, heiratete der junge Luxemburger die fünf Jahre ältere Premyslidin Elisabeth, eine Schwester des ermordeten Königs Wenzel. Die Entscheidung Heinrichs VII. erwies sich als zukunftsträchtig: Er erwarb mit Böhmen nicht nur eine Kurwürde für sein Haus sowie eines der größten und – aufgrund der ergiebigen Silbergruben – wirtschaftsstärksten Reichsterritorien, sondern legte auch den Grundstein dafür, daß sich der politische und kulturelle Schwerpunkt des römisch-deutschen Reiches für Jahrhunderte nach Osten verlagerte mit Prag als Quasi-Hauptstadt.

So war im Herbst 1310 weitgehend Ruhe in Deutschland eingekehrt. Eine Reihe von Gesandtschaften an italienische Städte hatte des Königs bevorstehende Ankunft angekündigt, alle Vorbereitungen für den Romzug waren getroffen. Begleitet von seiner Gemahlin Margarete und seinen beiden Brüdern Balduin und Walram, brach Heinrich VII. im September mit einem Heer von etwa 5000 Bewaffneten, davon etwa ein Drittel Ritter, nach Italien auf. Dieses Aufgebot kann man wohl kaum, wie immer wieder in der Forschung geschehen, zu gering nennen, zieht man zum Vergleich etwa Friedrich Barbarossa heran, der 1154 mit 1800 Rittern zur Krönung aufgebrochen war, oder seinen Enkel Friedrich II., der 1236 trotz drohender kriegerischer Auseinandersetzungen mit 1000 Rittern über die Alpen zog. Heinrichs Weg führte durch das Territorium seines Schwagers Graf Amadeus V. von Savoyen nach Genf, von wo aus man am 13. Oktober zur Alpenüberquerung aufbrach. War schon der Aufstieg zur Paßhöhe des fast 2100 Meter hohen Mont Cenis im Spätherbst bei Schneetreiben alles andere als leicht, muß der Abstieg mit Pferden, Saumtieren und ungebremsten Karren auf rutschigen Wegen noch riskanter gewesen sein. Die berühmte Bilderchronik, die Erzbischof Balduin später über „Kaiser Heinrichs Romfahrt“ anfertigen ließ, zeigt Ritter zu Fuß, die ihre Pferde auf steilen Pfaden zu Tal führen

Prof. Dr. Peter Thorau/Dr. Sabine Penth

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

Woll|maus  〈f. 7u; Zool.〉 fast ausgerottetes Nagetier aus der Familie der Hasenmäuse mit wertvollem Pelz: Chinchilla lanigeo

Kos|me|tik  〈f. 20; unz.〉 1 Schönheitspflege 2 〈fig.〉 Maßnahmen, die Mängel nur vertuschen, nicht beheben ... mehr

Zi|vil|ge|sell|schaft  〈[–vil–] f. 20; unz.; Pol.; Soziol.〉 1 〈urspr.〉 demokratisch organisierte Gesellschaft, die von den Bürgern selbst regiert wird (im Gegensatz zur Monarchie, Diktatur od. Militärherrschaft) 2 Gesamtheit aller nichtstaatlichen Organisationen, in denen die Bürger aktiv mitwirken u. Einfluss nehmen ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige