James Cook und Georg Forster - Begegnungen in der Südsee Kein Paradies am anderen Ende der Welt - wissenschaft.de
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James Cook und Georg Forster - Begegnungen in der Südsee

Kein Paradies am anderen Ende der Welt

Die Kontakte europäischer Seefahrer mit fremden Gesellschaften waren bis ins 18. Jahrhundert nahezu ausschließlich von machtpolitischen und Handelsinteressen bestimmt. Dann änderte sich das Bild: Es ging fortan auch um die Befriedigung wissenschaftlicher Neugier auf das Fremde.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unternahmen Engländer und Franzosen, im 19. Jahrhundert dann auch Russen Expeditionen in die Weiten jenes nahezu unbekannten Ozeans, den sein europäischer Entdecker, der Spanier Vasco Núñez de Balboa, 1513 Mar del sur (Südsee) genannt hatte; 1521/22, während der ersten Weltumsegelung, taufte der Portugiese Fernão de Magalhães (Magellan) ihn Mar Pacifico. Den Aufklärern mit ihrem enzyklopädischen Wissenschaftsverständnis ging es neben politischen Interessen darum, die Südsee systematisch kartographisch zu erfassen; zugleich sollten das Naturreich sowie die „Gesittung“ (der damalige Begriff für Kultur) der dort lebenden Menschen erforscht werden. Folglich gehörten den Schiffen, die zur Weltumsegelung aufbrachen, neben Naturforschern und Gelehrten auch Zeichner an, die die Begegnungen vor Ort bildlich dokumentierten. Die erfolgreichsten interdisziplinär arbeitenden Forscherteams jener Zeit waren sicherlich James Cook und die Teilnehmer seiner drei Expeditionen in die Südsee.

Für die völkerkundlichen Erkenntnisse war es ein Glücksfall, daß auf Cooks zweiter Reise der deutsche Naturforscher Johann Reinhold Forster und vor allem dessen Sohn Georg teilnahmen. Letzterem verdanken wir in Gestalt von Reisetagebüchern beachtenswerte kulturphilosophische Reflexionen sowie minutiöse völkerkundliche Beschreibungen. Sie erhellen die Begegnung mit dem kulturell Fremden in einer zuvor nicht gekannten Weise: Forsters vergleichende, sich zur Subjekti‧vität bekennende Analysen durch‧drangen die Bedingungen völkerkundlicher Beobachtung ebenso wie die Probleme ihrer Vermittlung.

Dem nüchternen Cook blieben die Talente des bisweilen schwärmerischen jungen Mannes, der bei Antritt der Reise erst 17 Jahre alt war, nicht verborgen. Er erkannte schnell dessen Fähigkeit, in der Kombination von systematischem Denken, sprachlicher Begabung und kommunikativer Sozialkompetenz die Kulturen der in der Südsee lebenden Menschen differenziert zu erfassen – auch jenseits europäischer Denk- und Deutungsmuster. Auch wenn kulturelle und sprachliche Mißverständnisse nicht ausblieben, war Georg Forster bemüht, die Begegnungen mit den Bewohnern der Südsee realistisch zu schildern. Er nahm deren Reaktionen ebenso wahr wie die von Cook und den anderen Expeditionsteilnehmern und revidierte laufend seine eigenen Vorurteile. In den Tagebüchern machte er deutlich: Der Leser müsse immer wissen, „wie das Glas gefärbt ist, durch welches ich gesehen habe“. Gegen die „Schreibtisch-Gelehrten“ seiner Zeit wandte er ein: „… indem sie bis zum Unsinn Factis jagten, verlohren sie jedes andre Augenmerk, und wurden unfähig, auch nur einen Satz zu bestimmen und zu abstrahiren …“ Auch gab er zu bedenken, daß „selten zween Reisende einerley Gegenstand auf gleiche Weise gesehen [haben], sondern jeder gab, nach Maßgabe seiner Empfindung und Denkungsart, eine besondere Nachricht davon“ – eine auch für die heutige ethnologische Forschung wichtige Einsicht. Dem Toleranz-Gedanken der Aufklärung verpflichtet, resümierte er: „Alle Völker der Erde haben gleiche Ansprüche auf meinen guten Willen.“

Welchen Völkern begegneten Cook und die Forsters auf ihren Fahrten in die Südsee? Es waren Nachfahren von Menschen, die aufgrund möglicher Umweltkatastrophen oder Kriege, wegen Übervölkerung oder ähn-lichem das kontinentale Südostasien verlassen hatten, in den Pazifischen Ozean vorgedrungen waren und die dortigen Inseln besiedelten. Es müssen großartige Seefahrer gewesen sein. Der neuseeländische Ethnologe Elsdon Best nennt sie die „furchtlosesten Navigatoren“, die je auf unserem Planeten unterwegs waren. Ähnlich der deutsche Südsee-Experte Gerd Koch: „In die Weiten eines Meeres ohne erkennbare Grenzen sind sie hinausgefahren. Inseln, verstreut über mehr als sechzig Millionen Quadratkilometer Ozean, haben sie gefunden und besiedelt … mit ihrem Begriff des Lebens und des Wagens, der so weit vom europäischen Denken entfernt zu sein scheint, daß ernstzunehmende Wissenschaftler auch heute noch kaum verstehen können, daß sie … mit ihren zerbrechlichen Booten gegen die vorherrschenden Winde und Strömungen … auf kühnen Fernfahrten die Besiedlung dieses schier endlosen Raumes meisterten.“

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Nach heutiger Kenntnis begannen sie ihre Seereisen vor mehr als 4000 Jahren. In mehreren Einwanderungswellen eroberten sie bis ins 11. Jahrhundert einen Raum, der ein Drittel der Erdoberfläche bedeckt. Bis heute haben sich in den drei Teilregionen des Pazifischen Ozeans (Melanesien, Mikronesien und Polynesien) maritim geprägte Gesellschaften erhalten, die sich aufgrund sprachlicher und kultureller Gemeinsamkeiten als Nachfahren dieser als Austronesier bezeichneten Entdecker verstehen. Ihre traditionellen Auslegersegel- und Doppelrumpfboote, deren bauliche Qualität und Schnelligkeit bereits Cook bewunderte, sind noch heute ein Symbol für die seefahrerischen Leistungen der Vorfahren, und die Menschen dort empfinden das Meer als verbindendes Element, als einen kulturellen Erfahrungsraum, der jahrhundertelang dem Austausch diente.

Während die „Kleininselwelt“ mit ihren unzähligen Atollen (Mikronesien) im nordwestlichen Pazifik James Cook auf allen seiner drei Reisen verborgen blieb, gelangte er auf der zweiten Reise bis an die Ränder der im Westen gelegenen, stärker dem tropischen Klima des Äquators ausgesetzten „Schwarzinselwelt“ (Melanesien), deren Name sich auf die etwas dunklere Hautfarbe der dort lebenden Bewohner bezieht.

Weit genauere Kenntnis erlangte Cook von Polynesien, der „Vielinselwelt“ mit ihren überwiegend hohen Vulkaninseln, auch wenn die Begegnungen hier bisweilen von Mißverständnissen bestimmt wurden. Hier bezeichnete er die kleine Koralleninsel Niue als „Savage Island“, weil sich ihre Bewohner dem Kontakt mit den Europäern zäh zu widersetzen vermochten. Trotz wiederholter Versuche Cooks, ihr Vertrauen durch einen sogenannten stummen Handel (das Hinterlegen von Geschenken an exponierten Stellen der Küste) zu erwerben, blieben die Polynesier feindselig auf Abstand; heute weiß man, daß sie sich vor allem vor dem aus ihrer Sicht schäbigen und blassen Äußeren der Europäer fürchteten und deren Erscheinungsbild mit Krankheit und Tod in Verbindung brachten.

Angesichts der langen Wegstrekken, die man in Polynesien zurücklegte, war der Tauschhandel mit den Einheimischen für die Europäer lebenswichtig. Vor allem galt es den Schiffsproviant aufzustocken und frisches Trinkwasser sowie frische Nahrung wie etwa Kokosnüsse, Brotfrucht, Yams, Taro und Bananen zu besorgen. Ergänzt wurde der Speiseplan durch gesalzenes Fleisch vor allem von Schweinen und Hühnern, den wichtigsten Haustieren der Polynesier. Schließlich mußte der Vorrat an Feuerholz aufgestockt werden.

Eher zweitrangig, wenngleich für die spätere ethnographische Forschung von großem Interesse, war der Erwerb materieller Kulturdokumente (die insgesamt 2000 Artefakte verteilen sich heute auf fast 50 Museen und Sammlungen weltweit). Dabei handelte es sich immer um einen ungleichen Tauschhandel: Wertlose Kleidungsstücke der Schiffsbesatzung, Massenprodukte aus Eisen wie etwa Nägel (in Polynesien gab es keine Erzvorkommen für die Eisengewinnung) sowie Glasspiegel und -perlen wechselten die Besitzer. Immer wieder sah sich Cook gezwungen, den Erwerb von curiosities, wie man Ethnographica seinerzeit nannte, zu ver-bieten – wichtiger erschien ihm der dringend benötigte Proviant. Dem stand allerdings die Gier der Schiffsoffiziere und einiger Gelehrter nach einheimischen Handwerksprodukten und künstlerischen Schöpfungen gegenüber, denn diese versprachen in England einen beträchtlichen Gewinn. Angesichts dieser „Art Raserey“, die Georg Forster verachtete und die auch Cook kritisierte, machten sich auf den Tonga-Inseln Einheimische – nach einschlägigen Erfahrungen mit englischen Seeleuten – erkennbar über die Weißen lustig: Ein junger Mann bot den Europäern, aufgespießt auf einen Stock, ein Stück Exkrement zum Handel an…

Dr. Gundolf Krüger

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