Kunst in mittelalterlichen Frauenklöstern „Kleine Königinnen“ hinter Klostermauern - wissenschaft.de
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Kunst in mittelalterlichen Frauenklöstern

„Kleine Königinnen“ hinter Klostermauern

Die vielfältige Bilderwelt der Stiftsdamen und Klosterfrauen ist ein zentraler Bestandteil der mittelalterlichen Kunst. Doch zeugen die Gemälde und Skulpturen auch von der Bedeutung ihrer Auftraggeber. Krone und Schleier waren im Mittelalter vielfältig miteinander verbunden.

Hört man sich – selbst unter Geschichtsfreunden – heute um, wie sie die Stellung der Frau im Mittelalter einschätzen, kommen den meisten die Hexenverfolgung und die Unterdrückung der Frau in den Sinn. Auf die Klöster angesprochen, denken viele zuerst an Freiheitsberaubung. Es überrascht zu hören, daß Hexenverbrennungen erst an der Schwelle zur Neuzeit vorkommen und der Hexenwahn am schlimmsten im frühen 17. Jahrhundert wütete. Ebenso überrascht es, daß viele Frauen seit dem 11. Jahrhundert ins Kloster drängten, weil sie es als Ort größerer Selbstbestimmung ansahen.

Noch immer blicken wir auf die Vergangenheit durch die Brille des 19. Jahrhunderts. Von dessen (Vor-)Urteilen kommen wir nur schwer los. Das damals zur Herrschaft gelangte Bürgertum interessierte sich zwar sehr für Geschichte, schrieb sie aber nach seinen Vorstellungen: Es war dasselbe Bürgertum, das stärker als je die Möglichkeiten der Frau einengte: Politik, Bildung, berufliche Entfaltung, Wahlrecht usw. waren ihr versperrt. Nicht einmal im Haus hatte sie so viel zu sagen wie vorher. Sie war entmündigt, zur Untätigkeit verdammt, mit Handarbeiten „beschäftigt“, die angesichts industrieller Fertigungsmethoden meist sinnlos waren. Als Bürgerstochter hatte sie zu warten und zu hoffen, daß irgendwann der Auserwählte sie in sein Heim führte, wo sie – unter seiner Anleitung – die Mutter „seiner“ Kinder sein durfte.

Vor diesem Hintergrund ignorierten viele Historiker des 19., aber auch noch des 20. Jahrhunderts die Frauen in der Geschichte. Den meisten kam gar nicht in den Sinn, ihre Stellung könne zuvor anders gewesen sein. Da Geschichte in Deutschland wesentlich vom protestantischen Standpunkt aus geschrieben wurde, gab es erst recht kaum Verständnis für Nonnen und Stiftsdamen. Sich mit stolzen Recken und „minniglichen“ Frauen zu beschäftigen lag näher.

Wie anders sah die Realität aus: Kaiser Otto III. setzte, bevor er 998 nach Italien zog, seine Tante Mathilde, Äbtissin des Stiftes Quedlinburg, als Stellvertreterin für Sachsen ein, das damals gleichzusetzen war mit dem heutigen Norddeutschland, von Westfalen bis an die polnische Grenze. Und da Mathilde ihre Aufgabe vorbildlich erfüllte, erhielt sie den vom römischen Patricius abgeleiteten Ehrentitel „Matricia“. Man muß sich das einmal zu irgendeinem späteren Zeitpunkt vorzustellen versuchen – eine Äbtissin als Regentin über weite Teile des Deutschen Reichs –, um zu begreifen, welche Machtpositionen geistliche Frauen gerade in der größten Blütezeit des mittelalterlichen Reiches erreichen konnten. Dies gilt noch mehr für die Gemahlin des Herrschers. Diese war als consors regni (Gefährtin im Regiment) und als Intervenientin, das heißt Fürbitterin bzw. Veranlasserin bei der Erstellung von Urkunden, nach dem König bzw. Kaiser oft die wichtigste Persönlichkeit im Reich.

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In die Reichsfrauenstifte und -klöster, allen voran Quedlinburg und Gandersheim, wurden regelmäßig Reichstage einberufen – auch dies ein Zeichen ihrer Wertschätzung. Umgekehrt mußten diese Stifte in der Lage sein, die Reisekaiser und ihr Gefolge für die anberaumte Zeit aufzunehmen. Das setzte die Fähigkeit zur Planung und Durchführung derartiger Veranstaltungen, aber auch das Vorhandensein angemessener Räume zur Repräsentation sowie entsprechende Bücher, Paramente (alle liturgisch relevanten Textilien) und Insiginien für die kaiserliche Liturgie voraus.

Außer den Klerikern verfügten nur die hochstehenden Frauen über Bildung. Während man die männliche Jugend im Reiten und Fechten unterrichten ließ und höchstens in den Pausen ein Kaplan etwas über die Geschichte ihrer Vorfahren, über ihre Anrechte und Besitztümer und ein wenig über Religion erzählte, kamen viele Mädchen in ein Frauenstift, wo sie eine gründliche religiöse und literarische Erziehung erhielten. Sie mußten Latein lernen, so daß sie den Psalter lesen und den Gottesdienst mitgestalten konnten. Außerdem sorgten die Stiftsdamen für die Vermittlung weltlicher Bildung: Sie brachten ihren Schülerinnen höfische Umgangsformen und vielfältige andere Kenntnisse, etwa in den Textilkünsten, bei. Viele Stiftsfräulein und Klosterschwestern brachten es zur Meisterschaft in der Schreibkunst. Leider haben wir so gut wie keine Quellen über ihre künstlerische Betätigung. Doch um ein professionelles Niveau zu erreichen, bedurfte es guter Schulung und beständiger Übung, so daß malende Schwestern von Rang eher die Ausnahme gewesen sein dürften. Wohl aber darf man fest?stellen, daß sie sich in besonderem Maße an Kunst erfreuten und sich – wo es nur ging – mit Kunst umgaben. Auch nahmen sie erheblichen Einfluß auf Thematik und Art der von ihnen in Auftrag gegebenen Bilder. Dabei schmückten sie jedoch keineswegs nur den Innenbereich ihrer Gebäude, sondern versahen, etwa in St. Maria im Kapitol in Köln, auch die an die Öffentlichkeit gerichteten Türen mit Bildergeschichten.

Prof. Dr. Robert Suckale

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