Übersicht Kriegsgefangene in deutscher Hand - wissenschaft.de
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Kriegsgefangene in deutscher Hand

Auch die Deutschen machten Gefangene – und dies in großer Zahl. Ähnlich wie im Fall der deutschen Kriegsgefangenen waren die Erfahrungen der ausländischen Soldaten in deutscher Hand höchst unterschiedlich – man könnte geradezu von einer Mehrklassengefangenschaft sprechen.

Über 8,6 Millionen Soldaten befanden sich im Zweiten Weltkrieg in deutscher Kriegsgefangenschaft. Die Dauer der Gefangenschaft war sehr unterschiedlich: Die Masse der Polen geriet bereits im Herbst 1939 in Gefangenschaft; die Soldaten der Roten Armee ereilte dieses Schicksal vom Sommer 1941 an, die Italiener (als sogenannte Militärinternierte) nach dem Kriegsaustritt ihres Landes im September 1943. Briten wurden bereits im Frühsommer 1940 in größerer Zahl gefangen genommen, die Masse der US-Soldaten dagegen erst seit der Landung in der Normandie (Juni 1944). Schon während des Krieges wurden andererseits Soldaten auch entlassen. Das galt beispielsweise für Sowjetsoldaten, die sich der Wehrmacht bzw. der SS anschlossen, oder für Franzosen, die 1940 gefangen genommen worden waren und nun nach Hause entlassen wurden. Die folgende Statistik erfaßt daher die Summe der Gefangenen, die über einen längeren Zeitraum in Gefangenenschaft blieb. Nicht erfaßt sind diejenigen Gefangenen, die noch vor der Registrierung verstarben oder flüchten konnten.

Über die Lebensbedingungen der Gefangenen läßt sich keine einheitliche Aussage treffen. Da die Kriterien der NS-Rassenideologie auch das Kriegsgefangenenwesen prägten, entschieden sich vor allem nach der nationalen Zugehörigkeit: Am Ende der Skala standen die 5,3 Millionen sowjetischen Gefangenen, von denen 3,3 Millionen umkamen.

Herkunftsländer der Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam (1939-45)

Belgien 90.000 CSR k. A. Dänemark 10.000 Frankreich 1.600.000 Großbritannien 180.000 Griechenland 2.000 Italien 800.000 Norwegen 1.000 Niederlande 13.000 Polen 400.000 Sowjetunion 5.300.000 USA 40.000 Jugoslawien 180.000

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Quelle: Militärgeschichtliches Forschungsamt / R. Overmans

Das Kriegsgefangenenwesen lag in der Verantwortung der Abteilung Allgemeines Wehrmachtamt im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), die während der gesamten Dauer des Krieges General Hermann Reinecke leitete. Die truppendienstliche Verantwortung fiel teilweise in den Zuständigkeit des Oberkommandos des Heeres (OKH).

Nach der Einlieferung durch die Truppe wurden die Gefangenen in Durchgangslagern (Dulag) gesammelt, um dann in Stammlager (Stalag; für Mannschaftsdienstgrade und Unteroffiziere), Offizierskriegsgefangenenlager (Oflag) oder Kriegsgefangenen-Bau- und Arbeitsbataillone überstellt zu werden. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion mußte die Zahl der Lager drastisch erhöht und auf Standorte außerhalb des Reichsgebiets ausgeweitet werden. Mit seiner Ernennung zum Befehlshaber des Ersatzheeres sicherte sich Himmler im Juli 1944 als Reichsführer SS den Zugriff auf das Kriegsgefangenenwesen der Wehrmacht. Im Januar 1945 wurden die Kriegsgefangenen der SS-Sondergerichtsbarkeit unterstellt.

Die wichtigsten völkerrechtlichen Grundlagen für das Kriegsgefangenenwesen im Zweiten Weltkrieg bildeten die Haager Landkriegsordnung (1907) und das Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen (1929). Vor allem die nationalsozialistische Interpretation des Krieges gegen die Sowjetunion als „Rassekrieg“ führte zu schweren Verstößen gegen das Völkerrecht, die das OKW bzw. das OKH verantworten mußte. Auch gegenüber Gefangenen der westlichen Kriegsgegner kam es aber zu systematischen Rechtsverstößen. Zu den wichtigsten einschlägigen Befehlen zählen: – Die „Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare“ vom 6. Juni 1941. Der sogenannte Kommissarbefehl befahl die Ermordung gefangen genommener Kommissare der Roten Armee. – Die „Anordnung für die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener in allen Kriegsgefangenenlagern“ vom 8. September 1941. Diese sah die „Aussonderung“ politisch verdächtiger und jüdischer Sowjetsoldaten vor. Hierfür durchkämmten Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD die Lager der Wehrmacht, exekutierten Gefangene oder überstellten diese in Konzentrationslager. – Der „Kommando-Erlaß“ vom 18. Oktober 1942. Dieser befahl die Exekution von alliierten Kommandosoldaten, die hinter deutschen Linien gefangen genommen wurden, auch für den Fall, daß diese – völkerrechtlich konform – Uniform trugen. – Die „Grundsätzlichen Richtlinien über die Behandlung der Soldaten der italienischen Wehrmacht und Miliz“ vom 20. September 1943. In diesen wurden die nach dem Kriegsaustritt Italiens gefangen genommenen Soldaten zu „Militärinternierten“ erklärt und somit dem Schutz der Genfer Konvention entzogen. – Der „Kugel-Erlaß“ vom 4. März 1944. Dieser ordnete die Exekution von Kriegsgefangenen an, die geflüchtet und wieder eingefangen worden waren. Ausgenommen von dieser Regelung waren arbeitende Gefangene sowie Briten und Amerikaner.

Dr. Markus Pöhlmann

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