Etappen der Niederlage Kriegswende: 1941  –  1942  –  1943? - wissenschaft.de
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Etappen der Niederlage

Kriegswende: 1941  –  1942  –  1943?

„Der Koloss Russland“ wurde unterschätzt – das räumte Franz Halder, Chef des Generalstabs des Heeres, bereits im August 1941 ein. Doch wie grundsätzlich waren die Ereignisse des Jahres 1941 tatsächlich?

Stalingrad kennt jeder. Dabei sucht man diesen Namen auf der Landkarte mittlerweile vergebens. Doch knüpft sich die Erinnerung weniger an einen Ort als vielmehr an ein Ereignis – an die Schlacht von Stalingrad, die von Ende August 1942 bis Anfang Februar 1943 in der Wolga-Metropole tobte. Diese Schlacht gilt als einer der markantesten Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs.

Dafür scheint tatsächlich viel zu sprechen. Stalingrad steht gewissermaßen am Endpunkt einer der letzten großen deutschen Offensiven, der Operation Blau, mit der Hitler im Sommer 1942 die Erdölgebiete im Süden der Sowjetunion erobern wollte. Damals schien für eine kurze Zeit nochmals deren Existenz in Frage gestellt. Am Ende aber stand dann kein deutscher Sieg, kein weiteres deutsches Ausgreifen, am Ende stand die Vernichtung der deutschen 6. Armee.

Ihren grausamen Untergang empfanden schon die Zeitgenossen als Menetekel, als den Anfang vom Ende der Hitler-Diktatur. Denn von nun an geriet die Wehrmacht in die Defen- sive – meistens jedenfalls. Das war nicht nur an der Ostfront so. Kurz vor dem Beginn der Stalingrad-Offensive der Roten Armee am 19./20. November 1942 waren auch die westlichen Alliierten zum Gegenangriff übergegangen: In Ägypten siegten die Briten bei El Alamein (23. Oktober – 4. November 1942), in Marokko und Algerien landeten alliierte Truppen (7./ 8. November 1942). Das Gefühl einer Zeitenwende war damals weit verbreitet. Im Januar 1943 meldete der Sicherheitsdienst, die Deutschen würden sich nun erstmals „ernsthaft mit den Folgen einer Niederlage“ beschäftigen. Aber war Stalingrad wirklich die definitive „Wende“? Oder ergibt sich aus der zwangsläufig umfassenderen historischen Rückschau nicht ein ganz anderes Bild?

Um die großen Zäsuren des „Unternehmens Barbarossa“ genauer zu bestimmen, ist es angebracht, sich nochmals die Ziele und den Zeitplan dieses Angriffskriegs zu vergegenwärtigen. Geplant war ursprünglich, so Hitler im Dezember 1940, „Sowjetrußland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen“. Konkret hieß das, dass dieser Feldzug in wenigen Monaten, bis September oder Oktober 1941, entschieden und zumindest der europäische Teil der UdSSR besetzt sein sollte. Davon konnte im Oktober 1941 auch nicht entfernt die Rede sein. Weder war die Rote Armee geschlagen, noch waren die vorgesehenen Linien erreicht. Vielmehr musste die Wehrmacht damals, am 2. Oktober, eine weitere Offensive eröffnen – diesmal mit Ziel Moskau. Sie sollte, so die deutsche Hoffnung, die Entscheidung bringen. Zwar konnten sich in den folgenden Wochen einzelne deutsche Verbände bis auf 30 Kilometer an die sowjetische Hauptstadt herankämpfen, doch wurde spätestens jetzt, im Herbst 1941, erkennbar, wie sehr sich das Ostheer in der Offensive verbraucht hatte.

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Im Grunde hatte der Auszehrungsprozess schon sehr früh begonnen, schon während der blutigen Durchbruchsschlachten im Juni/Juli 1941. Trotzdem hatten die Deutschen die Initia-tive behalten. Ihre nicht abreißenden Erfolge, die Vormärsche, Siegesfanfaren und Gefangenenzahlen konnten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich in der Unendlichkeit des sowjetischen Riesenreichs allmählich müde siegten. Davon wollten Hitler und auch seine militärischen Berater aber nichts wissen. In der vermeintlichen Hoffnung, der Gegner sei schon geschlagen und es bedürfe nur noch eines letzten entscheidenden Stoßes, trieben sie die deutschen Truppen unbarmherzig über Schlamm-, dann Schneepisten immer weiter nach Osten. Seit Herbst 1941 war das nur noch ein einziges Vabanquespiel, das zu den real existierenden Kräfteverhältnissen in immer stärkerem Widerspruch stand. Statt eine feste Winterstellung aufzubauen, glaubten die Strategen im Führerhauptquartier noch immer, auf dem „Schlachtfeld“ eine Entscheidung herbeiführen, ja förmlich erzwingen zu können…

Literatur: Christian Hartmann, Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42. München 2. Auflage 2010.

Dr. Christian Hartmann

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