Der klösterliche Alltag Machtvoll in Demut - wissenschaft.de
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Der klösterliche Alltag

Machtvoll in Demut

Die Benediktinerklöster des Mittelalters waren gleichermaßen geistliche, kulturelle und wirtschaftliche Zentren. Die Benedikt-Regel bot ihnen dafür nicht nur geistige Wegbegleitung, sondern zugleich eine Anleitung für die Organisation des täglichen Lebens.

Die von Prolog und Epilog umrahmten 72 Kapitel der Regel des heiligen Benedikt erläutern zum einen die Notwendigkeit einer bestimmten inneren Einstellung eines Mönchs bzw. einer Nonne und legen zum anderen die äußeren Formen fest, in denen sich diese Einstellung entwickeln und entfalten kann: Zu den Werken der „geistlichen Kunst“ zählen Gottesliebe, Nächstenliebe, die Befolgung der christlichen Gebote, die Überprüfung der eigenen Gedanken, Worte und Taten in einem uneingeschränkten Glauben an Gottes Barmherzigkeit.

Gehorsam und Schweigen sind die Mittel, mit deren Hilfe Mönche und Nonnen die zwölf Stufen der Demut zu erklimmen lernen, die zur vollkommenen Gottesliebe führen. In der hierarchischen Ordnung der Konventsgemeinschaft übernehmen der Abt bzw. die Äbtissin gleichzeitig die Aufgabe der spirituellen Führung wie der notwendigen Disziplinierung. Unterstützung erfahren sie durch die Inhaber verschiedener Ämter, denen zum Beispiel die Organisation der liturgischen Feiern oder die Sorge für den klösterlichen Haushalt obliegen.

Im Zentrum des monastischen Lebens steht für Benedikt, neben dem Streben nach individueller Vervollkommnung, ein gemeinschaftliches Leben im Dienst Gottes. Dabei soll stets das rechte Maß gehalten werden: So soll man fasten, aber nicht hungern, einfache und zweckmäßige, aber nicht zerlumpte Kleidung tragen. Über die liturgischen Feiern hinaus ist in der Regel nicht nur der Tagesablauf festgeschrieben. Darüber hinaus sind darin auch das Verhalten der Konventsmitglieder untereinander, die tägliche Versorgung, die Beziehungen des Klosters nach außen, die Aufnahme neuer Mitglieder, der Umgang mit Kranken, das Verhalten gegenüber Gästen, die Aufgabenverteilung zwischen den verschiedenen Funktionsträgern (Abt, Prior, Kellermeister, Pförtner, Novizenmeister …) oder die Formen der Konfliktaustragung genau geregelt.

Der St. Galler Klosterplan aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts ist eine der wenigen Architekturzeichnungen des frühen Mittelalters. Er setzte vieles von dem, was die „Regula Benedicti“ vorsah, in räumliche Vorstellung um. Zentrum des monastischen Lebens ist die Kloster-kirche mit ihrem Chorbereich für das opus dei und – daran angegliedert – einer Sakristei für die liturgischen Geräte und einer Bibliothek mit Schreibstube. Direkt miteinander verbunden sind die Kirche und der den Mönchen vorbehaltene Klausurbereich. Er umfasst den Kreuzgang für die lectio divina, den Kapitelsaal für die täglichen Besprechungen des Konvents unter dem Vorsitz des Abts bzw. der Äbtissin, das Refektorium (Speisesaal) und das Dormitorium (Schlafsaal) sowie die notwendigen Wirtschaftsräume wie Küche und Kleiderkammer sowie einen Trakt zur Wahrung der körperlichen Bedürfnisse wie Latrine und Wärmestube.

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Diesen Innenbereich des Klosters umgeben zum einen die für eine autonome Bewirtschaftung notwendigen Einrichtungen wie Backhaus, Schmiede, Obst-, Gemüse- und Kräutergarten, Scheunen und Stallungen. Zum anderen finden sich ein eigenes Abtshaus, das ihm den Empfang von Besuchern ohne Störung des Klosterlebens ermöglicht, eine Schule für auswärtige Schüler, eine Herberge für einfache Pilger und Reisende sowie ein Gästehaus für ranghohe Besucher, die besondere Bequemlichkeit und standesgemäße Bewirtung erwarten durften.

Wahrscheinlich wurde der Plan nie in der überlieferten Form realisiert, doch seine Inten‧tion, innerhalb eines Klosters deutlich abgegrenzte Bereiche zu schaffen – einen Innenraum für Gebet und Gemeinschaftsleben sowie einen Außenbereich für die wirtschaftlichen Notwendigkeiten und gesellschaftlichen Kontakte –, lässt sich, bei aller Individualität, in erhaltenen Klosteranlagen problemlos nachvollziehen…

Macht des Wortes. Benediktinisches Mönchtum im Spiegel Europas Europaausstellung 2009. Stift St. Paul im Lavanttal (Kärnten) 26. April – 8. November 2009

Die über 900 Jahre alte Benediktinerabtei St. Paul ist Schauplatz einer Ausstellung, die sich auf die Spuren des europäischen Mönchtums begibt. Herausragende Beispiele mittelalterlicher Buchmalerei schildern das Ringen um Wissen, zeigen aber auch die Macht, die damit verbunden gewesen ist. Erstmals öffnet das Kloster sein Archiv und zeigt dar-aus wertvolle Dokumente europäischer Geschichte.

Darüber hinaus wurden für die Ausstellung Schätze aus ganz Europa in St. Paul zusammengeführt. Neben zahlreichen Pretiosen der Buchkunst sind Gold- und Silberarbeiten von Weltrang zu sehen (rechts ein vergoldeter Buchdeckel aus dem 13. Jahrhundert), dazu Gemälde bedeutender europäischer Meister, mittelalterliche Messgewänder und astronomische Geräte, die von der wissenschaftlichen Betätigung der Mönche zeugen.

Selbstverständlich sind während der Ausstellung auch zahlreiche der historischen Räume des Stifts zu besichtigen. Dazu gehört beispielsweise die ehemalige Bibliothek, die wegen ihrer Fresken mit astronomischen Themen auch als Hemisphärensaal bezeichnet wird. Die neue Bibliothek des Stifts ist auf 700 Quadratmetern im Kellergeschoss eingerichtet worden und ebenfalls zu besichtigen. Der sogenannte Kristalldom ist eine multimediale Inszenierung des Mönchtums.

Der zweite Teil der Europaausstellung ist unter dem Titel „Macht des Bildes – Visionen des Göttlichen“ im „Werner Berg Museum“ in Bleiburg zu sehen. Der „Macht des Wortes“, seiner Bedeutung in Bewahrung und Verbreitung von Glauben und Wissen durch die mittelalterlichen Klöster, wird in Bleiburg „die Macht des Bildes“ gegenübergestellt. Herausragende Werke unserer Zeit bieten eine Ergänzung zu den in St. Paul behandelten historischen Zeiträumen. Der Betrachter erfährt, wie große österreichische Künstler des 20. Jahrhunderts Visionen von Transzendenz und Göttlichkeit in ihren Bildern zu zeigen vermochten. Der Bogen der über 50 ausgewählten Künstler reicht von Albin Egger Lienz, Alfred Kubin, Egon Schiele und Oskar Kokoschka über Anton Kolig, Herbert Boeckl, Max Weiler und Arnulf Rainer bis zu Hermann Nitsch und Hubert Schmalix.

http://www.europaausstellung2009.com

Prof. Dr. Gudrun Gleba

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