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Das Pariser Friedensabkommen

„mad man“ zu Weihnachten

Acht Jahre, nachdem die ersten US-Bodentruppen in Vietnam gelandet waren, unterzeichneten Henry Kissinger und Le Duc Tho am 27. Januar 1972 das Pariser Friedensabkommen, mit dem ein Schlußstrich unter die direkte Beteiligung der Vereinigten Staaten an diesem nicht enden wollenden Krieg gezogen wurde.

Es klingt wie ein Stück aus dem Tollhaus. Einer der Akteure schlüpfte in die Rolle des „mad man“. Wenn er den Eindruck eines unberechenbaren, zu allem fähigen Politikers machte, wähnte US-Präsident Richard Nixon, könnte er die Kommunisten am ehesten zum Einlenken zwingen. Henry Kissinger, der nach eigenem Gutdünken mit Metternich und Bismarck geistig artverwandte Sicherheitsberater des Präsidenten, fürchtete um sein Bild in den Geschichtsbüchern und drohte zur Schadenfreude der Konkurrenten im Außenministerium mit Rücktritt. Und im fernen Saigon fand einer, der für Hitler Sympathien hegte und als Napoleon der Dritten Welt gesehen werden wollte, ebenfalls an Rumpelstilzchen Gefallen. Anders ist der Auftritt des südvietnamesischen Diktators Thieu kaum zu beschreiben. Er schimpfte, tobte und schluchzte im kleinen Kreis und mimte auch nach außen den verlassenen Freund so erfolgreich, daß amerikanische Diplomaten ernsthaft fürchteten, ihr Land könnte seine Glaubwürdigkeit als in der Not verlässlicher Partner verlieren. Derweil übte sich die Gegenseite ungerührt in Geduld. Das Politbüro in Hanoi sah im Spiel auf Zeit seinen stärksten Trumpf.

Die Rede ist vom Oktober 1972 und dem Versuch, den Krieg in Vietnam beizulegen. Seit Monaten hatten Henry Kissinger und Unterhändler Nordvietnams in Paris teils geheime, teils offizielle Gespräche geführt. Kaum waren die letzten strittigen Details geklärt, als die Verantwortlichen wieder alles über den Haufen warfen und erneut die Waffen sprechen ließen. Erst am 27. Januar 1973 kam man endlich zum Ziel. In Paris paraphierten Kissinger und Le Duc Tho das „Abkommen zur Beendigung des Krieges und zur Wiederherstellung des Friedens“. Die Kämpfe sollten sofort beendet werden, die USA verpflichteten sich zum vollständigen Rückzug binnen 60 Tagen, Hanoi versprach die Freilassung aller amerikanischen Gefangenen und als Gegenleistung für den Abbruch der US-Luftangriffe auf Laos und Kambodscha eine Einstellung seiner eigenen Militäroperationen in diesen Ländern. Ein „Nationaler Rat der Versöhnung und Einheit“ wurde bestimmt, um die Grundlagen für eine von den wichtigsten politischen Kräften gebildete Koalitionsregierung zu schaffen. In einem geheimen Zusatzprotokoll sagte Washington überdies großzügige Wiederaufbauhilfe für Nordvietnam zu.

Seit der ersten Landung von US-Bodentruppen waren acht Jahre vergangen, seit der verdeckten Einmischung der Vereinigten Staaten in den damals noch „Indochinakonflikt“ genannten Krieg 28 Jahre. Allein wegen der Dauer der Kämpfe werden mitunter Vergleiche zum Dreißigjährigen Krieg angestellt. Die ungeheuren menschlichen Verluste und die Verwüstungen des Landes legen derlei Assoziationen ebenso nahe wie die auf allen Seiten mit religiösem Eifer verfochtene Entschlossenheit, eine vermeintlich gerechte Sache mit allen Mitteln durchzusetzen. Mal war es ein Bürgerkrieg, mal ein Kampf zwischen nationalen Befreiungsbewegungen und alten Kolonialherren, mal ein Krieg zwischen den weltanschaulichen Hegemonialmächten des Kalten Krieges – und phasenweise alles zusammen. Besonders treffend scheint der Vergleich mit dem 17. Jahrhundert in Europa unter diplomatischen Gesichtspunkten. Im einen wie im anderen Fall gab es zahlreiche Gelegenheiten, Frieden zu stiften. Und bisweilen wurden sie auch genutzt, wie im Genfer Indochinaabkommen von 1954. Dennoch flammten die Kämpfe immer wieder auf, wurden bereits erzielte Vereinbarungen regelmäßig sabotiert. Offensichtlich handelte es sich um Kriege, die nicht enden wollten, weil die Akteure überhaupt nicht mehr aufhören konnten. Wer das militärische Geschehen verstehen will, sollte sich daher hauptsächlich mit einem politischen und letzten Endes psychologischen Problem beschäftigen. Mit der Frage, woher dieses „Nicht aufhören können“ rührt. Warum also die Kontrahenten ihre Chancen leichtfertig, wider besseres Wissen und mitunter absichtsvoll verspielten.

Auch renommierte Historiker des Vietnamkrieges tun sich mit einer Antwort schwer. Dass Lyndon B. Johnson 1968 mit dem ersten ernst gemeinten Versuch zur Beilegung des Krieges scheiterte, liegt auf der Hand – angesichts des nahen Endes seiner Präsidentschaft fehlte ihm das Durchsetzungsvermögen. Aber warum griff Richard Nixon diese Initiative nicht mit Nachdruck auf? Er war mit der Zusage ins Weiße Haus gewählt worden, den unpopulären Krieg zu beenden und hatte seinem Versprechen anfänglich auch Taten folgen lassen. Schritt für Schritt wurden amerikanische Truppen abgezogen, Nixon kündigte an, das militärische Engagement seines Landes weltweit reduzieren und einer Politik der Entspannung eine Chance geben zu wollen. Als konservativer Republikaner stand er nicht im Verdacht eines „Appeasement“ – im Gegenteil. Die Öffentlichkeit honorierte die Initiativen. Und von den Verbündeten mußte er erst Recht keine Kritik gewärtigen. In Europa wie in Japan sehnte man wegen der ruinösen Folgen des Krieges für die Weltwirtschaft dessen baldiges Ende herbei. Warum also zögerte Nixon mit dem Friedensschluß vier weitere Jahre? …

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Dr. Bernd Greiner

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