Schamanismus heute Magier, Mittler, Manager - wissenschaft.de
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Schamanismus heute

Magier, Mittler, Manager

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt der Schamanismus im südlichen Sibirien eine Renaissance. Woran aber können die heutigen Schamanen überhaupt noch anknüpfen? Und wer sind die Adressaten ihrer Künste?

Wer sich für Kehlkopfgesang oder für Schamanismus inter-essiert, dem ist die südsibirische Steppenrepublik Tuwa (tuwisch: Tyva) meist ein Begriff: Vor allem für diese Aspekte seiner Kultur ist das an der Nordwestgrenze der Mongolei gelegene kleine Land in den letzten Jahren bekannt geworden. Seit dem Ende der Sowjetunion blühen auch in anderen Teilen der Russischen Föderation wieder Schamanismen auf, besonders gut lässt sich aber in Tuwa beobachten, wie Schamanentum Teil einer nationalen und kulturellen „Wiedergeburt“ wird. Obwohl die Autonome Republik eines der isoliertesten Gebiete innerhalb der Russischen Föderation ist, wurde sie zu einer Drehscheibe für die schillernde Wiederbelebung, Rückerfindung und Neudefinition eines zeitgenössischen Schamanismus.

Die Wiederkehr der Schamanen erklärt sich teilweise aus der bewegten Geschichte Tuwas: Im kargen, von Gebirgstaiga und Steppen geprägten Nomadenland spielten Schamanen und Schamaninnen immer eine wichtige Rolle als Mittler zwischen dem Menschen und der als beseelt betrachteten Umwelt. Kulturell stark prägend war die Zeit unter mongolischer Verwaltung (13. Jahrhundert). Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Region Teil des chinesischen Kaiserreichs und 1914 russisches Protektorat. Die erste Phase einer gewissen Eigenstaatlichkeit als Volksrepublik Tannu-Tuwa (seit 1921) endete 1944 mit der Eingliederung in die Sowjetunion.

Damit kam es zur radikalen Veränderung der tuwinischen Lebenswelt. Die Landwirtschaft wurde kollektiviert, und bis dahin nomadisch lebende Viehzüchter, Jäger und Rentierhalter wurden gezwungen, sesshaft zu werden und ihre traditionelle Lebensweise aufzugeben. Die sowjetische Führung forcierte die Industrialisierung Tuwas und die Schaffung einer modernen Infrastruktur; mit der Ausbildung eines russischsprachigen Schul- und Kaderwesens geriet die tuwinische Kultur immer mehr ins Abseits. Wer sich dagegen wehrte, wurde verfolgt, in Arbeitslager verschleppt oder hingerichtet.

Betroffen waren davon besonders die Schamanen, die das kulturelle Vermächtnis in Form von Geschichten, Liedern und rituellem Wissen hüteten und weitergaben. Vor allem seit Stalins Aufstieg in den frühen 1930er Jahren standen sie im Mittelpunkt der antireligiösen Propaganda: Sie wurden als psychisch Kranke oder „Scharlatane“ diskriminiert, die sich auf Kosten ihrer Mitmenschen bereicherten, und man machte sie als „Saboteure“ für die Schwierig‧keiten bei der Umsetzung der Kollektivierung verantwortlich. Ihre Inhaftierung und die Zerstörung heiliger Orte sollten die Wirkungslosigkeit der Schamanengeister und den Sieg des Atheismus demonstrieren. Unbarmherzig verfolgt, mussten Schamanen öffentlich Schuld bekennen und ihr Wissen widerrufen, ihre Ausrüstung wurde konfisziert bzw. zerstört oder verschwand in den Depots völkerkundlicher Museen…

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Ulrike Bohnet

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