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Die Wikinger als Staatengründer

Mehr als Plünderer und Entdecker

Von Irland bis Sizilien, von der Normandie bis nach Rußland – überall haben die Wikinger als Staatengründer ihre Spuren hinterlassen. Dennoch ist dieser Aspekt heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Weshalb?

Als Plünderer und Mordbrenner, Seeräuber oder Piraten, Brandschatzer und Erpresser wurden die Wikinger vor allem in den zeitgenössischen europäischen Quellen bezeichnet, und dieses Image ist ihnen bis heute geblieben. In der Neuzeit trat dazu das Bild der wagemutigen Entdecker und Seefahrer, welche die Welt zwischen dem mittleren Osten und Amerika mit den schnellsten im Mittelalter verfügbaren Schiffen befuhren, dann auch das Bild hartnäckiger Kolonisten und Siedler in den entlegensten Gegenden der nördlichen Halbkugel. Mit zunehmender wissenschaftlicher Erforschung traten dazu in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch zwei weitere Aspekte: die Wikinger als tüchtige Kunsthandwerker und gewiefte Händler mit weitreichenden Handelsbeziehungen in der ganzen alten Welt.

Im Vergleich damit standen und stehen die politischen Erungenschaften der frühmittelalterlichen Skandinavier noch immer im Hintergrund, selbst wenn die Isländer sich unter Berufung auf ihre wikingerzeitlichen Vorfahren selbst als älteste europäische Demokratie bezeichnen – dabei geflissentlich das antike Griechenland vergessend. Der Grund dafür ist sicherlich unter anderem, daß die Staatengründungen der Wikinger im Ausland meist nicht bis in die Neuzeit überdauert haben und damit dem Vergessen anheimgefallen sind. Zudem waren selbst die skandinavischen Nationalstaaten, die durchwegs auf wikingerzeitliche Gründungen zurückgehen, kaum von Kontinuität geprägt: Island war die längste Zeit seiner Geschichte, nämlich von 1263 bis 1947, kein eigener Staat, und selbst Norwegen war zwischen 1387 und 1814 immer nur untergeordneter Teil anderer skandinavischer Großmächte.

Norwegen – vom Strubbelkopf zum Schönhaar

Dabei fing die Gründung von Reichen durch Wikinger schon vor über 1100 Jahren an. Die ältesten dieser Reichsgründungen in Norwegen und Dänemark reichen so weit in die Frühgeschichte zurück, daß sie sich gar nicht mehr genau datieren lassen. Jedenfalls berichten uns schon die mittelalterlichen skandinavischen Geschichtsschreiber, von denen die meisten in Island am Werk waren, von der berühmten Geschichte des ersten norwegischen Königs, Harald Schönhaar. Dieser Sohn eines Kleinkönigs beschloß irgendwann um die Mitte des 9. Jahrhunderts, nicht eher zu ruhen, bis er alle kleinen Königreiche in dem als „Nor-vegr“ („Nordweg“) bezeichneten Gebiet zu einem einzigen Reich vereinigt hätte. Als äußeres Zeichen dieses Vorsatzes gelobte er, sich Haupthaar und Bart nicht eher wieder zu schneiden, bis er seinen Plan durchgesetzt hätte. Da es zehn Jahre dauerte, bis er den letzten der anderen Kleinkönige unterworfen hatte, handelte er sich damit den Namen Harald Strubbelkopf (und vermutlich einige hygienische Probleme) ein. Als er sich dann aber als erster König von ganz Norwegen Haar und Bart zurechtschneiden ließ, wurde er auf Grund seines nun offenbar deutlich verbesserten Aussehens Harald Schönhaar genannt. So wenigstens wurde die norwegische Reichseinigung von den mittelalterlichen Historiographen gesehen, die selbst nicht mehr über die genaue zeitliche Einordnung dieses Vorgangs Bescheid wußten und auch sonst einige Legenden mitservieren.

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Die weitreichendste davon ist die Geschichte von den unbeugsamen norwegischen Freibauern, welche lieber das Land verließen und sich neue Siedlungsgebiete auf den atlantischen Inseln, den Shetlands, Färöern und schließlich Island suchen wollten als sich dem neuen Zentralkönig in Nidaros (Trondheim) zu unterwerfen. Somit sehen sich die Isländer seither als die noblen Nachfahren dieser freiheitsliebenden Norweger. Allerdings hat die Sache einen Haken, denn die Isländer datieren diesen Exodus (und damit die Staatengründung Harald Schönhaars) in die Zeit um 870, während neueste archäologische Ausgrabungen auf Island norwegische Siedler schon ab 700 wahrscheinlich machen. Also war es wohl entweder nicht erst Harald, der die ersten Bauern zur Kolonisierung Islands trieb (womit die ersten Isländer also nicht politische Flüchtlinge, sondern „nur“ Wirtschaftsflüchtlinge wären), oder aber Harald hat sein Reich schon 100 oder 150 Jahre früher geschaffen, was aber nicht sehr wahrscheinlich ist. Wie auch immer, um 900 existierte jedenfalls schon ein zusammenhängendes norwegisches Reich, weitgehend innerhalb der heutigen Staatsgrenzen. Dabei basierte dieses Reich besonders im Norden auf dem erfolgreichen Zusammenleben der (germanischen) Bauern und der nomadisierenden rentierzüchtenden Sami-Bevölkerung, wovon uns die Geschichtsquellen aber nur in Ausnahmefällen berichten.

Island – ein Land ohne König

Die nach Island auswandernden Siedler taten dies häufig auf dem Umweg über die anderen atlantischen Inselgruppen, auch über Schottland, die Hebriden und Irland, wo sie sich jahrelang, oft genug generationenlang aufhielten, bevor sie endgültig nach Island zogen, sodaß die isländische Bevölkerung auf Grund der ethnischen Durchmischung während dieser Aufenthalte ein starkes keltisches Element enthält. Die Gesetze aber und die Institutionen brachten sie aus Norwegen mit. Nach der Gründung einzelner regionaler Thing-Versammlungen wurde um 930 schließlich das Allthing als gesetzgebende und rechtsprechende Versammlung aller Freibauern für ganz Island gegründet. Mit der Etablierung dieser für über 330 Jahre höchsten Institution setzen die Isländer auch den Beginn des Staates Island an. Eine derartige Konstruktion wurde vom Rest Europas aber eher argwöhnisch betrachtet: was für eine Staatsform sollte das denn sein – ein Land ohne Legimitation durch das gottgewollte Oberhaupt eines Königs? Allerdings war es mit der Demokratie dieser Versammlung nicht weit her, denn nur männliche, steuerpflichtige Freibauern waren zur Teilnahme berechtigt. Die eigentliche Macht lag in den Händen von ursprünglich 36 (später mehr) sogenannten Goden. Schon im 12. und 13. Jahrhundert rissen einige wenige Familien die gesamte Macht an sich, sodaß korrekterweise von einer Oligarchie zu sprechen ist. Diesen Familien gehörten aber auch die Historiographen an, welche die Frühzeit Islands beschrieben, und die natürlich sowohl ihre Vorfahren wie die Entstehung des isländischen Freistaates in einem idealisierten Licht beschrieben.

Dänemark – das Land der mächtigen Burgen

Ins 10. Jahrhundert fällt auch die Reichseinigung in Dänemark. Zwar wissen wir nicht, wie weit sich die Macht des dänischen Königs Gorm (gest. 959) erstreckte, aber sein Sohn Harald Blauzahn regierte bereits ein dänisches Reich, das Jütland, die dänischen Inseln und Schonen umfaßte und in diesen Grenzen bis weit in die Neuzeit Bestand hatte. Haralds eigentliche Großtat bestand in der um 965 erfolgten Christianisierung von „ganz Dänemark“ wie er stolz auf dem monumentalen Runenstein von Jelling verewigen ließ. Ein interessanter Aspekt von Haralds Regierung ist seine Sicherung der Macht im Reich, die er unter anderem durch den Bau von fünf mächtigen, strategisch verteilten Burganlagen betrieb: zwei auf Jütland, und je eine auf Fünen, Seeland und in Schonen. Diese „Trelleborgen“ konnten Garnisonen von über 1000 Mann beherbergen, und während man früher annahm, es wären Sammellager zum Zwecke der Eroberung Englands gewesen, dürfte Harald die schwer befestigten Rundburgen durchaus aus innenpolitischen Gründen angelegt haben. Vom 10. Jahrhundert an blieb Dänemark für ein Jahrtausend der wichtigste Machtfaktor in Skandinavien.

Irland und der Herrscher aller Nordmänner

Außerhalb Skandinaviens waren die wikingischen Reichsgründungen weniger permanent, auch wenn wir den Hang zur Staatengründung an einer Reihe von Beispielen verfolgen können. Der älteste Versuch zur Etablierung eines Wikingerreiches außerhalb Skandinaviens fand in Irland statt, wo sich die Wikinger spätestens seit 820 niedergelassen hatten und immer neue Versuche zur Errichtung eines Königreiches um Dublin unternahmen. Im Jahr 840 wurde Nordirland von einem gewissen Turgeis (= Thorgeir ?) errobert, der dort eine skandinavische Herrschaft errichtete, aber schon 845 gefangengenommen und ertränkt wurde. Um 850 landete in Irland eine dänische Flotte, die ein Jahr später die norwegische Festung in Dublin eroberte. Der für die Geschichte Irlands so charakteristische Kampf zwischen Norwegern und Dänen setzte sich 853 fort, als eine neue norwegische Flotte unter dem Kommando der „Königssöhne“ Olav und Ivar ihrerseits die Dänen aus Dublin vertrieb. Etwa 20 Jahre später konnte sich Ivar als „König aller Nordmänner von ganz Irland und Britannien“ bezeichnen, also offenbar auch der Skandinavier in Nordwest-England und auf der Isle of Man, in jenen Gebieten also, die damals noch dem Königreich Dublin zugerechnet wurden. Von 902 bis 921 war das Königreich Dublin zwar wieder in irischer Hand, aber bis 980 existierte dann ein relativ stabiles dänisches Königreich um Dublin, das dann allerdings in der Schlacht von Tara endgültig den Wikingern verlorenging. Im 11. Jahrhundert waren die Wikinger in Irland eine zwar wohlintegrierte, aber politisch nur mehr zweitrangige Bevölkerungsgruppe…

Literatur: Rudolf Simek, Die Wikinger, Verlag C. H. Beck, München 1998. Peter Sawyer (Hrsg.), Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Volkes, Stuttgart 2000.

Prof. Dr. Rudolf Simek

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