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Maria Theresia und ihre Kinder

Meine größte und teuerste Aufgabe

„Nichts ist mir teurer, als mich mit meinen Kindern zu befassen”, schrieb Maria Theresia 1780 an ihre Tochter Marie Antoinette. “Das sind die einzigen glücklichen Augenblicke in meinem mühseligen Leben.” Für die 63jährige Herrscherin war dies mehr als eine fürsorgliche Floskel; es war ein beredtes Zeugnis für ihr mütterliches Selbstverständnis.

Besondere Aufmerksamkeit erfuhren Maria Theresia und ihr Nachwuchs schon seit ihrer Liebesheirat 1736 mit dem Lothringer Franz Stephan. Ein männlicher Nachkomme sollte dem sohnlosen Karl VI. die Habsburgerherrschaft für die Zukunft sichern. Doch Maria Theresias erste drei Kinder waren Töchter. Und spätestens als die Älteste 1740 noch starb, scheint sich das Verhältnis zum kaiserlichen Vater merklich abgekühlt zu haben.

Sein plötzlicher Tod am 20. Oktober 1740 brachte die 23jährige Maria Theresia nicht nur relativ unvorbereitet auf den Thron, auch die durch ihren Vater in der Pragmatischen Sanktionen festgelegte Erbfolgeregelung drohte im europäischen Mächtespiel zu versagen. Als Friedrich II. im Dezember in Schlesien einmarschierte, stand der jungen Herrscherin eine langwierige Auseinandersetzung bevor, in der sie aber äußerst geschickt ihre junge Familie als zukunftsträchtiges Propagandamittel einsetzte.

Speziell mit dem am 13. März 1741 geborenen Sohn Joseph beschwor sie effizient den Widerstand. “Handle, o Held”, rüttelte sie etwa 1742 ihren Feldmarschall Ludwig Andreas Graf Khevenhüller auf. “Hier hast Du eine von der ganzen Welt verlassene Königin vor Augen mit ihrem männlichen Erben; was vermeinst Du will aus diesem Kind werden?” Ihre dramatischen Appelle fruchteten: Im Frieden von Aachen 1748 und darüber hinaus auch im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) vermochte sie ihr Erbe mit Ausnahme Schlesiens weitgehend zu erhalten. In einer Denkschrift bekannte sie sogar, daß sie am liebsten selber ihrem Feind entgegengezogen wäre, “soferne nicht alle Zeit gesegneten Leibes gewesen”.

In der Tat fielen die meisten ihrer Schwangerschaften ausgerechnet in diese entscheidende politische und militärische Bewährungsprobe. Doch arbeitete sie dank einer außergewöhnlich guten Konstitution stets bis unmittelbar vor Geburtstermin. Auch ihre anschließenden Wochenbetten hielt sie möglichst kurz. Der Wiener Hof staunte darüber hinaus nicht schlecht, daß sie während der Schwangerschaften selbst Tanz- und Reitanlässe sowie Jagden und Reisen nicht scheute. Unter den sechs auf dem Gebärstuhl und den zehn im Bett zur Welt gebrachten Kindern war bemerkenswerterweise nur eine Totgeburt. Im nachhinein hat Maria Theresia ihre Leichtfertigkeit damit begründet, sie sei weder durch Aberglauben noch durch medizinisches Halbwissen besonders beängstigt gewesen. An ihre schwangere Schwiegertochter Maria Beatrice in Mailand schrieb sie 1773 deswegen gar: “Ich kann Euch nicht einmal einen ernsthaften Rat geben, denn trotz meiner 16 Kinder weiß ich nichts, rein gar nichts. Das mag euch zu denken geben über meine Tüchtigkeit.” Indessen spricht aus den Dankesbriefen an ihren Leibarzt Gerhard van Swieten doch auch eine mit jeder Geburt zunehmende Besorgtheit. Und einer Freundin vertraute sie 1748 an, daß sie recht zufrieden wäre, es bei zehn Kindern belassen zu können. “Denn ich fühle, daß es mich schwächt und recht altern läßt und für alle Kopfarbeit weniger fähig macht.” Doch erst die schwere Entbindung von Maximilian 1756 sollte ihre allerletzte sein. Zeitgenossen reagierten bisweilen erstaunt, daß sie sich trotz der vielen Wochenbetten immer noch als “eine der schönsten Prinzessinnen von Europa” erwies.

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Mag einiges daran auch bloß höfliches Kompliment sein und sich Maria Theresias guter Konstitution verdanken, so ist doch all dies ohne einen bestens organisierten Stab von Hebammen und Betreuerinnen undenkbar. Ihnen oblag von Anfang an die Säuglings- und Kleinkinderpflege. Koordiniert von einer eigens für die Töchter eingesetzten Kinderfrau (Aja) bzw. einem Erzieher für die Söhne (Ajo), war jedes Kind in einen kleinen erzieherischen Hofstaat eingebettet. Die speziell ausgewählten Ajas und Ajos hatten einen verantwortungsvollen Überwachungsauftrag. Sie sollten gemäß speziellen Instruktionen konsequent ihre Zöglinge zu einem manierlichen, sauberen, gesunden und frommen Lebenswandel anhalten. Das ging von abhärtenden Essensvorschriften über Verbote, abergläubische Hexengeschichten zu erzählen bis hin zur kontrollierten Zahn- und Fingernagelpflege.

Gleichzeitig mußten die pädagogischen Ergebnisse stets dem Kaiserpaar gemeldet werden. Derart waren die Kinder den Eltern gleichsam allgegenwärtig, auch wenn die genauestens regulierten höfischen Tagesabläufe nur wenig Zeit für den direkten Kontakt erlaubten – ganz gegen die nach außen hin demonstrierte “Bürgerlichkeit” der kaiserlichen Familie. Bisweilen konnte die Kinderschar aber auch störend wirken: “Viermal von Neuem beginnend”, entschuldigte sie sich etwa 1753 gegenüber einer Freundin, “sechs Kinder und den Kaiser im Zimmer, habe ich schreiben müssen; man merkt es dem Briefe an”.

Je nachdem, was die Erzieher meldeten, wurden gesundheitliche Maßnahmen, neue Instruktionen oder gar Strafen ins Auge gefaßt. Was fern vom Kaiserpaar täglich in den höfischen Kinderstuben ablief, verdankte sich einer bewährten Herrschaftspädagogik, die mittels einer klaren Sittlichkeits- und Tugendlehre frühzeitig im Kind den kleinen vernünftigen Erwachsenen mit Familienpflichten und -rechten zu fördern suchte. Dabei wurden die Kinder, umgeben von Bediensteten und Höflingen, stets auf ihre spezielle Position in der sozialen Hierarchie verwiesen. Maria Theresia mochte später bei ihren zahlreichen Enkeln oder in ihren politischen Schulreformprogrammen von einzelnen Erziehungsgrundsätzen abrücken, an der höfischen Etikette hielt sie stets fest, ein Traditionalismus, der ihr den Ruf einer gestrengen, bisweilen gar “kalten” Erzieherin eintrug…

Literatur: Severin Perrig, „Aus mütterlicher Wohlmeinung“. Maria Theresia und ihre Kinder. Eine Korrespondenz, Weimar 1999.

Dr. Severin Perrig

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