Jungsteinzeit im Umbruch Mit Innovation zur Zivilisation - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Jungsteinzeit im Umbruch

Mit Innovation zur Zivilisation

In der Jungsteinzeit kam es zu zahlreichen tiefgreifenden Veränderungen: Die landwirtschaftliche Produktion wurde durch den Einsatz tierischer Arbeitskraft und die Verwendung des Pflugs gesteigert, Kupfer und Gold wurden zu Waffen und Schmuck verarbeitet, und es etablierte sich eine hierarchisch gegliederte Gesellschaftsstruktur.

Der Zeitabschnitt des ausgehenden 5. und des 4. Jahrtausends v. Chr. markiert nach der Sesshaftwerdung und der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht – jenem umwälzenden Prozess in der Kulturgeschichte, den der austra‧lische Archäologe Vere Gordon Childe in An‧lehnung an die „Industrielle Revolution“ als „Neolithische Revolution“ bezeichnet hat – den zweiten großen Wandlungsprozess in der jüngeren Urgeschichte. In den jungsteinzeitlichen Gesellschaften Europas kam es in dieser Zeit zu Veränderungen, die nahezu alle Lebensbereiche betrafen: von der Wirtschaftsweise und der Technologie bis hin zur Gesellschaft und der religiösen Vorstellungswelt.

In Südosteuropa – für das Verständnis der Kulturgeschichte Mitteleuropas seit jeher von großer Bedeutung – hat man für diesen Abschnitt sogar einen eigenständigen Epochenbegriff geprägt: die Kupferzeit. Anlass für die Benennung der zwischen Jungsteinzeit und Bronzezeit angesiedelten Epoche waren zahlreiche Werkzeuge aus Kupfer (Äxte, Beile, Meißel), die bereits im 19. Jahrhundert im Karpatenbecken, im heutigen Ungarn bzw. Rumänien, zutage gekommen waren. Der Terminus Kupferzeit hat sich im kupferarmen Mitteleuropa allerdings nie durchgesetzt. Hier bezeichnen wir diesen Abschnitt weiterhin als Jung- und Spätneolithikum.

Rund ein Jahrtausend nach dem Auftreten der ersten Bauern in den für Ackerbau besonders geeigneten Räumen Mitteleuropas verbreitete sich die sesshafte, produzierende Lebensweise weiter und drang in zuvor gemiedene Gebiete vor. In der Folge wurden neben der norddeutschen Tiefebene, Südskandinavien und den Britischen Inseln zum Beispiel auch Seeufer und Moore des Voralpenlands besiedelt; damit begann die Zeit der „Pfahlbauten“. Die Ausdehnung der bäuerlichen Lebensweise auf weniger ertragreiche Böden und die Erschließung der Lebens- und Wirtschaftsräume außerhalb der fruchtbaren Lössgebiete wurden durch neue Anbaumethoden und durch Spezialisierung möglich. In der Folge entstanden standortspezifische Formen der Landwirtschaft.

Seit Beginn der landwirtschaftlichen Produktionsweise in Mitteleuropa dienten Rinder, Schafe und Ziegen in erster Linie als lebender Fleischvorrat. Nach der Schlachtung wurden Fleisch, Knochen, Sehnen und Fell verwertet. Mit dem ausgehenden 5. Jahrtausend v. Chr. und im Verlauf des 4. Jahrtausends v. Chr. intensivierte der Mensch die Tierhaltung und begann jene Produkte, die Tiere schon zu Lebzeiten zur Verfügung stellen, intensiver zu nutzen: Arbeitskraft, Milch und Wolle. Die neue Zielsetzung machte langfristig eine Haltung größerer Herden wirtschaftlich. Für den Ackerbau ungeeignetes Land diente als Weidefläche. Die veränderte Nutzung der Tiere lässt sich unter an‧derem an der Zusammensetzung und der Altersstruktur der Schlachttiere ablesen. Auf lange Sicht entwickelte die bäuerliche Lebensweise also ganz unterschiedliche Ausprägungen, und infolge der Spezialisierung der Tierhaltung entfalteten sich letztlich verschiedene Ernährungs-, aber auch Gesellschaftssysteme.

Anzeige

Der Einsatz der tierischen Arbeitskraft ermöglichte die Verwendung des Pflugs, was eine Steigerung der Produktion durch die Nutzung größerer Flächen sowie die Bestellung weniger fruchtbarer Böden gestattete. Ein Meilenstein der Zivilisationsgeschichte ist zweifellos die Erfindung von Rad und Wagen. Diese Innovation erscheint seit der Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. nahezu zeitgleich sowohl in Europa als auch im Vorderen Orient. Als ein Entstehungszentrum wird der Raum nördlich des Schwarzen Meeres vermutet. Unterschiedliche Konstruk‧tionsprinzipien machen eine Entstehung an mehreren Orten denkbar. Der Nachweis für die Existenz von Rad und Wagen gelingt nicht nur über Rad- oder Achsfunde, sondern auch indirekt über Darstellungen oder Wagenspuren. Die frühen Wagen Mitteleuropas waren aufgrund ihres Gewichts, ihrer eingeschränkten Lenkbarkeit und eines fehlenden Wegenetzes für den Überlandtransport ungeeignet. Ihr Einsatzgebiet beschränkte sich zunächst auf den Transport im Nahbereich der Siedlung, wo sie sicher eine große Arbeitshilfe waren.

Die Veränderungen in den jungsteinzeitlichen Gemeinschaften werden schließlich auch im Erscheinungsbild der Siedlungen deutlich. Als die ersten Bauern um 5500 v. Chr. Mitteleuropa besiedelten, errichteten sie bis zu 40 Meter lange, massive Wohnspeicherbauten. Wenige, weit voneinander entfernt errichtete Häuser bildeten eine Siedlung. Rund ein Jahrtausend später verringerte sich allmählich die Hausgröße, und auch der Abstand der Häuser zueinander reduzierte sich auf wenige Meter. Die Bebauung orientierte sich fortan entlang natürlichen Gegebenheiten, und mit Straßen und Gassen wurde schließlich eine dörfliche Planung und Organisation erkennbar. Die neuen Dorfgrundrisse waren zweifellos Ausdruck einer veränderten Gesellschaft und kennzeichnen die neue Wirtschafts- und Sozialstruktur…

Jungsteinzeit im Umbruch – Die Michelsberger Kultur und Mitteleuropa vor 6 000 Jahren

Sonderausstellung im Badischen Landesmuseum Karlsruhe

20. November 2010 – 15. Mai 2011

Mit über 400 Exponaten beleuchtet die Ausstellung den folgenschweren kulturellen Wandel zwischen dem Ende des 5. Jahrtausends v. Chr. und dem 4. Jahrtausend v. Chr. in Mitteleuropa.

Ausgangspunkt ist der Michaelsberg, ein jungsteinzeitlicher Fundplatz bei Bruchsal-Untergrombach. Der Platz ist Namensgeber für die „Michelsberger Kultur“, die zwischen 4300 und 3500 v. Chr. in weiten Teilen Mitteleuropas verbreitet war. Als typisch für diese Kultur gelten sogenannte Erdwerke: mehrere Hektar umfassende, mit einem oder mehreren Gräben und Wall umgebene Plätze. Die Funktion dieser Erdwerke wird bis heute kontrovers diskutiert. Der durch Größe, Lage im Gelände, Gräben, Wall und Palisade erzeugte monumentale Eindruck lässt an eine zentrale Stellung für in der Landschaft verstreut liegende kleine Weiler und Gehöfte denken. In einigen Fällen umgaben die Gräben nachweislich eine Siedlung und dienten vermutlich der Verteidigung. Für eine Ausübung ritueller Handlungen sprechen wiederum einige der aufgefundenen Menschenknochen sowie ungewöhnliche Bestattungen, die allerdings nicht an allen Fundplätzen beobachtet werden konnten.

Gezeigt werden Gegenstände des täglichen Bedarfs wie Werkzeuge, Schmuck und Gefäße, aber auch die ältesten Kupfer- und Edelmetallfunde Mitteleuropas. Inszenierungen und Modelle bieten vielfältige Einblicke in die damalige Lebenswirklichkeit.

Das Ausstellungsangebot wird durch ein umfassendes Begleitprogramm mit Vorträgen, Vorführungen und anderen Veranstaltungen abgerundet.

Eine Ausstellung des Badischen Landesmuseums in Kooperation mit dem Ar‧chäologischen Landesmuseum und dem Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg.

Zur Ausstellung erscheint im Primus Verlag (Darmstadt) ein reichillustrierter Begleitband, der die Themen der Ausstellung vertieft.

http://www.landesmuseum.de

Dr. Clemens Lichter

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

Bull|do|zer  〈[–do:z(r)] m. 3〉 Raupenfahrzeug, das mit einer horizontalen Stahlschneide das Gelände einebnet; Sy Erdräumer ... mehr

H  I 〈n.; –, –; Mus.〉 Tonbez., Grundton der H–Dur–Tonleiter II 〈ohne Artikel〉 1 〈Mus.; Abk. für〉 H–Dur (Tonartbez.) ... mehr

Zwölf|ton|mu|sik  〈f. 20; unz.; Mus.; Sammelbez. für〉 Kompositionsweisen, die nicht mehr den Regeln der Harmonielehre gehorchen, sondern ein Bezugssystem bilden, in dem alle Töne gleichberechtigt sind; Sy Dodekafonie ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige