Marksburg Mittelalter am Rhein - wissenschaft.de
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Marksburg

Mittelalter am Rhein

In kaum einer anderen deutschen Landschaft gibt es so viele Burgen wie am Mittelrhein. Doch nur wenige haben ihr mittelalterliches Erscheinungsbild bewahren können. Zu ihnen gehört die Marksburg über Braubach.

Die Zugfahrt am Mittelrhein entlang von Mainz nach Koblenz kann selbst bei Menschen, die die halbe Welt bereist haben, noch Begeisterung wecken. Zum einen wegen der landschaftlichen Schönheit und den wie Perlen aufgereihten kleinen Städtchen. Zum anderen wegen der zahlreichen Burgen. Kaum ein Kilometer vergeht, ohne daß der Blick auf wehrhaftes Gemäuer trifft. Der Mittelrhein ist die deutsche Burgenlandschaft par excellence.

Schaut man sich die Burgen einmal genauer an, zeigt sich aber, daß es mit dem „wirklichen Mittelalter“ oft nicht weit her ist. Es dominiert das 19. Jahrhundert, in dem zuerst Angehörige des preußischen Königshauses ihren Traum vom Mittelalter am Rhein verwirklicht und Burgruinen in neugotische Schlösser verwandelt haben. Als Beispiel für diesen Stil mögen Rheinstein und Stolzenfels dienen. Diese Schlösser sind schön anzuschauen und verführen zu romantischer Träumerei, doch wer unverfälschtes Mittelalter sucht, wird dort nicht fündig.

Am Mittelrhein ist das 19. Jahrhundert aber nur wenige Kilometer vom Mittelalter entfernt: Kaum hat man Stolzenfels flußaufwärts hinter sich gelassen, taucht auf der in Fahrtrichtung linken Rheinseite die Marksburg mit ihrem hohen Bergfried am Horizont auf. Seit 1900 hat hier die Deutsche Burgenvereinigung ihren Sitz, die den in seinen ältesten Teilen auf das 13. Jahrhundert zurückgehenden Bau behutsam restauriert hat.

Die Marksburg ist eine Gründung der ursprünglich aus dem Taunus stammenden Grafen von Eppstein. Im 13. Jahrhundert stellten sie vier Erzbischöfe von Mainz. Nach dem Aussterben der Eppsteiner kam die Burg 1283 in den Besitz der Grafen von Katzenelnbogen, die seit 1066 am Mittelrhein nachweisbar sind. Das heutige Erscheinungsbild der Marksburg geht in weiten Teilen auf die Aus- und Umbauten in ihrer Zeit zurück. 1479 fiel die Burg an die Landgrafen von Hessen, die – anders als die Katzenelnbogener – nicht selbst auf der Marksburg residierten, sondern sie durch Amtmänner verwalten ließen. Im Kernbereich der Burg veränderten sie nur wenig; allerdings versahen sie die Marksburg mit mächtigen Geschützbatterien und bauten sie so zur Festung aus.

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Am Fuß des steilen Gipfels, auf dem die Marksburg thront, ließ Landgraf Philipp II. von 1567 bis 1574 im Ort Braubach eine ausgedehnte Renaissance-Anlage errichten. Die Philippsburg sollte seiner Gemahlin einst als Witwensitz dienen – heute residiert das Europäische Burgeninstitut stilvoll in den Räumen, beeinträchtigt einzig durch die förmlich vor dem Fenster vorbeidonnernden Personen- und Güterzüge …

Als Festung erlebte die Marksburg im 18. Jahrhundert stürmische Zeiten. 1705 brach im Pulvermagazin ein schwerer Brand aus; während des Siebenjährigen Krieges hausten preußische Grenadiere auf der Burg, 1780 erschütterten zwei Erdbeben die alten Mauern … Doch es kam noch schlimmer: Mit dem Übergang an Nassau 1803 wurde die Burg zum Staatsgefängnis, der Unterhalt mehr und mehr vernachlässigt. Der Übergang an Preußen 1866 hätte auch für die Marksburg fast den Umbau zu einer historisierenden Schloßanlage gebracht. So notierte der spätere Kaiser Friedrich III. in den 1880er Jahren: „Die Burg ist die einzige unzerstörte am Rhein; es wäre ein Vergnügen, sie wieder instand zu? setzen.“ Doch zu dem von Friedrich angedachten Umbau kam es nicht. Statt dessen erwarb im Jahr 1900 der Burgenforscher Bodo Ebhardt die Marksburg und machte sie zum Zentrum der im Jahr zuvor von ihm gegründeten „Vereinigung zur Erhaltung deutscher Burgen“ (heute Deutsche Burgenvereinigung). In den folgenden Jahrzehnten restaurierte Ebhardt die Burg zum Teil zwar ebenfalls mit historisierenden Elementen, doch hielt er sich weitgehend an Bauzeichnungen, die der Geograph Wilhelm Dilich 1608 von der Marksburg angefertigt hatte.

Die Besichtigung (nur mit Führung) beginnt am Fuchstor, das noch aus dem 14. Jahrhundert stammt. Durch den 23 Meter langen inneren Zwinger gelangt man zum nächsten Tor, dem Schartentor. Hat man es durchschritten, müssen sich die Augen erst einmal an die Dunkelheit gewöhnen. Bei der folgenden Reitertreppe haben die Restauratoren der Versuchung widerstanden, eine schön gepflasterte, „modern“ ansteigende Rampe zu schaffen. Auf der Marksburg ist weiterhin der nackte Felsen zu sehen, und der Besucher kann sich leicht vorstellen, daß hier mancher Reiter ins Schleudern geraten ist.

Zu einer Burg gehörten nicht nur Ritter, sondern stets auch Handwerker. Daran erinnert beim weiteren Aufstieg zur Kernburg die alte Schmiede. Von der Zeit als Festung zeugt die Große Batterie mit ihren Geschützen. Im Oberen Zwinger wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Zier- und Nutzgarten angelegt – ebenfalls ein fester Bestandteil mittelalterlicher Burgen. Im Burginneren hat sich zwar aufgrund der wechselhaften Geschichte kein originales Mobiliar erhalten, doch haben Bodo Ebhardt und seine Nachfolger versucht, die Räume so einzurichten, daß die Besucher das Leben auf einer Burg gleichwohl nachvollziehen können. So gibt es eine „Kemenate“ mit Himmelbett und Kinderwiege, Spinnrad und Kleidertruhe, und auch im Rittersaal erinnern Stühle und Tische daran, daß auf dieser Burg einst Menschen gelebt, gegessen und gefeiert haben. Der 65 Quadratmeter große Raum nimmt die ganze Breite des gotischen Saalbaus ein. Der Abort-Erker ist noch original mittelalterlich, wohingegen die Wandmalereien erst im 20. Jahrhundert anhand originaler Reste ergänzt wurden. Eindrucksvoll sind auch die große Küche der Burg mit ihrem mächtigen Rauchfang und der tonnengewölbte Weinkeller.

Intim wirkt dagegen die polygonale (vieleckige) Burgkapelle aus dem 14./15. Jahrhundert mit ihrem zehnteiligen Gewölbe. Die Wandmalereien stammen von 1903, fügen sich jedoch gut in den Charakter der kleinen Kapelle ein. Nach dem großen Brand von 1705 neu errichtet wurde der „Rheinbau“. In der Rüstkammer werden vor allem „kleine Ritter“ leuchtende Augen bekommen, wird hier doch die Entwicklung der Waffen und Rüstungen von der Römerzeit bis in das späte Mittelalter anschaulich gemacht. Der im rechten Winkel an den Rheinbau anschließende romanische Palas enthält zwar noch Bauteile aus dem 13. Jahrhundert, wurde aber ebenfalls im 18. Jahrhundert stark verändert.

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