Die Möbel der Münchner Residenz Möbel machen Leute - wissenschaft.de
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Die Möbel der Münchner Residenz

Möbel machen Leute

Möbel waren im Zeitalter des Barock weit mehr als nur Gebrauchsgegenstände: Sie waren Teil des höfischen Zeremoniells und der gesellschaftlichen Etikette. Besonders eindrucksvoll läßt sich dies an der Möbelsammlung der Münchner Residenz belegen.

Beeindruckt steht der Besucher im Paradeschlafzimmer der „Reichen Zimmer“ der Münchner Residenz und versucht, sich in vergangene Zeiten zurückzuversetzen: wie Kurfürst Karl Albrecht (1726–1745, seit 1742 Kaiser Karl VII.), das morgendliche Aufstehen und das abendliche Zubettgehen als Staatsakt zelebrierte – gestaltet wie eine Theaterinszenierung. Stop! All das gab es in Versailles unter Ludwig XIV., nicht aber in Bayern.

Zwar waren Aufstehen und Zubettgehen des Herrschers auch in München genauen Regeln unterworfen, aber es war ein weitgehend privater Akt. Als deutsche Fürsten richteten sich die Wittelsbacher nach dem Vorbild des Wiener Kaiserhofes, der kein öffentlich inszeniertes Lever und Coucher kannte. Dennoch wollte Kurfürst Karl Albrecht in den neuen Räumen seiner Residenz nicht auf ein Paradeschlafzimmer nach französischem Vorbild verzichten. Fanden in den Reichen Zimmern festliche Abendgesellschaften – sogenannte Appartements – statt, so gehörte zu deren Programm das Lustwandeln durch die Gemächer, wobei das Paradeschlafzimmer laut zeitgenössischen Berichten die meisten bewundernden Blicke erntete.

Der Verzicht auf Lever und Coucher sollte nicht zu dem Schluß führen, daß am bayerischen Hof der Inszenierung von Herrschaft insgesamt kein großer Raum gegeben wurde. Eine der ungewöhnlichsten dieser Inszenierungsformen waren die sogenannten Öffentlichen Tafeln. In der Münchner Residenz fanden solche Schauessen im Antiquarium statt, einem der prächtigsten Räume des gesamten Komplexes. Der Fürst saß erhöht und abgetrennt durch eine Balustrade – zum Teil ganz allein, zum Teil mit seiner Familie oder hohen Gästen – und speiste unter den Blicken seines Hofstaates und zahlreicher Besucher. Wer zu den Zuschauern zählte, durfte sich glücklich schätzen, denn daran teilzunehmen war eine hohe Ehre.

Zwar ist der Ende des 16. Jahrhunderts eigens für diese Schauessen hergestellte Prunktisch ein Opfer der Bombennächte des Zweiten Weltkriegs geworden, doch haben sich zwei große Kredenzen aus derselben Zeit an Ort und Stelle erhalten, die als Schaubuffets für kostbares Geschirr dienten. Auch Kunstobjekte konnten darauf vor der staunenden Menge ausgestellt werden. Man kann sich kaum vorstellen, daß die Herrscher – egal, wie erlesen die Speisen waren – bei diesen öffentlichen Schauessen, die vom 16. bis weit ins 18. Jahrhundert hinein üblich waren, so etwas wie kulinarischen Genuß verspürt haben. Doch darum ging es auch gar nicht. Es ging um die Demonstration von Macht und Herrschaft.

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Nicht minder gilt dies für die großen Staatsappartements der Münchner Residenz. Wer die nicht von ungefähr so bezeichneten Reichen Zimmer des Kurfürsten Karl Albrecht besichtigt, findet hier keine Wohnräume im heutigen Sinne vor, sondern Räume, in denen Herrschaft inszeniert wurde, die in erster Linie dazu da waren, zu beeindrucken und den Besucher möglichst klein erscheinen zu lassen.

Nicht nur räumlich war es ein weiter Weg bis zum Herrscher. Noch heute wirkt der Weg durch die Staatsappartements, der Eindruck der immer prächtiger werdenden Räume, fast einschüchternd. Auch die Möbel waren in dieses Konzept mit eingebunden. Daß Prunktische und Uhren vom Reichtum ihrer Besitzer künden, versteht sich von selbst. Doch selbst hier gibt es Unterschiede. Je näher man von den Vorzimmern dem Kabinett des Herrschers kommt, um so prächtiger werden auch die Möbel, die weit davon entfernt sind, alltägliche Gebrauchsgegenstände zu sein. In den Zeremonialbüchern des 18. Jahrhunderts ist den Möbeln denn auch oft ein ganzes Kapitel gewidmet. Selbst jene Möbel, die tatsächlich dem täglichen Gebrauch dienten, waren Teil der Inszenierung. So folgten die Sitzmöbel einer hierarchischen Rangfolge. An unterster Stelle stand die Bank – denn darauf konnten gleichzeitig mehrere Personen sitzen. Es folgten einsitzige Hocker, Stühle mit Rückenlehne und schließlich – als Krönung im wahrsten Sinne des Wortes – die Fauteuils mit Rücken- und Armlehnen. Wobei innerhalb der einzelnen Sitzmöbel eine zusätzliche Abstufung stattfand, indem die Bezüge von Raum zu Raum „vornehmer“ wurden – vom glatten Samt in den Vorzimmern bis zu dem ziselierten oder reichbestickten Samt im Konferenzzimmer des Kurfürsten. Wer durch die Staatsappartements der Münchner Residenz geht, wird aber schon bald feststellen, daß es gar nicht so viele Sitzgelegenheiten gibt, wie man vermuten könnte. Auch das hat einen einfachen Grund: Die meisten Besucher bekamen gar keine Gelegenheit, sich hinzusetzen, schon gar nicht im Allerheiligsten der Macht, dem Konferenzzimmer des Kurfürsten. Dort steht zwar ein regelrecht in die Wand eingearbeitetes, herrliches Kanapee, doch das war höchsten Besuchern vorbehalten. Es diente in erster Linie der Bewunderung und nicht der Bequemlichkeit…

Die Ausstellung „Pracht und Zeremoniell. Die Möbel der Residenz München“ ist noch bis zum 6. Januar 2003 in den historischen Räumen zu sehen. So können die Besucher nicht nur außergewöhnliche Möbelstücke bestaunen, sondern auch die damit verbundene höfische Inszenierung anschaulich miterleben. Zu der Ausstellung ist im Hirmer Verlag, München, ein umfangreicher, großartig bebilderter Katalog erschienen.

Uwe A. Oster

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