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Kommunaler Wohnbau im "Roten Wien"

Paläste für das Volk

Über 60000 Wohnungen baute die Stadt Wien zwischen 1920 und 1934, um die grassierende Wohnungsnot zu lindern. Doch dahinter steckte noch mehr: Ziel der Kommunalpolitiker im „Roten Wien“ war nichts weniger als die Schaffung eines „Neuen Menschen“.

Wien, die glanzvolle alte Kaiserstadt, erfuhr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem aufgrund der Zuwanderung aus allen Teilen der damaligen Donaumonarchie ein starkes Bevölkerungswachstum: Von 1840 bis 1918 stieg die Einwohnerzahl (einschließlich der Vororte) von etwa 440 000 auf mehr als zwei Millionen. Die meisten der bis heute das Stadtbild prägenden infrastrukturellen und städtebaulichen Maßnahmen stammen aus dieser „Gründerzeit“.

In der Wohnraumversorgung herrschte ein strukturelles Unterangebot an kleinen und für die breiten Massen erschwinglichen Wohnungen. Bezogen auf das jeweilige Einkommen standen den wohlhabenden Gesellschaftsschichten vergleichsweise günstige Wohnungen zur Verfügung, hingegen wohnten die ärmeren Schichten sowohl relativ teuer als auch unter denkbar schlechten Bedingungen. Der von privaten Bauträgern überwiegend produzierte Typ der Kleinwohnung für weniger zahlungskräftige Schichten war die „Bassena-Wohnung“: eine Ein-Zimmer-Küche-Wohnung unter 30 Quadratmetern Wohnfläche, mit einer nur vom Gang aus belichteten und belüfteten Küche und einer für mehrere Wohnungen gemeinsamen Wasserentnahmestelle (Bassena) und Toilette. Zumeist lagen diese Wohnungen in unwirtlichen „Zinskasernen“, konzentriert in typischer Raster-Verbauung vor allem in den ehemaligen Vororten und nunmehrigen Arbeiterwohnvierteln. Weil bis zu 85 Prozent der Grundstücksflächen bebaut wurden, waren die um die engen Lichthöfe gruppierten Wohnungen recht finster. In typischen Arbeiterbezirken wie Favoriten, Ottakring, Simmering, Meidling, Hernals, Floridsdorf und Brigittenau war überdies ein Viertel aller Zimmer-Küche-Wohnungen mit sechs oder mehr Personen belegt; 1910 gab es in Wien rund 170 000 Bettgeher und Untermieter. Derartige Wohnverhältnisse begünstigten das Grassieren von Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten, ganz abgesehen von der Gefahr sozialer und sittlicher Verwahrlosung. Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Unfälle zogen fast unweigerlich Obdachlosigkeit nach sich.

Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Zerstörung der Habsburgermonarchie bedeuteten für Wien eine dramatische Wende: Die einstige Metropole eines Vielvölkerstaats mit 53 Millionen Einwohnern und Sitz von zentralen Behörden, Banken, Versicherungen und Industriekonzernen sah sich reduziert zur Hauptstadt eines kaum sieben Millionen Menschen zählenden Kleinstaats. Rund ein Drittel der Bevölkerung der neuen Republik lebte in Wien, das wegen seiner auf ein Großreich zugeschnittenen zentralen Einrichtungen als überdimensionierter „Wasserkopf “ empfunden wurde. Hinzu kam noch der wachsende politische Gegensatz zwischen den überwiegend christlichsozial regierten und weitgehend agrarisch strukturierten Bundesländern sowie der sozialdemokratisch dominierten Hauptstadt. Das rasche Scheitern der unmittelbar nach dem Krieg etablierten Großen Koalition polarisierte die beiden politischen Lager. Die bürgerlich-konserva-tive Seite propagierte in der Folge eine strikte Sparpolitik, während die Sozial‧demokraten in Wien ganz auf öffentliche Förderprogramme setzten, die bald den Charakter eines international beachteten Sozialexperiments erlangten…

Prof. Dr. Herbert Matis

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