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Frankreich. Gründung der Dritten Republik

Republik von Bismarcks Gnaden

Der Deutsch-Französische Krieg läutete in Frankreich die Modernisierung des politischen Systems ein. Dabei entstand die Dritte Republik nicht etwa in Auflehnung gegen die deutschen Besatzer, sondern mit tatkräftiger Unterstützung preußischer Kanonen. Die Dritte Republik war die erste stabile moderne Demokratie auf dem europäischen Kontinent und sollte es bis 1940 bleiben.

Die Demokratie kam zunächst leise und wie durch die Hintertür. Es gab keine Revolution, jedenfalls nicht sofort. Stattdessen implodierte im September 1870 das Zweite französische Kaiserreich. Der äußere Anlass war simpel: Kaiser Napoleon III. war in der Schlacht bei Sedan vernichtend geschlagen und anschließend gefangen genommen worden. Die Niederlage und die Schmach der Gefangenschaft entzogen einem Regime seine Legitimität, das bis dato vom militärischen Nimbus des Hauses Bonaparte gezehrt hatte. Freilich gab es auch strukturelle Ursachen – die interventionistische Wirtschafts- und Sozialpolitik behagte dem liberal gesinnten Großbürgertum keinesfalls. Zentralismus, Zensur und politische Verfolgung brachten freiheitlich eingestellte Franzosen gegen die Obrigkeit auf.

Die Machtübernahme am 4. September in Paris vollzog sich denkbar unspektakulär. Die republikanisch gesinnten Mitglieder des kaiser‧lichen Parlaments bildeten eine vorläufige Regierung der Nationalen Verteidigung. Volksaufläufe fanden zwar zunächst statt, doch setzten die neuen Machthaber alles daran, den Anschein einer Revolution zu vermeiden – keine Experimente und keine Unruhe lautete die Devise. Dies war die paradoxe Obsession der französischen Republikaner: Sie wollten eine demokratische Staatsform, fürchteten aber unkontrollierbare Äußerungen des politischen Willens der Bevölkerung – und waren bereit, diese auch brutal zu bekämpfen, wie sich später angesichts der Pariser Kommune zeigen sollte.

Im Herbst 1870 galt die Aufmerksamkeit aber vor allem einem Thema: Nach Sedan ging der Krieg weiter, und die preußisch-deutschen Truppen rückten zügig nach Westen vor. Die neue Regierung hatte sich zuallererst um die Verteidigung zu kümmern. Sie musste dabei erfahren, dass weniger die vormaligen imperialen Kommandostrukturen für die Niederlagen verantwortlich waren als vielmehr strategische und technische Unterlegenheit. Und so musste sie mit ansehen, wie die Armeen Bismarcks die Provinzen der Grande Nation in geradezu rasender Geschwindigkeit besetzten. Schon wenige Wochen nach der Schlacht bei Sedan vom 2. September 1870 war die Hauptstadt Paris von der Außenwelt abgeschnitten. Aus dieser Zeit stammt einer der großen Gründungsmythen der Dritten Republik, der von Unbeugsamkeit, Patriotismus und damaliger Hightech kündet: Im Oktober verließ der neue Innenminister Léon Gambetta die Hauptstadt, um sich an die Spitze einer Entsatzarmee zu stellen. Wegen der Belagerung gelang dies nur durch einen waghalsigen Flug über die deutschen Stellungen hinweg an Bord eines Militärballons. In guter revolutionärer Tradition versuchte Gambetta von Tours aus, eine Freiwilligentruppe auszuheben. Freilich war die militärische Entscheidung zu diesem Zeitpunkt längst gefallen. Die Flucht Gambettas hatte vor allem symbolische Bedeutung.

An diesem Punkt kam erstmals der deutsche Einfluss ins Spiel. Im Winter 1870/71 legte Bismarck die Grundlagen für gleich zwei neue Staatswesen in Europa: Neben den Verhandlungen über die Reichseinigung ermöglichte er auch die Konstituierung der Republik. Der Hintergrund war folgender: Der preußische Regierungschef drang auf einen schnellen Frieden. Dazu brauchte er aber einen legitimierten und handlungsfähigen Vertragspartner auf französischer Seite. Die neue Regierung war vom Rest des Landes zunehmend abgeschnitten und bei weitem nicht überall anerkannt. So unterstützte Bismarck die Bestrebungen der neuen Machthaber, eine Nationalversammlung zu wählen, die dem Land nach dem Willen der Republikaner eine demokratische Verfassung geben sollte. Der deutsche Anteil an diesem Vorgang war entscheidend, schließlich war der gesamte Nordosten des Landes besetzt. In diesen Gebieten organisierten deutsche Stellen die Wahl. Bismarck setzte durch, dass sogar die französischen Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft am Urnengang teilnehmen durften. So konnte schließlich die Nationalversammlung Anfang Februar eröffnet werden – und zwar in Bordeaux, weil der Südwesten nicht von deutschen Truppen besetzt war.

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Die Rechnung der Republikaner ging jedoch nur zum Teil auf. Im Winter 1870/71 formierten sich die politischen Verhältnisse Frankreichs unter dem Eindruck von Krieg und Besatzung neu. Im Lager der Republikaner zeichneten sich Gegensätze zwischen radikaldemokratischen, teilweise auch leicht sozialistisch angehauchten Gruppen und bürgerlich-liberalen Anhängern der Republik ab. Vom Untergang des Kaiserreichs hofften aber auch ganz andere Kräfte zu profitieren: die konservativen, zum Teil reaktionären Verfechter der Monarchie. Diese traten in zwei Va‧rianten auf: als Anhänger der alten Bourbonendynastie, die vor der Revolution von 1789 und nach dem Ende des Ersten Kaiserreichs von 1814/15 bis 1830 regiert hatte, sowie als Unterstützer der Familie Orléans, die zwischen 1830 und 1848 den „Bürgerkönig“ Louis-Philippe gestellt hatte. Die Anhänger der Familie Bonaparte konnten zu diesem Zeitpunkt kaum auf Zuspruch hoffen. Der Familienzwist der Monarchisten sollte ihnen später politisch das Genick brechen. Im Februar 1871 konnten sie jedoch große Erfolge feiern. Im Gegensatz zu den patriotisch gesinnten Republikanern setzten sich die Royalisten nämlich für einen schnellen Friedensschluss ein. In der Nationalversammlung bekamen die Monarchie-Anhänger auch deshalb eine satte Mehrheit, weil die Franzosen kriegsmüde waren.

Nun schlug die Stunde eines listigen Verfechters der Republik: Adolphe Thiers’. Thiers darf zu Recht als Gründungsvater der Dritten Republik gelten. Ihm gelang es, gegen die Mehrheit der Royalisten eine schleichende Etablierung der Republik durchzusetzen. Thiers, der sich auch als Histo‧riker einen Namen gemacht hatte, konnte mit seinen 73 Jahren auf eine lange politische Karriere zurückblicken. Nach 1830 hatte er dem Bürgerkönig mehrfach als Minister und Regierungschef gedient, und im verflossenen Zweiten Kaiserreich hatte er sich als liberaler Kritiker Napoleons III. einen Namen gemacht. Zudem besaß er exzellente Verbindungen in der liberal gesinnten Wirtschaftselite Frankreichs. Als die National‧versammlung nun einen Vertreter für die Verhandlungen mit Bismarck suchte, schien Thiers ideal. Die Royalisten sahen in ihm wegen seiner Rolle in den 1830er Jahren einen halbwegs verlässlichen Parteigänger, die Republikaner waren ihm wohlgesonnen, weil er sich in den letzten Jahren für ihre Sache eingesetzt hatte. Die Nationalversammlung verständigte sich auch deshalb auf Thiers als Regierungschef des Übergangs, weil die Royalisten ihn für einen Mann der Vergangenheit hielten. Ihm konnte man die unpopuläre Aufgabe der Friedensverhandlungen übertragen, ohne dabei das politische Personal der Zukunft zu beschädigen. Mit anderen Worten: Thiers sollte die Kastanien aus dem Feuer holen und nach dem absehbar schmachvollen Friedensvertrag einer unbelasteten Monarchie das Ruder übergeben. Doch es kam anders…

Literatur: Jens Ivo Engels, Kleine Geschichte der Dritten französischen Republik (1870–1940). Köln / Weimar / Wien 2007.

Prof. Dr. Jens Ivo Engels

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