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Andreas Vesal

Revolutionär der Anatomie

Mit seiner „Fabrica“ schuf Andreas Vesal 1543 ein völlig neuartiges Anatomiebuch, dessen Inhalt nicht auf den antiken Autoritäten, auf Spekulationen oder Analogien bei Tieren beruhte, sondern auf seinen eigenen Beobachtungen am Menschen.

Als Andreas Vesal am Silvesterabend 1514 in Brüssel als zweiter Sohn des Apothekers Andries van Wesele geboren wurde, da war der ursprüngliche Familienname Witing längst zugunsten des Herkunftsortes Wesel am Niederrhein aufgegeben worden. Schon seit vielen Generationen hatten die „van Weseles“ in Brüssel gelebt, zumeist als Ärzte, die eine geachtete Stellung am kaiserlichen Hof bekleideten. Der Großvater des Neugeborenen, Everard, war Leibarzt Kaiser Maximilians und seiner Gattin Maria von Burgund gewesen. Für einen Sohn dieses Everard aus einer unehelichen Verbindung, der auf den Namen Andries getauft wurde, hatten wohl die finanziellen Mittel für ein Medizinstudium nicht aufgebracht werden können, und so mußte er später die eher untergeordnete Stellung eines Hofapothekers einnehmen. Andries van Wesele lebte in bescheidenen Verhältnissen. Er und seine Familie bewohnten ein Haus in einem wenig geachteten Stadtbezirk in der Nähe des „Quartier des Minimes“ und des Galgenbergs, dort also, wo sich heute der imposante Justizpalast in Brüssel erhebt. Andreas Vesal aber folgte wieder der Tradition seiner Vorväter. Nach der Lateinschule ging er mit 15 Jahren nach Löwen, und an der dortigen Universität immatrikulierte er sich in der Artistenfakultät, somit also für ein Grundstudium, das außer den Sprachen Lateinisch, Griechisch und wohl auch Hebräisch die Fächer Philosophie und Rhetorik umfaßte. Auf Anraten eines Freundes der Familie wechselte er 1533 nach Paris, um dort das Medizinstudium aufzunehmen. Die Medizinische Fakultät der Sorbonne stand ganz in der weit über tausendjährigen Tradition Galens (129–199), jenes griechischen Gladiatorenarztes, dessen Schriften als unübertreffliche Werke angesehen wurden. Die maßgeblichen Anatomieprofessoren waren Günther von Andernach und Jacques Dubois, der sich Jacobus Sylvius nannte.

Man muß sich den damaligen Anatomieunterricht so vorstellen: Bei den Sektionen von Tierkadavern, manchmal auch von menschlichen Leichen, las der auf seinem Lehrstuhl thronende Ordinarius die entsprechenden Kapitel aus dem Galenschen Werk vor und wies einen Demonstrator an, der mit einem Stock auf die genannten Organe zeigte und der einem weiteren Sektionsgehilfen seine Anweisungen gab. Gelegentlich offenbarten sich allerdings bei Sektionen menschlicher Körper Abweichungen vom gelehrten Text. Diese wurden aber dann rasch als Anomalien bezeichnet oder galten gar – wie Sylvius meinte – als Hinweise auf die Degeneration des Menschen seit den Tagen des Galen. Drohende Kriegswirren veranlaßten Vesal 1536, das Studium in Paris aufzugeben und wieder nach Löwen zurückzukehren. Mit einer eher medizinisch-literarischen Arbeit, einer „Paraphrasis“ zur arabischen Medizin des Rhazes, erwarb er den Grad eines Baccalaureus. Den endgültigen Abschluß seines Medizinstudiums plante Vesal aber in Padua. Die ehrwürdige Universität von Padua (1220 gegründet) war zunächst vor allem eine Hochburg der Rechtswissenschaft gewesen, aber seit dem Ende des 14. Jahrhunderts hatte auch die Medizinische Fakultät einen weit über Italien hinaus strahlenden Ruhm gewonnen, so daß Patienten von weither kamen, um hier Heilung zu finden. Im Herbst 1537 kam Vesal nach Padua und legte mit großem Erfolg bereits im Dezember seine Examina ab. Schon am folgenden Tag übernahm er den Lehrstuhl für Anatomie und Chirurgie. Diese beeindruckende Geschwindigkeit des Berufungsverfahrens ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das stupende Wissen Vesals zurückzuführen, das er in den Prüfungen gezeigt hatte.

Vesal übte sein Amt grundsätzlich anders aus als es der professorale Brauch gebot. Schon in seiner ersten Sektion – jener eines 18 jährigen Jünglings – legte er selbst Hand an, sezierte und präparierte. Dabei erteilte er seine Unterweisungen, die protokolliert wurden. Ganz hatte sich Vesal noch nicht von der Tradition Galens gelöst, als er auf der Grundlage dieser Aufzeichnungen seine sechs „Tabulae anatomicae“ veröffentlichte. Diese enthielten aber bereits zahlreiche Neuentdeckungen, wie etwa die erste Beschreibung der Prostata. Darüber hinaus enthielten sie Abbildungen, teils aus Vesals eigener Hand, teils von seinem Landsmann Stephan von Calcar. Ein Exemplar der „Tabulae“ sandte Vesal an seinen Vater mit der Bitte, es an Kaiser Karl V. weiterzugeben.

Daß Vesal eigenhändig Sektionen vornahm und kommentierte, sprach sich bald herum. Sogar von der rivalisierenden Universität Bologna erhielt er Einladungen zu solchen Demonstrationen. Fast immer wurde bei diesen Gelegenheiten auch ein Tier, meist ein Hund, zusätzlich seziert, so daß vergleichend-anatomische Studien möglich waren. Obwohl Vesal immer deutlicher wurde, daß Galen wohl nie eine menschliche Leiche seziert hatte, war es anfangs doch sehr schwer für ihn, aus der Tradition herauszutreten. In einem mühsamen Prozeß, auch gefördert durch die jetzt in Padua erstmals mögliche Lektüre italienischer Anatomen, fand Vesal allmählich zu einer immer größeren Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Daraus erwuchs der Gedanke an ein völlig neuartiges Anatomiebuch, dessen Inhalt nicht auf Spekulationen und auf Analogien bei Tieren beruhen sollte, sondern auf den eigenen Beobachtungen am Menschen. Die wahre Struktur des menschlichen Körpers darzustellen war die Aufgabe, die Vesal 1539/40 auf sich nahm. Das so entstandene Werk „De humani corporis fabrica, libri septem“ wurde als „Evangelium der neuen Methode anatomischer Untersuchung“ bezeichnet. Aber es war nicht allein die moderne Methodik der Sektionen, es war nicht einmal die Fülle neuer Einsichten, die zum Ruhm Vesals beitrugen. Das Revolutionäre an diesem Werk war vor allem der Bruch mit dem überkommenen Buchwissen und somit der Wechsel des medizinischen Blickes von einer eher literarischen Interpretation zur analytischen Beobachtung. Die „Fabrica“ markieren nichts weniger als den Beginn der heutigen Medizin als einer angewandten Form der Naturwissenschaften, die sich nicht mehr auf Tradition und Empirie abstützt, sondern auf die exakte Beschreibung.

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Die „Fabrica“ sind sicher Vesals ganz eigene Leistung. Doch zum Erfolg des Buches trugen auch andere Faktoren bei. Da sind vor allem die Abbildungen zu nennen, die sich einerseits durch ihre hohe Präzision auszeichnen, gleichzeitig aber von erlesener künstlerischer Gestaltungskraft künden, so daß bis heute nicht endgültig geklärt ist, welche Darstellungen Stephan von Calcar, dem seit den Tagen der früher publizierten „Tabulae“ vertrauten Landsmann und Freund, zuzuschreiben sind und welche aus der Schule Tizians oder gar von diesem selbst stammen…

Prof. Dr. Dieter Sasse

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