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Faszinierende Figuren: Felicitas Hoppe über Jeanne d’Arc

„Ritter und Jungfrau in einer Person“

Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: die Schriftstellerin Felicitas Hoppe über die französische Nationalheldin Jeanne d’Arc.

Wie sind Sie auf Jeanne d’Arc gekommen?

Felicitas Hoppe: Durch die Lektüre der Akten ihres Prozesses. Diese Protokolle, in denen sie persönlich zu sprechen scheint, haben mich so ergriffen und beeindruckt, dass ich mehr über sie wissen wollte.

Warum?

Wegen ihrer ungeheuren Durchsetzungskraft und Willensstärke. Sie ist eine Figur, die einen anzieht und abstößt. Sie ist selbstbestimmt, tut, was sie möchte, sie ist gläubig, aber auch gewalttätig, autoritär. An sich kein feministisches Vorbild. Mich faszinieren die Widersprüche und auch ihre Unbedingtheit.

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Eine 17-Jährige überzeugt Erwachsene, dass sie Frankreich retten kann – die Greta Thunberg des 15. Jahrhunderts?

Das ist ein wunderbarer Vergleich. Als ich anfing, mich mit Jeanne zu beschäftigen, dachte ich, das sei ein Phänomen des Mittelalters, diese Gläubigkeit, die Verehrung dieses Idols. Bei Jeanne d’Arc ist es genau wie bei Greta. Sie hat Freunde, sie hat „Follower“, ihr absolut Ergebene, und sie hat Feinde. Als Greta auf der Bühne der Geschichte erschien, dachte ich: Hoppla, es gibt sie ja doch noch. Gesellschaften, ob säkular oder religiös, haben offenbar ein großes Bedürfnis nach solchen Leitfiguren.

In Frankreich herrschte Chaos: Engländer, Burgunder, Anhänger des Hauses Orléans, alle gegeneinander. Wie konnte sie auf die Idee kommen, das Land zu retten?

Sie hat sicher am eigenen Leib erlebt, wie diese Truppen marodierend über Land zogen. Der Alltag war gewalttätig. Daraus hat sich wohl die Idee geformt, loszugehen und den König von sich zu überzeugen.

Wie ist ihr das gelungen?

Sie konnte weder lesen noch schreiben, aber man darf davon ausgehen, dass sie hochbegabt war. Das zeigt sich in den Prozessprotokollen. Da ist eine Schlagfertigkeit, eine Furchtlosigkeit, auch ein ungeheurer Witz. Sie hat einen spezifischen Humor und ein unglaublich gutes Gedächtnis. Sie korrigiert die Richter: Nein, im Verhör soundso habe ich das soundso gesagt.

Wie ging es weiter?

Ihre Erfolgsgeschichte ist sehr kurz: der glänzende Sieg bei Orléans, die Krönung des Dauphin in Reims. Nach dem Sieg hatte sie ihre Aufgabe erfüllt. Ein bitteres Schicksal, aber das ist Realpolitik.

Was bedeutet sie uns heute noch?

Was sie umtrieb, treibt junge Menschen immer noch um. Der Wunsch nach Gerechtigkeit, der Glaube, die Welt verändern zu können. Sie hat auch etwas Emanzipatorisches, weil sie zwei Modelle verkörpert, die nicht zusammenpassen: Sie ist eine Jungfrau, und sie tritt als Ritter auf. Im Märchen sitzt die Jungfrau im Turm, der Ritter muss sie retten. Ritter und Jungfrau in einer Person – das macht ihr so schnell keiner nach!

Interview: Dr. Winfried Dolderer

Felicitas Hoppe geb. 1960, deutsche Schriftstellerin. Studium der Literaturwissenschaft und der Sprachen unter anderem in den USA und Rom. Mitglied des PEN und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Büchner-Preis 2012. Erste Preisträgerin des „Großen Preises des Deutschen Literaturfonds“ (2020). Schreibt Geschichten, Erzählungen, Kinderbücher und Romane, darunter „Johanna“ (2006).

Jeanne d’Arc (1412– 1431), französische Nationalheldin. Berief sich im Hundertjährigen Krieg auf einen göttlichen Auftrag, die Engländer aus Frankreich zu vertreiben, und führte bei Orléans eine militärische Wende herbei. Später an die Engländer ausgeliefert. 1431 als Ketzerin verbrannt, 1920 heiliggesprochen. Die vergoldete Bronzeskulptur schuf Antonin Mercié (1845– 1916).

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