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St. Petersburg im 18. Jahrhundert

Rußlands Fenster nach Europa

Peters Stadtgründung an der Newa war eines der aufregendsten Bauvorhaben der europäischen Frühaufklärung. Zurecht als „Venedig des Nordens“ gerühmt, entwickelte sich die Stadt, die im Mai 2003 ihren 300. Geburtstag feiert, schnell zur kosmopolitischen Hauptstadt des Zarenreiches und zu einer Brücke nach Westen.

Gefeiert wird der Geburtstag Sankt Petersburgs, so legte es ihr Gründer fest, am 16./27.Mai 1703: an dem Tag, an dem der Grundstein für die Peter und Pauls-Festung gelegt wurde. Offiziell wurde der Name für die neue Stadt aber erst etwas später. Am 29. Juni, dem Namenstag Peters, weihte der Nowgoroder Metropolit Hiob eine erste Kirche in der gerade begonnen Festungsanlage. Auf Geheiß des Zaren hatte die Stadt, die zunächst wenig mehr als eine Baustelle in den Mündungsarmen der Newa war, ihren Namen erhalten, den sie heute, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wieder trägt. Ihre Bewohner aber nannten sie immer „Piter“, auch als sie nach dem Gründer des Sowjetstaats Leningrad hieß. Die Kriegsläufte im Großen Nordischen Krieg gegen Schweden hatten das sumpfige Gelände mit seinen zunächst über hundert Inseln im Newa-Delta an Peter fallen lassen. Hier existierten einige finnische Dörfer, und bereits die vormaligen Herren, die Schweden, hatten die strategische Bedeutung des Ostseezugangs erkannt und durch Festungen schützen lassen. Nicht nur der schwierige Baugrund ließ aber bald Zweifel aufkommen, ob der Ort für eine Stadtgründung gut gewählt war. Im August 1703 berichtete ein General dem Zaren von Überschwemmungen, Mückenplagen und Krankheiten, welche die Gegend mit regelmäßig heimsuchten. Auch Peter stand im September 1706 in seiner ersten Residenz, dem hölzernen „Domik“ (einem Häuschen nach holländischem Vorbild) knietief im Wasser der über die Ufer getretenen Newa. Doch Peter wollte seinen Ostseezugang an eben dieser Stelle erzwingen und trieb den Bau mit Macht voran. In den ersten zehn Jahren trug die Stadt freilich eher den Charakter eines Heerlagers. Zahlreiche Truppen waren hier stationiert, solange die Frontlinie noch in der Nähe lag. Aber schon 1703 gab Peter Anweisung 2000 Arbeitssträflinge nach Petersburg zu verbringen. Nach 1704 verrichteten jährlich bis zu 40000 angeforderte Bauern aus verschiedenen Teilen des Reiches schwerste Arbeit auf den Werften, an den Palästen, Verwaltungsgebäuden und Wohnhäusern. Tausende fielen den Arbeitsbedingungen zum Opfer. Überall wurden Kanäle zur Entwässerung gegraben und Flußarme der Newa zugeschüttet, um den Baugrund zu festigen. Doch erst mit den Stadtplänen der Architekten Domenico Trezzini (1715) und Jean-Baptiste Leblond (1717) wurde der Gesamtanlage ein systematischer Charakter gegeben. Beide Pläne sahen das Zentrum der Stadt auf der Wasiliewskij-Insel vor. Während Leblond jedoch von einer barocken Festungssiedlung ausging, welche die Peter- und Paulsfestung auf der Haseninsel einbezog, machte sich Trezzini für einen zivilen Charakter der neuen Stadt stark. Gerade Straßen, wie mit dem Lineal gezogen, sollten auf der Wasiliewskij-Insel mit Modellhäusern für Handwerker, Verwaltungsbeamte und Kaufleute bebaut werden. Zum Ufer der Newa hin würden die Paläste des Adels entstehen. Beide Architekten träumten, auf ihre Weise, von der idealen, regelmäßigen Stadt. Peters Eingriffe in die Baupläne ließen solche Pläne Makulatur werden. Bei aller Begeisterung für Neues war sich der Zar durchaus bewußt, daß seiner neuen Stadt eine Verbindung mit der tradierten Herrschaftslegitimation gut anstand. So griff er auf Alexander Newski zurück, einen Herrscher, in dessen Nachfolge er sich gern stellte. 1710 befahl er, ein Kloster zu Ehren dieses Fürsten von Nowgorod zu gründen, und zwar an der Stelle wo der Rjurikide 1240 einen Sieg über die Schweden an der Newa errungen haben soll (was ihm den Beinamen „Newski“ eingetragen hatte). In das Alexander-Newski-Kloster, das zu einem der herausragenden geistlichen Zentren des Landes wurde, ließ Peter 1724 in einer feierlichen Zeremonie die Reliquien des Fürsten aus der Stadt Wladimir überführen. Die Stadt war jedoch nichts ohne den Adel. Peter Heinrich Bruce berichtet über dessen Umsiedlungen in der Zeit Peters: „Der Adel, die vornehmen und reichen Personen, die sich mit ihren Familien von Moskau hierher begeben hatten, fanden hier einen traurigen Tausch ihrer Umstände. Anstatt in geräumigen Palästen und hohen Häusern in Moskau und ihrer Landhäuser und ihrer Güter in deren Nachbarschaft, wo sie alles im Überfluß hatten, fanden sie hier allen Vorrat selten, und die meisten Bequemlichkeiten fehlten. Allein da dieser Ort sowohl den Absichten als auch der Gemütsbeschaffenheit des Zaren gemäß, so achtete er die Klagen derjenigen wenig, die mehr auf ihre Ruhe und Schwelgerei als auf den Nutzen ihres Landes sahen.“ Und weiter: „Die Kaufleute machten ihr Glück in dieser neuen Stadt, wo alles möglich war“…

Dr. Jan Kusber

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