Kulturhistorische Museen im 21. Jahrhundert Sammeln, bewahren, forschen, ermitteln - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Kulturhistorische Museen im 21. Jahrhundert

Sammeln, bewahren, forschen, ermitteln

Museen, wie wir sie heute kennen, entstanden im 19. Jahrhundert. Ihre Attraktivität scheint ungebrochen, doch welche Herausforderungen birgt die Zukunft? Und: Gehören Museen vielleicht zu den Verlierern des Pisa-Prozesses?

Prof. Dr. Cornelia Ewigleben ist seit 2005 Direktorin des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart. Prof. Dr. Matthias Puhle ist seit 1991 Leitender Direktor der Magdeburger Museen.

Zusammen mit Prof. Dr. Hans Ottomeyer, dem Präsidenten der Stiftung Deutsches Historisches Museum in Berlin, sind sie die Sprecher der Initiative „Museen für Geschichte!“, eines Zusammenschlusses der großen kulturhistorischen Museen im deutschsprachigen Raum.

Das Gespräch führte Dr. Marlene P. Hiller.

DAMALS: Ganz direkt gefragt: Wozu brauchen wir die kulturhistorischen Museen heute überhaupt noch? Ewigleben: Das Sammeln ist für uns unverändert wichtig. Heutzutage liegt dem aber häufiger als früher eine genau definierte Sammlungsstrategie zugrunde: Man nimmt nicht einfach alles, was angeboten wird, ohne Rücksicht auf die Aussagekraft eines Objekts. Puhle: Zudem sind die Etats für Ankäufe in der Regel klein. Glaubt man, etwas unbedingt haben zu müssen, muss man seinen Träger, seine Förderer oder Sponsoren dafür gewinnen. Was nicht zum Haus passt, wird schwer durchzusetzen sein. Die Finanzierungsfrage ist also bereits ein wirksames Korrektiv. Doch zurück zu Ihrer Frage: In einer unübersichtlicher gewordenen Welt können kulturhistorische Museen durchaus Orientierung geben. Museen haben viel mit Identität zu tun: Man vergewissert sich seiner Wurzeln. Wir integrieren uns in Europa und beschäftigen uns mit der ganzen Welt; in diesem Prozess können historische Museen als Gegengewicht, quasi als „Erdung“ wirken. Ewigleben: Und sie haben – etwa im Vergleich mit anderen Kultureinrichtungen, die das vielleicht auch für sich beanspruchen würden – einen singulären Schatz: Sie können Originale, authentische Objekte, zeigen. Das hat niemand sonst zu bieten und trägt sicherlich zur besonderen Anmutung von Museen bei.

Anzeige

DAMALS: Vor welchen Herausforderungen stehen Museen heute? Ewigleben: Geändert hat sich sicherlich, dass wir intensiver fragen: Was soll in die Ausstellung? Wir können ja nur zwei, drei Prozent der vielen hunderttausend Objekte zeigen, die in unseren Depots lagern. Auch die Fragen: Wie erweitere ich meine Sammlung? Zu welchen Bedingungen nehmen wir eine Schenkung an? gehen wir viel bewusster an. Wichtig ist zudem: Inwieweit bilden wir mit unseren Sammlungen die heutige Gesellschaft ab? Früher haben die Sammlungen in der Regel die Oberschicht abgebildet. Dann kam die Volkskultur dazu. Aber wie sieht es im 21. Jahrhundert aus, in einer multikulturellen Gesellschaft?

DAMALS: Und wie fangen wir diejenigen ein, die nicht von Kindheit an mit unserer Kultur vertraut sind? Sie sagen: Im Museum verge‧wissern wir uns unserer Wurzeln – das kann schon schwierig werden, wenn ein Bremer nach Bayern kommt, aber was ist mit einem gebürtigen Indonesier in Stuttgart? Puhle: In diesem Punkt muss man ganz klar sagen: Das können wir als Museum nicht leisten. Wir können nicht sämtliche Migrationen im Museum abbilden.

DAMALS: Das ist ein Missverständnis. Gemeint war: Wie vermitteln Sie unsere Kultur denen, die nicht in ihr aufgewachsen sind? Ich will die Frage zuspitzen und erweitern: Müssen wir den Besuchern heute nicht andere Informationen geben, als dies jahrzehntelang üblich war? Indem wir erläutern: Was sehe ich auf einem Bild, außer dass es kunstvoll gemalt ist? Also: über kunsthistorische Kurzinformationen hinaus ein historisches Kontextverständnis wecken und vermitteln. Ewigleben: Das ist ganz wichtig. Wie bringe ich einen Besucher dazu, sich mit Geschichte und den Attributen von Heiligen zu beschäftigen? Was muss ich erläutern? Für unser für den Herbst geplantes Kindermuseum haben wir einen – von der Herkunft her bunten – Kinderbeirat gegründet; mit ihm arbeiten wir und fragen: Was seht ihr? Wie versteht ihr es? Was ist hängengeblieben? Was findet ihr spannend … Es geht nicht darum, jemandem etwa unsere religiösen Vorstellungen überzustülpen, sondern darum, in einen Dialog zu treten bzw. erst einmal Kenntnisse und ein gewisses Verständnis zu vermitteln. Wie man das bei Erwachsenen macht? Wir brauchen sicher neue Ansätze. Puhle: Klassische Einwanderergesellschaften sind da schon viel weiter, haben eine multikulturelle Sicht im besten Sinn ausgeprägt. Hinzu kommt aber auch: Wie viele der Bürger aus rund 170 Nationalitäten, die in Stuttgart leben, sind bereit zu sagen: Das ist meine neue Heimat? Einen Ansatzpunkt habe ich doch erst, wenn sie bereit sind, sich in dieser Form zu identifizieren; sonst sind sie quasi immer noch auf der Durchreise. Ewigleben: Bei deutsch-russischen Stuttgartern versuchen wir Ansatzpunkte in der Geschichte zu finden. So wird etwa, wenn Olga-Tag ist [das Fest der heiligen Großfürstin Olga aus dem 10. Jahrhundert, zugleich Namenstag Olga Nikolajewnas, der Zarentochter, die 1846 den späteren König Karl I. von Württemberg heiratete], ein orthodoxer Gottesdienst im Museum gefeiert, man geht zu den Gemälden und zur Gruft.

DAMALS: Auch bei jüngeren Besuchern werden künftig vermutlich häufiger Verständnis- und damit Vermittlungsprobleme auftreten. Man muss viel mehr Grundinformationen bieten, etwa erklären, was Apostel sind. Puhle: Vor ein, zwei Generationen war man damit zufrieden, wenn man sechs Prozent der Bevölkerung erreichte, mancher Museumsleiter empfand Besucher gar als störend. In dieser Hinsicht haben wir eine Kehrtwendung vollzogen. Wir wollen besucherfreundliche Museen werden; und müssen uns folglich ganz anders auf die moderne Gesellschaft einlassen. Heute bekommen wir es mit zehn, 20 oder 30 Prozent der Bevölkerung zu tun, da muss man einen ganz anderen Ansatz wählen.

DAMALS: Ähnliches wird ja oft über heutige Abiturienten gesagt. Ewigleben: Lange haben nur deutlich unter zehn Prozent der Bevölkerung Abitur gemacht, und das Museum war ein Musentempel. Erst in den 1970er Jahren wurde es zum Lernort, bezog sich aber immer noch auf eine (vorgeblich) homogene Gesellschaft. Diese hat sich heutzutage stark ausdifferenziert – was Konsequenzen hat für die Vermittlung. Puhle: Seit einiger Zeit treibt uns eine wirkliche Veränderung um: Wir sind eine stark eventorientierte Gesellschaft geworden, ständig muss mit neuen Themen unterhalten werden. Die Leidtragenden sind die Dauer‧ausstellungen. Schon der Name ist schlecht, hat den Geruch von etwas Statischem: einmal hingehen, und das war’s. Selbst in den phantastischsten Museen machen wir die Erfahrung, dass in der Dauerausstellung gähnende Leere herrscht und sich die Leute in der spektakulären Sonderausstellung drücken. Ewigleben: Man muss aber einräumen, dass wir diesen Trend mit produziert haben: Wir haben das Publikum so erzogen, dass es ständig auf etwas Neues wartet.

DAMALS: Ist kein Ende des Hangs zum Spektakulären – samt multimedialem Großeinsatz – abzusehen? Ewigleben: Interessanterweise scheint sich ein neuer Trend zurück zum Einfachen abzuzeichnen. Da sind wir im Museum in einer wunderbaren Situation. Ich werde in Ausstellungen oft gefragt: „Das ist alles echt?“ Mit Originalen konfrontiert zu sein ist für die Besucher aufregend, denn die Welt ist auf Imitate und Virtuelles eingestellt. Vielleicht sind wir heute wirklich so weit, dass die „Aura des Objekts“ wirken kann. Puhle: Das ist eine große Chance für uns und eine unserer Ressourcen. Aber es genügt nicht, einfach ein schönes Original in eine Vitrine zu legen … Ewigleben: Weil es keiner mehr versteht! Puhle: … und dazu zu schreiben: Das ist 100000 oder 1000 Jahre alt, ist doch toll, was die damals konnten. Wir brauchen eine Präsentation, die die Objekte frisch hält. Das ist eine der ganz großen Herausforderungen. Sonderausstellungen zu machen ist auch eine Kunst, aber das haben wir mittlerweile gelernt. Wenn wir das Geld zusammenkriegen, dann bekommen wir das hin, und meistens sind die Sonderausstellungen ein großer Erfolg. Das freut uns, hilft uns in der Gesellschaft, und sichert uns die Aufmerksamkeit der Politik. Wir dürfen darüber aber unseren eigent‧lichen Auftrag nicht vernachlässigen: Sammlungen zu pflegen und der nächsten Generation weiterzugeben. Und wir müssen die Schausammlungen so präsentieren, dass sie interessant und frisch bleiben.

DAMALS: Gehört dazu nicht auch die intensive Diskussion der Frage: Wie viel und welche Information ist nötig? Jeder Kurator beherrscht natürlich sein Metier und versteht die von ihm betreuten Objekte bestens. Als Laie muss ich aber durchaus nicht wissen, was ein „Palas“ ist [der repräsentative Saalbau mittelalterlicher Burgen]. Ewigleben: Wir evaluieren relativ stark, haben etwa für unsere neue Schausammlung eine Kabinettausstellung als Probeausstellung gemacht und fragen dort: Was erwartet ihr ? Wir wollen versuchen, die Bedürfnisse unterschiedlicher Ziel‧gruppen zu berücksichtigen. Aber in einem Raum kann man auch nicht alles unterbringen und alles machen wollen.

DAMALS: Die Texte sind wichtig, dürfen aber weder in der Länge noch in der Komplexität überfordern. Sie sollten ein Optimum an Erkenntnis aus dem Objekt und dem Kontext, in dem es steht, herauskitzeln – jedenfalls darf man nicht davon ausgehen, dass der historische Hintergrund von allein klar ist – vielleicht klingt das nach der Quadratur des Kreises, aber manche Museen setzen dies bereits erstaunlich erfolgreich um. Ewigleben: Richtig. Und das gilt umso mehr, wenn eine Generation ins Museum kommt, die sehr breit, aber nicht sehr tief ausgebildet ist. Im Moment leben wir ja gerade in den kulturhistorischen Ausstellungen davon, dass unser Publikum einen gewissen Bildungsgrad mitbringt. Das wird weniger werden. Für die Museen ist das ein ganz großes Thema.

DAMALS: Ich bin überzeugt, dass es sich bewältigen lässt, aber manche Museen scheinen sich der Aufgabe noch nicht recht gestellt zu haben. Aber nun zu einem anderen Komplex: Museen stehen heutzutage mehr als früher unter Erfolgszwang und lavieren meinem Eindruck nach teilweise zwischen den Polen Seriosität und Popularität. Puhle: Ich würde mich nicht als Teil der Eventkultur verstehen. Auch bei großen Ausstellungen müssen wir unsere Seriosität und Wissenschaftlichkeit behalten. Und Bodenhaftung haben. Den eigentlichen Auftrag nie aus dem Auge verlieren. Einen bestimmten Anspruch – auch an unsere Be‧sucher – dürfen wir nicht aufgeben. Wir dürfen nicht verwechselbar werden mit reinen Event-Häusern und Erlebnisparks. Das Credo bleibt auch im 21. Jahrhundert: Inhalt und Sinn und Zukunft des Ganzen sind unsere Sammlungen. Wir müssen unsere Themen und Ausstellungen rund um die Sammlungen bauen. Dann haben wir eine gute Chance, weil wir glaubwürdig sind und authentisch. Weil wir unverwechselbar sind und häufig sogar singulär mit unseren Objekten.

DAMALS: Ich entnehme Ihren Bemerkungen, dass die Besucher ein gewisses Bemühen mitbringen müssen und es nicht nur um Unterhaltung gehen kann. Puhle: Das gilt übrigens auch für Schüler und Studenten! Ewigleben: Schulen – ein ganz wichtiges Thema. Wir würden sie gern noch besser integrieren. Das Problem besteht darin, dass Schulen immer dann kommen, wenn ein Ausstellungsthema Teil des Lehrplans ist, und wegbleiben, wenn das nicht der Fall ist. In Holland und anderen Ländern sind Museumspläne besser in die Schulpläne integriert. Das müssen wir auch schaffen. Puhle: Ich glaube, wir Museen sind sogar die Verlierer des Pisa-Prozesses. Heute heißt es wieder: In der Schule wird gelernt. Es müssen nachprüfbare Standards erreicht werden, und das geschieht nicht, wenn man eine Ausstellung etwa über Syrien ansieht. Das gilt dann als Freizeit! Damit geht aber die kulturelle Bildung verloren, und es kommt ein unguter Prozess in Gang. Natürlich: Auch Bildung muss mess- und vergleichbar sein; ich glaube aber nicht, dass Museen zu den Gewinnern des von „Pisa“ entfachten Prozesses gehören, zurzeit sind uns die Schulen jedenfalls etwas entglitten. Ewigleben: Museen müssten viel stärker als Teil der kulturellen Bildung wahrgenommen und gefördert werden. Puhle: Die augenblickliche Entwicklung ist jedenfalls fatal. Um eine Chance bei den Schulen zu haben, müssten wir unsere Ausstellungen letztlich nach den Lehrplänen richten … Ewigleben: Das geht anderen Kultureinrichtungen genauso, beispielsweise den Theatern. Das Ergebnis wäre (und andeutungsweise ist das heute auch schon der Fall): Wenn „Don Carlos“ auf dem Lehrplan steht, steht bei zehn oder 15 Theatern „Don Carlos“ auf dem Spielplan.

DAMALS: Die Karte, auf der wir die Orte verzeichnet haben, in denen sich Mitglieder der Initiative „Museen für Geschichte!“ finden, fördert einen überraschenden Befund zutage: eine Massierung im Südwesten und Westen, von Bern und Basel bis Bonn und Essen; ein zweiter kleinerer Schwerpunkt im Osten von Magdeburg bis Dresden. Und dazwischen viel Leere. Für mich stellt sich da die Frage: Sind viele Museen in einer Region (traditionell vorhandene, keine Neugründungen!) eher ein Problem oder eine Bereicherung? Puhle: Viele Museen führen sicherlich eher zu einer Belebung und stärken den Standort, selbst wenn es im konkreten Fall auch mal zu einer Konkurrenzsituation kommen kann. Im Großen und Ganzen kann man es nur begrüßen, wenn man nicht allein auf weiter Flur ist. Wir sind sicherlich gefordert, über den Tellerrand hinauszublicken und Museen insgesamt, nicht nur unsere eigenen Häuser, so gut wie möglich zu stärken, uns wechselseitig zu unterstützen, zu kooperieren, uns füreinander zu interessieren. So verstehen wir auch unsere Museumsinitiative. Das schließt nicht aus, dass wir im Dialog jeweils unser eigenes Profil schärfen.

Die Initiative: Museen für Geschichte! Dem seit 2008 bestehenden Netzwerk großer kulturhistorischer Museen im deutschsprachigen Raum gehören zurzeit fast 30 Häuser an. Sie sehen sich als wichtigen Teil der europäischen Kulturlandschaft und wollen gemeinsam auf die Chancen und Herausforderungen reagieren, die der europäische Einigungsprozess bietet: zum einen, indem internationale, nationale und regionale Zusammenhänge aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden, zum anderen, indem man den Beitrag der Museen zum kulturellen und historischen Fundament Europas stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt.

DAMALS ist Kooperationspartner der Initiative und hat sie sowie die Ausstellungsprojekte der beteiligten Häuser in zwei Beilagen (2009 und 2010) vorgestellt.

Dr. Marlene P. Hiller

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

Kunst|samm|lung  〈f. 20〉 Sammlung von Kunstwerken

Rüs|sel|kä|fer  〈m. 3; Zool.〉 Käfer mit rüsselförmig verlängertem Kopf: Curculionidae; Sy Rüssler ... mehr

Mu|si|kant  〈m. 16〉 1 〈früher〉 Spielmann 2 〈a. abwertend〉 Musiker, bes. für Unterhaltungs– u. Tanzmusik ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige