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Hohenzollerische Dorfmusiker auf Reisen

„Sehr gut gespielt“, sagte Richard Wagner

Es hört sich an wie im Märchen. In den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts macht sich eine Musikantengruppe aus dem zollerischen Dörfchen Thanheim (nicht weit von Tübingen) auf, durchzieht Süddeutschland, das Elsaß, die Schweiz und Österreich und gelangt schließlich bis nach Italien. Die Reisemusiker finden Bewunderung bis in die höchsten Kreise.

Thanheim gehörte zum Fürstentum Hohenzollern-Hechingen, wie Hohenzollern-Sigmaringen eines jener Miniaturterritorien, welche die napoleonische Flurbereinigung zu Beginn des 19. Jahrhunderts unbeschadet überlebt hatten. In den beiden Ländchen war es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zu periodischen Revolten und Unruhen gekommen. Nach der 48er Revolution überließen die beiden Hohenzollernfürsten ihre Länder dem stammverwandten preußischen König. Die „Hohenzollernschen Lande“ waren damals zurückgebliebene Territorien und weder politisch noch ökonomisch modernisiert. Der am Fuße der Hohenzollern gelegene Flecken Thanheim zählte zwischen 300 und 400 Einwohner, die überwiegend landwirtschaftlichen Tätigkeiten nachgingen. Wegen der geringen Verdienstmöglichkeiten wanderten viele aus, doch für manche eröffnete, wie ein Chronist vermerkt, die musikalische Reisetätigkeit eine Chance, „auf andere Art sein Brot leichter zu verdienen, als es dem widerspenstigen Boden abringen zu müssen.“

Die Buckenmaiersche Musikgesellschaft Außerordentliche musikalische Talente, die sich in einigen Familien bis heute vererben, bildeten die entscheidende Voraussetzung des Erfolgs. Die Anfänge, die laut mündlicher Überlieferung bis in die 90er Jahre des 18. Jahrhunderts zurückreichen, liegen im Dunkeln. Für die Zeit von November 1845 bis März 1853 hat sich das Wanderbuch einer zehnköpfigen Thanheimer „Musikgesellschaft“ unter der Leitung eines Angehörigen der Familie Buckenmaier erhalten. Ihre Touren führten in die Städte Südwestdeutschlands, in die Schweiz und ins nahe gelegenen Elsaß, mit Ausflügen bis nach Belfort. „Les frères Buckenmayer“ spielten nicht etwa in Dorfkneipen, sie gaben anspruchsvolle „musikalische Abendunterhaltungen“ in renommierten Gasthäusern, Hotels, Auberges, Cabarets und Établissements publics.

„Musiker und Kupunist“ Die Tätigkeit der hohenzollernschen Reisemusikanten scheint einträglich gewesen zu sein. Nach dem 1866er Krieg kam es in Thanheim neben der offenbar weiterbestehenden Buckenmaierschen Musikgesellschaft zur Gründung eines Konkurrenzunternehmens. Das Rückgrat dieser Formation bildete das Brüderquartett Fidel, Joseph, Felix und Gustav Dehner, deren Familienname vielleicht vom mittelhochdeutschen Döner (Spielmann) abzuleiten ist. Der Vater Sebastian Dehner war bis 1848 Trompeter in der Hofmusik des Fürsten Friedrich Wilhelm Konstantin von Hohenzollern-Hechingen gewesen. Als er wegen allzu freiheitlicher Äußerungen entlassen wurde, soll er eine eigene Kapelle gegründet haben – eine konsequente Demokratisierung seiner früheren Funktion. Jedenfalls verdiente er, wie die Akten vermelden, auch künftig seinen Lebensunterhalt als „Musikus“. Seine Söhne dienten als Soldaten und Regimentsmusiker und nahmen an den Feldzügen 1866 und 1870/71 teil, wenngleich in unterschiedlichen Einheiten. Felix und Fidel absolvierten ihren Dienst beim 69. Infanterie-, Joseph beim zweiten Garderegiment. Gustav war Trompeter bei der Artillerie. Der Kopf dieses Musikantenquartetts war der 1842 geborene Felix Dehner. Schon im Schulalter war er musikalisch aktiv. Randbemerkungen des Lehrers kommentieren in den Zeugnissen bereits früh Schulversäumnisse wegen musikalischer Reisetätigkeit. Während seiner Militärzeit brillierte Felix Dehner aufgrund seiner außerordentlichen Musikalität als erster Oboist („Haupoist“), später auch als Komponist, Arrangeur klassischer Musikstücke und Kapellmeister. Nach der Entlassung gründete Felix Dehner mit früheren Soldatenkameraden, die allerdings nicht alle aus Thanheim stammten, eine zehnköpfige Kapelle, um „Kunstreisen“ zu unternehmen. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Gustav war ebenfalls schon früh auf die väterlichen Musiktouren mitgenommen worden, so daß er die Schule wohl nur wenige Jahre besuchte. Er hinterließ originelle chronikalische Notizen über die Reisen der Thanheimer. Die charmante Orthographie spiegelt die Wahrnehmungsebene einer Schicht, die sich üblicherweise schriftlich nicht artikuliert. Gustav Dehner notiert die Auftrittsorte der Musikgruppe, hält die Einnahmen fest, kommentiert Essen und Trinken, erwähnt mitunter auch Sehenswürdigkeiten. Er vergißt nichts, was zum Ansehen der Thanheimer Musiker beiträgt. Stolz berichtet er vom Lob der Zuhörer, genauestens registriert er die Anerkennung durch die politische oder musikalische Prominenz. Die erfrischenden Aufzeichnungen sind frei vom belehrenden Gestus, vom Sozialneid oder der Herablassung bürgerlicher Reiseberichte, sie spiegeln ungeschminkt die Weltsicht dörflicher Reisemusikanten, die sich voller Selbstbewußtsein, Neugier und Begeisterungsfähigkeit auf ihre Tourneen in die große Welt machten.

„Motzhart“ und Strauß Die erste längere Konzertreise im Herbst 1868 führte nach Bayern und Österreich, also ins Gebiet der Kriegsgegner von 1866. Um allen Schwierigkeiten im ehemaligen Feindesland, mit welchen die preußischen Reservisten möglicherweise zu rechnen hatten, aus dem Wege zu gehen, nannten sich die Thanheimer, weil eines ihrer Mitglieder aus München stammte, „Münchner Metallharmonie“. Obgleich sich nach einem Zeugnis Zelters aus dem Jahre 1823 schwerlich „etwas Unharmonischeres“ als eine Harmoniemusik finden ließ, zeigen die außerordentlichen Erfolge der Dehnerschen Musikgruppe, wie sehr die Fortschritte im Blasinstrumentenbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Situation zum Besseren verändert hatten. Über Nördlingen, Regensburg, Passau, Salzburg, Reichenhall und Linz führte die Konzertreise nach Wien. In Salzburg erwiesen die Musiker jenem Haus ihre Reverenz, in dem der „Kumpunist Motzhart“ seinen Wohnsitz gehabt hatte und an dem alle „Obern wo Motzhardt kumpunirt“ hat, angeschrieben gewesen waren. Die Musikanten bewunderten das schöne Glockenspiel auf der Peterskirche und besuchten, verlockt vom guten Wein, das nebenan liegende Kapuzinerkloster. Dort lernten sie den komponierenden Kapuzinerpater Zobel, einen „Künstler auf der Orgel“, kennen und hörten von der Existenz einer zwölf Mann starken Mönchskapelle. Von Linz aus machten sich die Metallharmonisten per Floß auf eine abenteuerliche Fahrt durch die Donaustrudel nach Wien, wo sie im unterirdischen, ständig beleuchteten Rathauskeller fünf Konzerte gaben, offensichtlich mit einem solchen Erfolg, daß sogar die einheimische musikalische Prominenz auf sie aufmerksam wurde. Sie erhielten Besuch von Joseph Strauß der ihnen Anerkennung und Lob zollte und ihnen den Donauwalzer seines älteren Bruders Johann zum Geschenk machte.

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„Heil Dir im Siegeskranz“ im französischen Straßburg Die zweite Konzertreise 1869/70 führte in die Schweiz und ins Elsaß. Ein längeres Engagement bis Neujahr 1870 erhielten die Zollernmusikanten auf einem Promenadeschiff („Bromminathschief“), das einen Rundkurs auf den See absolvierte: Von Genf über Morges („Morsch“), Lausanne, Vevey („Weeweeh“), Montreux und auf der Südseite am savoyischen Ufer entlang wieder zurück nach Genf. Die Bezahlung von fünf Franken pro Tag samt freier Verpflegung war exzellent, doch der tägliche Dienst mit Musikeinlagen an jeder Haltestelle dauerte von 6 Uhr in der Frühe bis 6 Uhr nachmittags, verlängert durch ein Abendengagement von 8 bis 10 Uhr in der Stadt. Nach einem Heimataufenthalt von sechs Wochen machten sich die Musiker im Frühjahr 1870 erneut auf den Weg, nun zu einer kurzen Tour de France. Über Basel und Kehl reisten sie ins französische Straßburg. Eines Abends musizierten sie in einer Brasserie vor französischen Offizieren. Auf Verlangen schmetterten die biederen Dorfmusikanten zunächst die Marseillaise, sodann auf ausdrücklichen Wunsch auch die deutsche Hymne, das „Heil dir im Siegeskranz“, ohne zu ahnen, auf welches glatte politische Parkett sie damit gelockt wurden: „Dan ist es losgegangen, […] dan sind Gläser gegen uns geworfen worden, der Herr Bisohn hat die Gas ausgelescht und die Ofizier haben uns hinden bei der Schäntze hinausgefird und wir sind auf unsere Zimmer ins bedh.“ Erst als die Musikanten am folgenden Morgen über die Rheinbrücke Kehl erreichten, scheint ihnen angesichts der Mobilmachungsplakate ein Licht über die prekäre politische Lage aufgegangen zu sein. Eiligst machten sie sich auf den Heimweg, allerdings nur, um sofort zum 70er Feldzug einzurücken…

Prof. Dr. Paul Münch

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