Faszinierende Figuren: Wolfgang Kraushaar über Arthur Koestler „Seismograph des 20. Jahrhunderts“ - wissenschaft.de
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Faszinierende Figuren: Wolfgang Kraushaar über Arthur Koestler

„Seismograph des 20. Jahrhunderts“

Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: der Politologe Wolfgang Kraushaar über den Schriftsteller und Journalisten Arthur Koestler.

DAMALS: Seit wann ist Ihnen Koestler ein Begriff? Wolfgang Kraushaar: Seit der ersten Hälfte der 1960er Jahre. Koestler galt nach seiner Abkehr vom Kommunismus den Linken als der Inbegriff des Renegaten, des Abtrünnigen. Dieses Negativbild spielte auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges eine enorme Rolle.

DAMALS: Was finden Sie an ihm bemerkenswert? Er war nichts Geringeres als ein Seismograph des 20. Jahrhunderts, des „Zeitalters der Extreme“. Koestler war zunächst selber ein Extremist, der aber durch eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit seinen eigenen weltanschaulichen Wurzeln zum überzeugten Liberalen wurde. Das war ein Selbstklärungsprozess, exemplarisch für eine ganze Generation.

DAMALS: Was ließ ihn 1931 Kommunist werden? Geboren 1905 in Budapest als Sohn eines jüdischen Industriellen, war er in früher Jugend 1918/19 sehr beeindruckt von den 100 Tagen unter Béla Kun, dem Versuch also, in Ungarn eine Räterepublik zu errichten. In dieser Zeit radikalisierte er sich und spielte seither mit dem Gedanken, Kommunist zu werden. Zunächst bekannte er sich jedoch zum Zionismus und ging 1926 nach Palästina. Dort fand er zu seiner eigentlichen Rolle als Journalist. Er verfasste glänzende Reportagen über den Nahen Osten, ging zum Ullstein-Verlag, wurde Korrespondent in Paris. Seinen Eintritt in die KPD Ende 1931 hängte er nicht an die große Glocke, weil er Konflikte mit seiner journalistischen Tätigkeit befürchtete.

DAMALS: Er berichtete auch über den Spanischen Bürgerkrieg … Er wurde 1937 beim Fall von Málaga von Franco-Truppen gefangen genommen und befand sich in großer Gefahr, hingerichtet zu werden. Die Erfahrungen in Spanien zusammen mit den Nachrichten über die stalinistischen Schauprozesse lösten schließlich 1937/38 den Bruch mit der KP aus. Koestler hatte in Spanien erlebt, wie die Freiwilligen der Internationalen Brigaden nicht nur gegen die Faschisten kämpfen mussten, sondern auch gegen ihre stalinistischen Verfolger. Dem Dilemma des Kommunismus mit seinem Kadavergehorsam widmete er 1940 sein wohl berühmtestes Buch: „Sonnenfinsternis“. Darin brach er mit dem Prinzip, dass der Zweck die Mittel heilige. Die Kommunisten meinten ja, sie müssten alles tun, auch die schlimmsten Verbrechen verüben − für die Partei und ihren eingebildeten historischen Auftrag.

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DAMALS: Wie wirkte Koestlers Umkehr auf die Zeitgenossen? Verstörend. Damals waren viele ja überzeugt: Wer gegen die Sowjetunion ist, hilft dem Faschismus. Koestler machte deutlich: Der Renegat ist der Verräter an einer Sache, die ihrerseits den Verrat zum Programm erhoben hat.

Zur Übersicht: Die Etrusker. Italiens erste Großmacht

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