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Wie aus Pergamon die Provinz Asia wurde

Siege mit römischen Waffen

Lange Zeit interessierten sich die Römer nicht für den Orient. Das sollte sich erst ändern, als dort eine makedonisch-seleukidische Vorherrschaft drohte und Attalos I. von Pergamon Schutz bei der fernen Großmacht im Westen suchte. Ein Hilferuf, der sich auszahlte.

Im Jahr 14 n. Chr., beim Tod des Kaisers Augustus, zählte das römische Imperium 33 Provinzen. Jede einzelne davon hatten die Römer mit Krieg und Gewalt ihren Gegnern abgerungen: Sardinien und Sizilien hatten sie nach dem ersten Punischen Krieg den Karthagern entrissen, Syrien hatte der große Pompeius erobert, Gallien der nicht minder große Caesar. Ägypten hatte sich nach Augustus’ Sieg bei Actium den römischen Waffen gebeugt, und den Alpen- und Donauraum hatten Jahre später seine Stiefsöhne Tiberius und Drusus unterjocht. Eine Ausnahme war Asia. Die Provinz, die den Namen eines Kontinents trug, aber nur den Westen der anatolischen Halbinsel umfasste, war Rom im Erbgang zugefallen.

Wie konnte es dazu kommen? Asia war das alte Pergamon, das Königreich der Attaliden, das diese zunächst vom Seleukidenreich abgespalten und dann, durch geschicktes politisches Taktieren, in einen bedeutenden Machtfaktor verwandelt hatten, dessen Stimme Gehör fand, vor allem in Rom. Gemeinsam mit der Inselrepublik Rhodos waren die Könige von Pergamon Roms loyalste Bundesgenossen in der Region. Die Nibelungentreue zahlte sich für das kleine Königreich aus: Seine Herrscher konnten satte territoriale Zugewinne verbuchen, und Pergamon erlebte eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte, die es in den Kreis der großen Metropolen am Mittelmeer katapultierte.

241 v. Chr., als Attalos I. seine Herrschaft über Pergamon antrat und sich als erster Attalide ein Diadem aufs Haupt setzte, war Rom ein ferner Ort weit im Westen, der gerade seine erste Bewährungsprobe auf der Bühne mediterraner Machtpolitik bestanden hatte: Just im selben Jahr war der erste Punische Krieg zu Ende gegangen. Rom hatte über die nordafrikanische See- und Handelsmacht Karthago triumphiert, die bis dahin die erste Geige im Westen gespielt hatte. Gut 100 Jahre später, 133 v. Chr., starb mit Attalos III. der letzte Attalidenherrscher: Perga‧mon fiel an Rom. Zu diesem Zeitpunkt lief im hellenistischen Osten ohne oder gar gegen die Römer nichts mehr.

Das runde Jahrhundert dazwischen wirkt in der Rückschau wie ein Lehrstück in imperialer Machtentfaltung. Der in Berkeley lehrende Alt-historiker Erich Gruen hat mit seinem Buch „The Hellenistic world and the coming of Rome“ ein glänzendes Porträt dieser bewegten Epoche gezeichnet: Gruen schaut hinter die Kulissen konventioneller Diplomatiegeschichte und legt grundlegende Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster offen. Er schildert das griechisch-römische Verhältnis als eine Geschichte enttäuschter Erwartungen und ewiger Missverständnisse, in der immer wieder zum Schwert gegriffen wurde, weil die Akteure so gern aneinander vorbeiredeten. Und er verleiht der seltsamen Apathie Plastizität, mit der die Römer das Geschehen im Osten lange Zeit verfolgten.

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Zunächst nämlich drängte es die Römer überhaupt nicht auf die große Bühne im Orient. Der Westen, wo die Tiberstadt unvermittelt zur Hegemo‧nialmacht aufgestiegen war, bereitete ihnen genug Kopfzerbrechen. Selbst den Übergang über die Adria zögerten sie hinaus, so lange es irgend ging. Mitten im zweiten Punischen Krieg fochten sie eher lustlos auf dem Nebenkriegsschauplatz Makedonien, und auch das erst, nachdem dessen Herrscher Philipp V. ihnen den Krieg förmlich aufgezwungen hatte. Das Kämpfen besorgten den Römern ihre Bundesgenossen in Griechenland: vor allem die Aitoler, zu deren Bundesfeldherrn Attalos von Pergamon 211 v. Chr. gewählt worden war. 205 v. Chr., beim Friedensschluss mit Philipp, begnügten sich die Römer mit dem Status quo, um nur ja jedes Engagement in Griechenland zu vermeiden.

Nur fünf Jahre später erfolgte der Paukenschlag: Rom erklärte Makedonien den Krieg. 197 v. Chr. erfocht der Konsul Titus Quinctius Flamininus beim thessalischen Kynoskephalai einen totalen Sieg über Philipps vielgerühmte makedonische Phalanx. Die Friedensbedingungen waren hart: Philipp verlor seine Flotte, er musste Reparationen bezahlen und Griechenland räumen. Mit einem Mal war Rom aus der Lethargie erwacht! Was war geschehen? Woher kam das plötzliche Interesse am alten Hellas?

Seinen Ursprung hatte das Unwetter, das über Philipp hereinbrach, in einer geradezu klassischen Systemkrise, und im Auge des Zyklons finden wir die beiden Staaten, die von einem Eingreifen Roms am meisten zu erwarten hatten: Rhodos und – Pergamon. Auslöser der Krise waren Ereignisse im fernen Ägypten. Dort war 205 v. Chr. Ptolemaios IV. Philopator gestorben. Am Hof in Alexandria hielt man den Tod des Königs ein volles Jahr lang geheim, aus Angst, die Nachfolge des erst fünfjährigen Ptolemaios V. könnte ein politisches Erdbeben auslösen.

Die Furcht war nicht unbegründet: Die Königin Arsinoë, die für ihren unmündigen Sohn die Regentschaft führte, wurde ermordet, der Hof verkrachte sich über die Frage der Vormundschaft. Kaum waren entsprechende Informationen durchge‧sickert, setzten sich die beiden mächtigsten Männer der hellenistischen Welt, der Seleukide Antiochos III. und Philipp V. von Makedonien, an einen Tisch und beschlossen im sogenannten Raubvertrag (203/02 v. Chr.), das waidwunde Ptolemaierreich unter sich aufzuteilen; wie genau, da widersprechen sich die Quellen. Beide Herrscher standen auf dem Gipfel ihrer Macht, hatten aber noch viel weiter reichende Ambitionen. Im Raum stand nicht mehr und nicht weniger als ein machtpolitischer Deal im hellenistischen Osten.

Den Worten folgten alsbald Taten. Antiochos überfiel den ptolemaii‧schen Teil der Levante, um den die Nachbarn bereits vier blutige Syrische Kriege geführt hatten, während Philipp sich die ägyptischen Besitzungen in der nördlichen Ägäis vornahm. Damit stand er vor der Haustür von Rhodiern und Pergamenern, die sich bedroht fühlten, und das keineswegs zu Unrecht. Unmittelbar kollidierten die Interessen zwischen Makedonien und Rhodos auf Kreta, wo die Rhodier einen Eroberungskrieg führten, in den nun Phil-ipp auf Seiten ihrer Gegner intervenierte…

PD Dr. Michael Sommer

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