Anzeige
Anzeige
1 Monat GRATIS testen, danach für nur 9,90€/Monat!

Die Bibliothek von Pergamon

Sitz der Wissenschaften

Die Bibliothek von Alexandria gilt als die berühmteste der gesamten Antike. Doch die Bibliothek von Pergamon stand ihr an Bedeutung kaum nach. Die Attaliden strebten danach, ihre Residenzstadt nicht nur zum politischen, sondern auch zum kulturellen Zentrum Kleinasiens zu machen.

In Alexandria sah man die Bestrebungen der Attaliden gar nicht gern. Um zu verhindern, dass die kleinasiatische Rivalin der eigenen Bibliothek Konkurrenz machte, sollen die Ptolemaier gar ein Ausfuhrverbot für Papyrus nach Pergamon erlassen haben – ohne Beschreibstoff würde man dort keine Bücher mehr herstellen können. Doch in Pergamon dachte man nicht daran, klein beizugeben. So berichtet Plinius der Ältere (um 23– 79 n. Chr.) in seiner „Naturgeschichte“, dass vor diesem Hintergrund unter Eumenes II. ein neues Schreibmaterial entwickelt worden sei: das nach seinem mutmaßlichen Herkunftsort so genannte Pergament.

Tatsächlich war Pergament, also bearbeitete Tierhaut, schon lange vor Eumenes II. als Beschreibstoff im Orient bekannt. Ein Körnchen Wahrheit steckt gleichwohl hinter der Zuschreibung, denn aus Pergamon wurde seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. Pergament sehr guter Qualität und in größerem Stil nach Rom exportiert. In Rom war um 168 v. Chr. auch der Gelehrte Krates von Mallos als Gesandter Attalos‘ II. Er hielt zudem öffentliche Vorträge, in denen sicher die Epen Homers, der zentrale Gegenstand seiner Forschung, einen breiten Raum einnahmen. Dies brachte ihm den Beinamen „der Homeriker“ ein. Aus Erwähnungen in antiken Quellen ist bekannt, dass er mindestens zwei Homer-Monographien verfasst hat.

Krates‘ philologische Studien waren eng mit kosmologischen und geographischen Fragestellungen verknüpft. Der griechische Geschichtsschreiber und Geograph Strabon (um 63 v. Chr. – nach 23 n. Chr.) berichtet, dass Krates das erste Modell des Erdglobus gebaut habe, um darauf die von Homer geschilderten Irrfahrten des Odysseus darzustellen. Zugleich wollte er auf diese Weise auch zeigen, dass Homer, den er als absolute Autorität verehrte, die Kugelgestalt der Erde schon bekannt gewesen sei.

Mit seinen Vorträgen und vielbeachteten Veröffentlichungen mehrte Krates natürlich nicht nur seinen eigenen Ruhm, sondern auch jenen Pergamons als Zentrum der Wissenschaft und der Kultur. Und das war wiederum ganz im Sinne Attalos‘ II. Dabei war Krates von Mallos nicht der einzige Philosoph, der Pergamons Stern am Tiber zum Strahlen brachte. Sein Schüler Panaitios von Rhodos trug wesentlich zur Verbreitung der griechischen bzw. stoischen Philosophie in Rom bei.

Anzeige

Krates von Mallos war wahrscheinlich auch einer der Leiter der Bibliothek von Pergamon. Der im 3. Jahrhundert n. Chr. wirkende griechische Historiker Diogenes Laertios schreibt in seiner Geschichte der griechischen Philosophie, dass im 1. Jahrhundert v. Chr. der Philosoph Athenodoros Kordylion aus Tarsos die pergamenische Bibliothek geleitet habe. Wie groß die Anziehungskraft Pergamons als kulturelles Zentrum auch in römischer Zeit noch gewesen sein muss, mag man daraus schließen, dass unter den Schülern des Athenodoros kein Geringerer war als Marcus Porcius Cato der Jüngere.

Woher wissen wir überhaupt, seit wann es in Pergamon eine Bibliothek gegeben hat? Den ersten Hinweis darauf gibt Strabon in seinem Werk „Geographica“. Er schreibt, dass Eumenes II. die Stadt durch Denkmäler und Bibliotheken verschönert habe. Der Ausbau der Stadt und ihre Etablierung als herausragendes kulturelles Zentrum dienten dem gleichen Zweck: dem Ruhm Pergamons. Doch kann man davon ausgehen, dass in Pergamon nicht erst seit Eumenes II., sondern schon in der frühen Königszeit unter Attalos I. in der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. Bücher gesammelt sowie Dichtkunst und wissenschaftliche Philologie betrieben worden sind.

Plinius dem Älteren verdanken wir den Hinweis, dass die Bibliotheken von Alexandria und Pergamon mit Porträtbüsten berühmter Geistesgrößen der Vergangenheit geschmückt gewesen seien. Das führt zu der Frage, wo die Büchersammlung der pergamenischen Könige überhaupt untergebracht gewesen ist. Im Gebiet der Nordhalle des Athena-Heiligtums wurde bei Ausgrabungen im Mai 1881 die Basis einer Statue Homers gefunden. An der Vorderseite sind drei späthellenistische Epigramme angebracht, die den Geburtsort Homers zum Thema haben. Es ist bekannt, dass Homer zu Ehren Dichterwettbewerbe veranstaltet wurden. Die Gedichte auf der Basis der Statue in Pergamon könnten demnach das Ergebnis eines solchen Wettbewerbs sein, in dem vier mutmaßliche Geburtsorte – Smyrna, Chios, Kolophon und Kyne – als Thema vorgegeben waren. Die Homer-Forschung war für die Philologen der hellenistischen Welt von enormer Bedeutung. Dementsprechend ist auch für Pergamon, das sich als kulturelles Zentrum verstand, die intensive Beschäftigung mit dem großen Dichter belegt. Nach den erhaltenen Basisinschriften gab es noch weitere Statuen bedeutender Dichter und Historiker wie Herodot und Timotheos, die eine Nutzung dieser Räume als Bibliothek wahrscheinlich machen. Alexander Conze, der Direktor der Berliner Sammlung antiker Skulpturen, und der Philologe und Epigraphiker Max Fränkel hatten 1884 bzw. 1890 als Erste den Zu‧sammenhang zwischen den Sockel‧inschriften dieser Statuen und dem Athena-Heiligtum als möglichem Standort der Bibliothek in Pergamon hergestellt. Diese Zuordnung wird durch weitere Erkenntnisse gestützt. So wurde ganz in der Nähe der Basis der Homer-Statue die sogenannte Athena Parthenos gefunden, eine verkleinerte Kopie der Athena des berühmten Bildhauers Phidias im Parthenon von Athen. Da Athena die Göttin der Weisheit und der Gelehrsamkeit war, nimmt es nicht wunder, dass sie zum klassischen Schmuck antiker Bibliotheken gehört hat. Daher wird vermutet, dass der Saal mit dem Standbild der Athena Parthenos einst der Hauptraum der Bibliothek war.

Neben den thematisch dazu passenden Skulpturen sprechen zudem noch andere Hinweise für eine Nutzung des Saales hinter dem Obergeschoss der Nordhalle als Bibliotheksraum. So gibt es hier ein umlaufendes Steinpodium und Halterungslöcher in den Wänden. Daran könnten Bücherregale oder -schränke befestigt gewesen sein. Ebenso möglich wären Tafeln mit Angaben zu Autoren und Themengebieten, sprich eine Art Bibliothekskatalog. Für die Nebenräume dieses großen Saales kommt schließlich eine Nutzung als Bibliotheksmagazin in Betracht. Immerhin war ein riesiger Fundus unterzubringen, auch wenn die von Plutarch (um 45 – um 125) erwähnten 200 000 Buchrollen, die Mark Anton der ägyptischen Königin Kleopatra aus der Bibliothek von Pergamon geschenkt haben soll, übertrieben bzw. legendär überhöht erscheinen mögen. Die Frage, wo sich die Bibliotheksräume in Pergamon befunden haben, wird kontrovers diskutiert. So wurde beispielsweise auch der Komplex des Großen Gymna‧sions ins Spiel gebracht.

Das Athena-Heiligtum soll aber nicht nur die Bibliothek beherbergt haben, sondern – wie von den meisten Forschern angenommen wird – auch die von Attalos I. begründete Kunstsammlung. Diese umfasste neben Skulpturen auch Gemälde; nur einige Statuen oder Basen, auf denen sie ursprünglich standen, sind jedoch erhalten. Nicht immer handelte es sich dabei um in Pergamon selbst gefertigte zeitgenössische Kunstwerke. Ältere Kunstwerke kamen – neben Ankauf – vor allem als Siegestrophäen in die Residenz der Attaliden; etwa, nachdem Attalos I. 210 v. Chr. Aigina im Saronischen Golf erobert hatte. Nicht anders machte er es in Oreos auf der Insel Euboia. Von dort soll er, so Wolfgang Radt, der von 1971 bis 2005 Leiter der Ausgrabungen in Pergamon war, möglicherweise eine Statue der Dichterin Sappho von Lesbos mitgebracht haben. Auch diese Skulptur war im Athena-Heiligtum aufgestellt.

Literatur: Wolfgang Radt, Pergamon. Geschichte und Bauten einer antiken Metropole. Darmstadt 2011. Wolfram Hoepfner (Hrsg.), Antike Bibliotheken. Mainz 2002. Reinhold Merkelbach / Josef Stauber (Hrsg.), Steinepigramme aus dem griechischen Osten. Band 1. Die Westküste Kleinasiens von Knidos bis Ilion. Berlin 1998.

Sylvia Brehme / Uwe A. Oster

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Der Podcast zur Geschichte.

Geschichten von Alexander dem Großen bis ins 21. Jahrhundert. 2x im Monat reden zwei Historiker über ein Thema aus der Geschichte. In Kooperation mit DAMALS – Das Magazin für Geschichte.

Hören Sie hier die aktuelle Episode:

Anzeige

Wissenschaftslexikon

zi|schen  〈V.; hat〉 I 〈V. i.〉 1 einen scharfen Ton von sich geben, wie wenn Feuer od. etwas Heißes u. Wasser zusammentreffen 2 Laut geben (von Gänsen, Schlangen) … mehr

em|pa|thisch  〈Adj.; Psych.〉 gewillt u. befähigt, sich in (Wert–)Vorstellungen anderer einzufühlen [<engl. empathize … mehr

re|gres|siv  〈Adj.〉 1 zurückgreifend (im Sinne eines Regresses) 2 〈Philos.〉 von der Wirkung auf die Ursache zurückgehend … mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]