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Faszinierende Figuren: Sandra Richter über Pierre Bayle

„Skeptisch und gläubig zugleich“

Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: die Germanistin Sandra Richter über den Philosophen Pierre Bayle.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit Pierre Bayle?

Sandra Richter: Ich habe mit einer Arbeit über die Hugenotten im 18. Jahrhundert promoviert. Die Epoche der Aufklärung war und ist mit sehr wichtig. In der Promotion ging es auch um Pierre Bayle und seine Wahrnehmung im damaligen Deutschland. Ich finde ihn nach wie vor einen überaus faszinierenden Denker und Schreiber.

Was beeindruckt Sie besonders?

Er war einerseits Libertin, ein guter und witziger Schreiber, einer, der gern Konversation machte und ein legendäres Wörterbuch herausgab. Andererseits war er ein gläubiger Protestant. Mich reizt die Frage: Wie geht das zusammen in einer Person, Toleranzdenker und zugleich gläubig zu sein? Ludwig Feuerbach nannte Bayle den „dialektischen Guerilla-Häuptling aller antidogmatischen Polemiker“. Bayle war ein kontrovers denkender Geist, so dass man sehr genau hinschauen und fragen muss, welche These er gerade vertritt.

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Zeitgenossen verdächtigten ihn des Atheismus …

Bayle ist beides zugleich, skeptisch und gläubig. Toleranz ist aus seiner Sicht nur auf Grundlage einer ungeteilten Vernunft möglich, die sich nicht dem Glauben unterwirft. Ihm gelten beide Bereiche als autonom, der Offenbarungsglaube an den einen Gott und die Vernunft. Sie ist jedem Menschen eingeboren. Bayle formulierte eine seiner wesentlichen Einsichten, wenn er sagt: Vernünftiges Handeln ist auch unabhängig vom Glauben möglich, es gibt „tugendhafte Atheisten“. Das war hochumstritten in seiner Zeit.

Im Vergleich zu anderen französischen Denkern der Aufklärung ist er uns weniger gegenwärtig …

Das ist unser Fehler. Wir müssen Bayle deutlich bekannter machen. Auch Voltaire hat ja ein philosophisches Wörterbuch geschrieben, das ohne Bayles „Dictionnaire historique et critique“ undenkbar gewesen wäre. Mit diesem Werk war ein neues Verfahren entstanden, das uns bis in die Gegenwart begleitet. Die Einträge im Haupttext sind kurz, und im Anhang entfalten sich unendliche Fußnoten, in denen Kommentare zu dem jeweiligen Stichwort zitiert werden. Diese Kommentare widersprechen einander heftig. Für die Leser ist es spannend, diese Diskussionen zu verfolgen und zu erfahren, dass es die eine autoritative Meinung gar nicht gibt. Ich muss mir meine Meinung selbst bilden. Das Wörterbuch schulte das Erlernen der eigenen Urteilskraft. Das war die Voraussetzung der Aufklärung.

Wirkte das auch nach Deutschland hinein?

Man kann Bayles Einfluss auf die deutsche Aufklärung nicht hoch genug einschätzen. Johann Christoph Gottsched hat nicht nur das „Dictionnaire“ übersetzt, sondern auch den „Brief über den Kometen von 1680“. In dieser Schrift spricht Bayle den Gedanken aus, dass auch Atheisten moralisch handeln können. Der Vernunftglaube der deutschen Aufklärung hat sich an Bayle geradezu aufgerichtet. Sein Einfluss wirkte in der ganzen ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Auch die deutschsprachige Literatur mit ihren Zeitschriften wäre ohne seine Werke so nicht denkbar gewesen.

Sandra Richter geb. 1973, deutsche Germanistin und Literaturwissenschaftlerin. Seit 2008 Professorin an der Universität Stuttgart, seit 2019 Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach.

Pierre Bayle (1647 –1706), französischer Schriftsteller und Philosoph. Seit 1675 Professor an der protestantischen Académie de Sedan, nach deren Schließung 1681 Emigration nach Rotterdam. Hauptwerk: „Dictionnaire historique et critique“ (1697).

Interview: Dr. Winfried Dolderer

 

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