Geschichte des Kardinalats (Teil 3) Söhne des Stolzes? - wissenschaft.de
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Geschichte des Kardinalats (Teil 3)

Söhne des Stolzes?

Als herausgehobene Akteure kurialer Politik standen die Kardinäle seit jeher im Zentrum des Interesses und der Kritik, in ganz besonderem Maß galt dies jedoch in der Zeit, als die Päpste in Avignon im Exil weilten. Fragen ihrer nationalen Zugehörigkeit erhielten damals eine bis dahin ungekannte Bedeutung.

Gerichtet war der Brief an „alle Angehörigen unseres Königreiches, insbesondere die Söhne des Stolzes, die Fürsten der Kirche“ – und die Aufregung war groß, entsprachen doch sowohl Absender und Adressat als auch die Umstände der Veröffentlichung nicht dem, was man gemeinhin unter geordnetem Briefverkehr verstand. Während einer Zusammenkunft von Papst und Kardinälen soll das Schreiben im Frühjahr 1351 im päpstlichen Palast zu Avignon aufgefunden und vorgelesen worden sein. Absender war der Teufel selbst, der sich in Lobeshymnen auf die Kardinäle erging: Mit großem Wohlgefallen sehe er, dass den Geboten seines Widersachers Christus keinerlei Beachtung geschenkt werde, und er freue sich, die Kardinäle als treue Söhne des Teufels bezeichnen zu können.

Sollte sich der Vorfall tatsächlich so zugetragen haben, wie es unabhängig voneinander einige Chronisten überliefern, hat wohl niemand tatsächlich im Teufel den Absender des Briefes gesehen. Doch spiegelt sich in dem Pamphlet ein allgemeines Unbehagen an den Zuständen in Avignon wider – einmal mehr wurden die engsten Mitarbeiter des Papstes und die höchsten Würdenträger der Kirche zur Zielscheibe harscher und ehrverletzender Kritik. Bis heute scheint mit Blick auf das von 1309 bis 1377 andauernde Exil der Päpste im südfranzösischen Avignon eines festzustehen: Der Sittenverfall innerhalb der Kurie war groß, so groß, dass die eigentlichen Aufgaben und Zielsetzungen päpstlicher Politik ins Hintertreffen gerieten. Man war sich einig, im avignonesischen Papsttum einen absoluten Tiefpunkt der Kirchengeschichte zu erblicken, mit Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein: Bis heute ist es keinem Franzosen mehr gelungen, den päpstlichen Thron zu besteigen.

Ein erster nüchterner Blick auf das verfügbare statistische Material verheißt zunächst wenig Gutes: Die meisten der unter den sieben Avignon-Päpsten ernannten Kardinäle waren Franzosen. Die noch im 13. Jahrhundert tonangebende Nation im Kardinalskolleg, Italien, war das gesamte 14. Jahrhundert hindurch zwar stets mit zwei oder drei Vertretern in dem Kolleg präsent, doch konnte dies den enormen Machtverlust, mit dem vor allem die großen italienischen Adelsfamilien wie die Colonna oder Orsini zu kämpfen hatten, nicht wettmachen. Kardinäle aus dem Reich sucht man in dieser Zeit vergeblich, und auch England gehört mit nur einem, bereits 1305 ernannten Purpurträger sicherlich nicht zu den Nationen, die sich der besonderen Wertschätzung durch die Päpste erfreuten. Mit durchschnittlich 25 Mitgliedern präsentierte sich das Kardinalskolleg als überschaubare Institution, die wie in den Jahrhunderten zuvor vor allem zwei Aufgaben wahrzu‧nehmen hatte: Papstwahl und Beratertätigkeit.

Die Metaphorik ließ nichts zu wünschen übrig: Als Säulen der Kirche, als engste Mitarbeiter des Papstes kam den Kardinälen eine Sonderrolle zu, die sich zum einen aus ihrer Würde, zum anderen aus ihrer Papstnähe ergab. Darin lag jedoch auch das Problem. Als biblisch nicht legitimierte Institution konnten sich die Kardinäle selbst zwar als Apostelnachfolger sehen, hatten dabei aber stets mit den ernstzunehmenden, weil besser begründeten Ansprüchen der Bischöfe zu kämpfen, deren biblische Legitimation niemals ernsthaft in Zweifel gezogen wurde. Die Papstnähe war ebenfalls problematisch: Starke Päpste tendierten dazu, in Kardinälen wenig mehr als enge Mitarbeiter, das heißt Befehlsempfänger, zu sehen, denen es nicht zustand, Rechte im Hinblick auf eine wie immer geartete Beteiligung an der konkreten Regierungsausübung einzufordern. Dies war tatsächlich nicht möglich, stand dem doch der Anspruch der päpstlichen Allgewalt, der plenitudo potestatis, im Weg. Normative Aussagen spiegeln aber nicht unbedingt die Realität täglicher Regierungshandlung wider. So hing es das gesamte 14. Jahrhundert hindurch vor allem vom Geschick der einzelnen Kardinäle ab, welchen Einfluss sie tatsächlich ausüben konnten. Neben einer Fülle im besten Fall drittklassiger Kreaturen fanden sich herausragende Einzelpersönlichkeiten, die durch ihr diplomatisches Geschick und Intrigenspiel der kurialen Politik ihren Stempel aufdrückten…

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Der vierte und letzte Teil unserer Serie zur Geschichte des Kardinalats erscheint im Januarheft. „Alltag der Entscheidungsfindung“ ist der Titel des Beitrags von Prof. Dr. Claudia Märtl über die Kardinäle des 15. Jahrhunderts. Die bisher erschienenen Beiträge befassten sich mit der Entwicklung des Papstwahlrechts und den Kardinälen als politischen Interessenvertretern im 13. Jahrhundert.

Dr. Ralf Lützelschwab

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