Der 17. Juni 1953 in Görlitz und Leipzig „Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille“ - wissenschaft.de
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Der 17. Juni 1953 in Görlitz und Leipzig

„Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille“

Nach Jahrzehnten einer gewissen Zurückhaltung beschäftigt man sich seit dem Ende der DDR wieder sehr viel intensiver mit den Protesten, die den ost-deutschen Staat 1953 erschütterten. Und debattiert bis heute: War es nun eine Volkserhebung oder ein Ar-beiteraufstand?

Bisher ist belegt, daß es in mehr als 560 Orten Aktionen gab und bis zu 1,5 Millionen Menschen an ihnen teilnahmen. Die Historiker sind sich auch einig, daß nicht „westliche Agenten“ oder „faschistische Provokateure“ den Aufstand inszenierten, wie die Interpretation der DDR lautete. Vielmehr begann er spontan und unorganisiert, nachdem Berliner Bauarbeiter auf Normenerhöhungen mit Streik und Demonstrationen reagierten. Der Ruf der Bauarbeiter: „Kollegen reiht Euch ein, wir wollen freie Menschen sein!“, drückte aber von Anfang an auch die politische Dimension der Proteste aus. Offensichtlich bedurfte es nur eines Impulses, um überall im Land den Aufstand aufflackern zu lassen.

Das Heranreifen der Krise Der SED-Parteivorsitzende Walter Ulbricht hatte seinen Bürgern bis zum Ende des 1. Fünfjahrplans (1951–1955) einen Lebensstandard versprochen, der über dem „kapitalistischer Länder des Westens“ liegen würde. Ein kurzer Aufschwung in den Jahren 1950/51 verkehrte sich mit dem Beschluß der 2. SED-Parteikonferenz (Juli 1952), den Sozialismus aufzubauen, jedoch rasch ins Gegenteil.Auf Geheiß Stalins rückte nun der Aufbau nationaler Streitkräfte und einer militärisch-industriellen Basis in den Vordergrund. Finanziert wurde dies durch drastische Einsparungen bei der Sozialversicherung und Sozialfürsorge, durch erhöhte Steuern sowie die Reduzierung des Konsums. Rigoros beschleunigte man den sozialistischen Aufbau durch die „Kollektivierung der Landwirtschaft“ und die „Liquidierung“ von Privatbetrieben; die Denunziation der Jungen Gemeinde als „Agentur des amerikanischen Imperialismus“ und die Verschärfung der Strafjustiz begleiteten diesen Kurses. Allein im ersten Halbjahr 1953 gab es etwa 4000 Urteile wegen „Staatsverbrechen“, darunter 26 mit lebenslangen Haftstrafen und sechs Todesurteile. Befanden sich im Juli 1952 rund 37000 Menschen in Haft, waren es im Mai 1953 bereits 67000. Schon die Nichterfüllung staatlicher Ablieferungspflicht durch „Großbauern“ oder Steuerrückstände konnten als „Verbrechen“ ausgelegt werden. Nach sowjetischem Vorbild sollten „reaktionäre Privatunternehmer“ als „Schädlinge liquidiert“, Mitglieder der „führenden Arbeiterklasse“ dagen mittels Strafrecht zu sozialistischen Persönlichkeiten erzogen werden. Im Oktober 1952 trat das „Gesetz zum Schutze des Volkseigentums“ in Kraft. Danach wurden Tausende wegen „Diebstahl am sozialistischen Eigentum“ hinter Gitter gebracht. Eine junge Frau saß im Juni 1953 im Frauengefängnis in Görlitz für den Diebstahl von 200 Gramm Leberwurst zu zwei Jahren ein. Ein Leipziger, der alte Kartoffelsäcke aus der Großmarkthalle „stahl“, um eine Arbeitsschürze zu fertigen, saß für ein Jahr im Gefängnis. Richter, die sich weigerten, derartige Urteile zu fällen, kamen oft selbst in Haft, so der Direktor eines Kreisgerichts, der er einen Bäcker nicht wegen des Diebstahls von zehn Pfannkuchen verurteilen wollte. Wirtschaftliche Fehlentwicklungen verschärften die Probleme. Im Frühjahr 1953 kam es zu eine Ernährungskrise, wie es sie seit 1947 nicht mehr gegeben hat. Auch wenn die Regierung das „Geschrei um die Ernährungslage” dem Wunsch ihrer Gegner zuschrieb, „einen Keil zwischen Regierung, Verwaltung und Volk (zu) treiben“ und „Agenten, Spione und Saboteure“ dafür verantwortlich machte, mußte sie doch reagieren. Im Februar 1953 startete das ZK der SED den „Feldzug für strenge Sparsamkeit“, der zu „neuen großen Produktionserfolgen“ führen sollte. Man beschloß „Kampfprogramme“ und, als auch dies keinen Erfolg zeitigte, einen rigorosen Sparkurs. Die Mittel für Sozialhilfe wurden um 40 Prozent gekürzt. Frauen, deren Männer „republikflüchtig“ waren, bekamen keine Hilfe mehr. Für einen Teil der Sozialhilfeempfänger wurden die Zahlungen eingestellt. Selbständige und Hausbesitzer erhielten keine Lebensmittelkarten mehr, sie sollten nur noch in HO-Läden kaufen; dort gab es keine Butter, ganz selten Fleisch, zudem waren die Preise für die meisten unbezahlbar…

Ausstellung „Ausnahmezustand. Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in Leipzig“ – so der Titel einer Ausstellung, die acht Kooperationspartner vom 17. Juni bis zum 12. Oktober 2003 im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig (Altes Rathaus) zeigen.

Dr. Heidi Roth

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