Die spartanischen Mythen Staatstragende Legenden - wissenschaft.de
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Die spartanischen Mythen

Staatstragende Legenden

Zwei Gründungsmythen waren ein fester Bestandteil des spartanischen Selbstverständnisses: Sie rechtfertigten sowohl den territorialen Besitz der Spartaner als auch ihre Lebensweise.

Wie entstand die Polis Sparta? Wer begründete die berühmte spartanische Agoge(Lebensführung) und warum? Wir wissen das heute nicht mehr und können darüber nur Mutmaßungen anstellen – nicht anders als die Spartaner der klassischen Zeit, denn auch sie wußten keine Antworten auf diese Fragen. Es gab nur vage Erinnerungen, die in der Form mündlich tradierter Mythen in die Gegenwart gelangt waren. Diese Mythen lassen sich auf ganz verschiedene Ursprünge und Motive zurückführen, hatten jedoch keinesfalls die Aufgabe, im Sinn der modernen Geschichtswissenschaft darüber zu informieren, wie es einst „wirklich gewesen“ war.

Sparta kannte zwei gleichsam „staatstragende“ Mythen: den Mythos von der „Rückkehr der Herakliden“ und den Lykurg-Mythos. Mit der (recht komplizierten) Legende von der Rückkehr der Herakliden wurde die Inbesitznahme weiter Teile der Peloponnes durch die griechischen Dorier, zu denen auch die Spartaner gehörten, erklärt. Der Kern dieser Erklärung besteht nun darin, daß die Dorier nur dem Recht Geltung verschafft hätten, und zwar auf folgende Weise: Die Söhne des ursprünglichen Besitzers der Peloponnes, Herakles (der ein Sohn des Göttervaters Zeus war), wurden von Eurystheus, dem König von Argos, vertrieben. Sie fanden Aufnahme in der Landschaft Doris, deren König Aigimios einen Sohn des Herakles, Hyllos, adoptierte und seinen eigenen Söhnen Dymas und Pamphilus verbrüderte; diese drei Brüder galten als die Stammväter der drei dorisch-spartanischen Stämme (Phylen) der Hylleis, Pamphyloi und Dymanes. Erst den Urenkeln des Herakles, nämlich Aristodemos, Temenos und Kresphontes, gelang, so der Mythos, die Rückkehr. Sie teilten sich die Peloponnes durch Losentscheid auf, wobei Aristodemos Lakonien erhielt. Die Söhne des Aristodemos wiederum, Prokles und Eurysthenes, bildeten die Stammväter der beiden spartanischen Königshäuser.

Diese Legende ist zum erstenmal faßbar bei Tyrtaios, einem spartanischen Dichter des 7. Jahrhunderts, dessen heroische Kampflieder wir noch in Fragmenten besitzen. Er schrieb: „Denn Zeus selbst gab diese Stadt den Herakliden, mit denen wir [nämlich die Dorier] das windige Erineos [in der Doris] verließen und zur weiten Peloponnes kamen“. Die „Dorische Wanderung“, die Einwanderung von Doriern auf die Peloponnes, wurde auf diese Weise zu einer legitimen Wiederinbesitznahme umgedeutet, die in die Geschichtswerke Herodots und Thukydides‘ Eingang fand. Damit entzogen die Spartaner allen Zweifeln an der Rechtmäßigkeit ihrer Präsenz in Sparta und darüber hinaus ihrer Ansprüche auf Teile der Peloponnes den Boden.

Noch berühmter war der Lykurg-Mythos, denn mit ihm wurde die Entstehung der bewunderten spartanischen Lebensweise verbunden. Der Name Lykurg bedeutet soviel wie „Wolfsgrimm“ oder auch „Lichtwirker“. Seine erste Erwähnung findet sich bei Herodot, der bereits seine zentrale Bedeutung für die so gute spartanische Ordnung hervorhebt. Je weiter wir uns zeitlich entfernen, um so mehr Mythen ranken um die „Person“ des Lykurg. Als Höhepunkt dieser mythisierenden Entwicklung muß eine vorgebliche „Biographie“ durch Plutarch am Anfang des 2. Jahrhunderts n.Chr. gelten. Denn dieser hochgebildete Autor schreibt sie, obwohl er genau weiß, daß er nichts weiß: „Über Lykurg den Gesetzgeber ist generell nichts zu sagen, was nicht umstritten wäre, insoweit als seine Herkunft, seine Reisen, sein Ende und vor allem seine Tätigkeit als Gesetzgeber und Staatsmann unterschiedliche Darstellungen fanden. Am wenigsten aber kann über die Zeit, in der er gelebt hat, Übereinstimmung erzielt werden.“ Trotzdem berichtet Plutarch anschließend von der Herkunft Lykurgs aus einer der beiden spartanischen Königsfamilien, von seinen Reisen nach Kreta, Asien und Ägypten, von seiner Befragung des Orakels von Delphi, von der Opposition zu Hause gegen ihn und schließlich von seiner letzten Lebensphase, ganz so, als sei das alles wirklich geschehen. Dennoch ist die Geschichte um Lykurg wichtig, denn sie begründete und legitimierte den Kosmos Sparta, die gesamte politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung im Bewußtsein der Spartaner selbst und nach außen. Lykurg nämlich machte aus der zuvor schlechtesten Ordnung eine „Wohlordnung“ (eunomia), die vom delphischen Apoll inspiriert und damit göttlich verankert war. Diesen „Vertrag“ zwischen Göttern und Menschen zu übertreten oder auch nur in Teilen zu verändern wäre gottlos und sträflich gewesen. Mit diesem Mythos erhielt die spartanische Verfassung eine Art Bestandsgarantie, die andere Städte ihren Ordnungen nicht geben konnten. Auch späterhin (bis in das 2. Jahrhundert v. Chr. hinein) beherrschte die „lykurgische Ordnung“ den innerspartanischen Diskurs; jede politische Richtung in Sparta operierte daher mit diesem Begriff, um die eigenen Vorstellungen besser durchsetzen zu können…

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Prof. Dr. Ernst Baltrusch

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