Anzeige
Anzeige
1 Monat GRATIS testen, danach für nur 9,90€/Monat!

Ernesto "Che" Guevara wird ermordet

Stratege der Revolution

Am 9. Oktober 1967 wurde Ernesto „Che“ Guevara im bolivianischen Dschungel ermordet. Der Traum einer „antiimperialistischen Guerillafront“ in Lateinamerika war damit zerschlagen – und ein Mythos geboren.

Den Kopf leicht aufgestützt, die Augen offen und ein schwaches Lächeln – das letzte Bild des berühmten Guerilleros, auf einer Betonplatte im Krankenhaus Nuestra Señora de Malta in Vallegrande aufgebahrt, machte schnell die Runde. Schließlich hatte sich das bolivianische Militär größte Mühe gegeben, den Leichnam so zu präsentieren, dass die Identität des Toten jedem Zeugen sofort ins Auge sprang: Ernesto „Che“ Guevara sei in einem Gefecht in der Nähe von La Higuera gefallen. So lautete die offizielle Version, die den zahlreich angereisten Vertretern der internationalen Presse mitgeteilt wurde. Das Scheitern des Versuchs, auf bolivianischem Boden eine kommunistische Guerillabewegung zu etablieren, sollte so eindringlich dokumentiert werden. Den anwesenden bolivianischen Offizieren fehlte es also nicht an Gründen, sich zufrieden zu zeigen, auch wenn sich die Dinge doch etwas anders ereignet hatten: Der gefangen genommene Che war am Vortag, dem 9. Oktober 1967, um 13.10 Uhr von Mario Terán, einem Feldwebel der bolivianischen Rangers, ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet worden. Terán hatte sich dafür zwar freiwillig gemeldet, um den Tod seiner im vorangegangenen Scharmützel gefallenen Kameraden zu rächen, war aber erst nach einigem Zögern und unter Alkoholeinfluss bereit gewesen, auf Guevara zu schießen. Diesen traf ein halbes Dutzend Kugeln. Eine davon durchschlug sein Herz.

Die Militärs hatten ursprünglich vorgehabt, die Ermordung zu kaschieren. Die öffentliche Inszenierung von Vallegrande bewirkte letztlich dann fast das Gegenteil dessen, was die Armeeführung beabsichtigt hatte, als sie den Befehl erteilte, Che zu liquidieren. Die Ansicht eines ausgeglichenen, fast heiter wirkenden jungen Mannes, dessen scheinbare Ähnlichkeit mit Jesus sofort die Aufmerksamkeit neugieriger Nachbarn anzog, verhalf dem schon zu Lebzeiten legendären Guerillakämpfer zur regelrechten Kanonisierung als Symbol einer Generation. Eine gute Woche später huldigte Fidel Castro auf der Plaza de la Revolución in Havanna seinem alten Genossen vor fast einer Million Menschen und stellte ihn als Verkörperung revolutionärer Tugenden dar: „Wenn wir einen Menschen zeichnen wollen, der nicht in unsere Zeit gehört, sondern in die Zukunft, dann erkläre ich aus vollem Herzen, dass dieser Mensch Che ist, ein Mensch ohne Makel, ohne einen einzigen Makel in seinem Verhalten. Und wenn wir beschreiben wollen, wie wir uns unsere Kinder wünschen, dann rufen wir, die leidenschaftlichen Revolutionäre, voller Inbrust: Sie sollen sein wie Che!“ Ein Mythos war geboren: Der bärtige Rebell ohne Fehl und Tadel avancierte zur Ikone revolutionären Märtyrertums, zur internationalen Kultfigur, auf die seither allerlei politische und kulturelle Sehnsüchte projiziert werden.

Was aber waren die Ziele des gebürtigen Argentiniers, als er sich mit nur einigen wenigen Anhängern, schlecht ausgerüstet und ohne äußere Unterstützung, der Verfolgungsjagd durch die bolivianischen Streitkräfte aussetzte? Der ehemalige Held der kubanischen Revolution hatte sich von seiner Wahlheimat überraschend verabschiedet, alle Brücken abgebrochen und den Weg des Guerillakampfes gewählt. Ches Entscheidung, seine revolutionären Thesen persönlich in die Praxis umzusetzen und eine subkontinentale „antiimperialistische“ Guerillafront zu eröffnen, war die logische Konsequenz seines politischen Engagements seit den 1950er Jahren, entsprang aber zugleich einer allmählichen Entfremdung von dem in Kuba real entstehenden Sozialismus, zu dem er selbst so maßgeblich beigetragen hatte. Im Verlauf des ein Jahrzehnt zurückliegenden Kampfs um Kuba hatte sich seine Rolle rasch von der eines politisierten Arztes zu der eines direkten Teilnehmers bei bewaffneten Aktionen gewandelt, und sein entschlossener Einsatz sowie sein taktisches Geschick hatten ihn schnell zu einer wich‧tigen militärischen Instanz werden lassen. Er war in der Hierarchie der Rebellenarmee bis zum höchsten Rang aufge-stiegen, war entscheidend am Triumph gegen die Truppen des Diktators Batista beteiligt und hatte die ersten Schritte des neuen Regimes in wichtigen Ämtern begleitet. Der politische Shootingstar Che profilierte sich als Ideologe der Regierung Castros und wurde – zunächst als Chef der Industrieabteilung des Nationalen Agrarreform-Instituts (INRA), dann als Präsident der Nationalbank, schließlich als Industrieminister – zum Architekten der wichtigsten gesellschaftlichen Transformationsprozesse in den ersten Jahren nach der Revolution…

Dr. Antonio Sáez-Arance

Anzeige
Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Der Podcast zur Geschichte.

Geschichten von Alexander dem Großen bis ins 21. Jahrhundert. 2x im Monat reden zwei Historiker über ein Thema aus der Geschichte. In Kooperation mit DAMALS – Das Magazin für Geschichte.

Hören Sie hier die aktuelle Episode:

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

Ko|kos|pal|me  〈f. 19; Bot.〉 20–30 m hohe Palme mit an der Basis etwas angeschwollenem Stamm u. an der Spitze 4–6 m langen, steifen Fliederblättern: Cocos nucifera

Folk|song  〈[fk–] m. 6; Mus.〉 Volkslieder in der Art des Folk [engl., ”Volkslied“]

zwei|ge|stri|chen  〈Adj.; Mus.〉 mit zwei Strichen versehen, vom eingestrichenen Ton aus (z. B. c‘) nach oben gerechnet in der zweiten Oktave liegend ● ~es C (c“)

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]