Heinrich IV. und Gregor VII. Taktik contra Prinzipien - wissenschaft.de
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Heinrich IV. und Gregor VII.

Taktik contra Prinzipien

Stehen Heinrich IV. und Gregor VII. nur stellvertretend für ihre Ämter, für Königsherrschaft und Papsttum? Oder trägt ihr Streit auch individuelle Züge: hier der prinzipienlose Taktiker, dort der sendungsbewußte Rigorist, der sich als Stellvertreter Gottes im alleinigen Besitz der Wahrheit wähnt?

Für alle Epochen der Geschichte besitzt die Frage eine beträchtliche Relevanz, welchen Spielraum einzelne Persönlichkeiten bei der Gestaltung geschichtlichen Geschehens hatten. Die historiographische Gattung der Biographie und ihre bis heute ungebrochene Beliebtheit zeugen von dieser Neugier auf individuelle Kräfte und Ideen, die dem geschichtlichen Prozeß eigene Prägungen oder Richtungen gaben. Andererseits ist die Vorstellung, daß es die großen Männer sind, die Geschichte machen, auch genügend häufig widerlegt und dekonstruiert worden. Beim Kampf der Individuen gegen die Strukturen hat man oft die letzteren als Sieger ausgerufen. Und das sicher zu Recht.

Individuelle Anteile an der Steuerung des geschichtlichen Geschehens zu messen, ist nun besonders schwierig für Epochen wie die des Mittelalters, dessen Überlieferung individuellen Zügen der handelnden Personen im allgemeinen wenig Aufmerksamkeit schenkt. Wichtiger ist den Autoren zumeist darzulegen, inwieweit Personen dem idealen Typus eines Amts- oder Standesvertreters entsprochen haben oder eben nicht. Nicht zufällig hat man vom Mittelalter als dem porträtlosen Jahrtausend gesprochen und damit zum Ausdruck gebracht, daß dieses Zeitalter an Individualität und ihren Ausdrucksformen nicht vorrangig interessiert gewesen sei. So richtig diese Einschätzung grundsätzlich sein mag, so unzweifelhaft ist auch, daß die vielen Versuche, Individualität im Mittelalter und ihre spezifischen Erscheinungsformen nachzuweisen, alles andere als erfolglos waren.

Diese Ausgangslage ist in Erinnerung zu rufen, wenn man die Frage stellt, ob und inwieweit der epochale Kampf um die rechte Ordnung der Welt, wie er in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts ausgefochten wurde, durch individuelle Eigenschaften, Charakterzüge und Befindlichkeiten seiner Protagonisten beeinflußt oder gar verursacht worden ist. Wäre mit anderen Worten die Weltgeschichte anders verlaufen, wenn sich in dieser Situation Männer auf dem Papst- und dem Kaiserthron befunden hätten, die mit anderen Charaktereigenschaften und Wesenszügen ausgestattet gewesen wären als die beiden Personen, die tatsächlich regierten?

Urteile der Zeitgenossen über Charakter und Wesenszüge der beiden Kontrahenten gibt es in unvergleichlicher Fülle, und es gibt auch genügend Selbstzeugnisse, die auf ihre Individualität schließen lassen. Allerdings sind bei den Selbstzeugnissen die Gewichte sehr eindeutig zugun-sten Gregors VII. verschoben, so daß eine Charakterisierung Heinrichs IV. weit mehr mit Argumenten seiner Gegner arbeiten muß, als dies beim Papst nötig ist. Wir werden mit anderen Worten von Gregor VII. in gänzlich anderer und viel intensiverer Weise über seine Selbstsicht informiert als von Heinrich IV., was ungleiche Voraussetzungen schafft. Aber auch dies ist ein Befund, der auf individuelle Eigenarten deutet. Eine Sammlung und Bewertung der vielen Überlieferungssplitter, seien sie programmatischer, polemischer, rechtfertigender oder anklagender Natur, ergibt jedenfalls sehr unterschiedliche Profile der beiden Persönlichkeiten, deren Grundzüge man etwa so charakterisieren kann: Gregor VII. zeichnete vor allem ein unerschütterliches Sendungsbewußtsein aus, das kompromißlos das durchsetzte, was er als Recht oder Pflicht seines Amtes erkannt hatte. Er hatte ein Konzept für seine Amtsführung und versuchte, dieses Konzept in einer Weise zu verwirklichen, die man unbeirrbar nennen kann. Es bricht aber zugleich so radikal mit vielen Traditionen und Gewohnheiten päpstlicher Amtsführung, daß es auch als starrköpfig und konfliktsuchend nicht falsch charakterisiert ist und damit wesentlichen Anforderungen an das Amt des obersten Hirten in keiner Weise gerecht wird. Gregor weiß sich als Stellvertreter Christi auf Erden im Besitz der Wahrheit und setzt diese Wahrheit in für mittelalterliche Verhältnisse bis dahin völlig unbekannter Weise in praktische Maßnahmen und Politik um. Bei der Feststellung dieser Wahrheit waren Gregor und seine Helfer zu einer „Überdehnung der Tradition“ durch gewagte Auslegung der Autoritäten in bestimmte Richtungen bereit, so daß auch hierdurch Unfriede fast unvermeidlich wurde.

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Die Fremd- wie die Selbstaussagen präsentieren Gregor VII. als einen Rigoristen, dessen Prinzipientreue und Strenge ihn einerseits einen berechenbaren Weg unbeirrt verfolgen, die ihn andererseits aber zum Stein des Anstoßes in einer Welt werden ließen, die geprägt war von einer Kultur der Konsensherstellung durch Kompromisse und von der Überzeugung, daß die Norm und die Realität nicht unbedingt und in jedem Fall zur Deckung gebracht werden müßten, weil dies Vollkommenheit voraussetzt. In dieser individuellen Veranlagung zu rigoristischer Verfolgung des als richtig Erkannten, koste es, was es wolle, lag das Konfliktpotential, das Gregor in die Politik seiner Zeit einbrachte. In den 27 knappen und keinen Widerspruch duldenden Leitsätzen des „Dictatus Papae“ hat es seinen adäquaten Ausdruck gefunden.

Heinrich IV. Kaiser, Kämpfer, Gebannter. Herrschergestalt zwischen Kaiserkrone und Büßergewand Sonderausstellung im Historischen Museum der Pfalz 6. Mai – 15. Oktober 2006 Zu Unrecht wird das Leben dieses Herrschers oft ausschließlich mit seinem Gang nach Canossa verbunden. Als zweijähriges Kind zum König gekrönt, mit fünf Jahren verlobt und wenige Jahre später entführt – so turbulent begann bereits sein Leben.

Literatur: Gerd Althoff, Heinrich IV. Darmstadt 2006.

Eigens für diese Sonderausstellung unternimmt das Historische Museum der Pfalz in Speyer einen gewagten Schritt: In Zusammenarbeit mit namhaften Wissenschaftlern entstand erstmals eine Kopfrekonstruktion Heinrichs IV. Weitere Höhepunkte werden neben der Grabkrone – eine der wenigen erhaltenen mittelalterlichen Grabkronen – speziell für diese Ausstellung neu konservierte Fragmente des Kaisermantels sein. Präsentiert werden auch die Grabbeigaben der übrigen Mitglieder der Kaiserfamilie. Dabei vermitteln erst kürzlich entdeckte Fotos der Graböffnung einen faszinierenden Einblick in die damalige archäologische Untersuchung. Sie werden in der Ausstellung erstmals öffentlich präsentiert.

Prof. Dr. Gerd Althoff

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