Der Film „Des Teufels General wird uraufgeführt“ Tragischer Held oder einer wie alle? - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Der Film „Des Teufels General wird uraufgeführt“

Tragischer Held oder einer wie alle?

Am 23. Februar 1955 lief die Verfilmung von Carl Zuckmayers lebhaft diskutiertem Theatererfolg „Des Teufels General“ in den deutschen Kinos an. Die Hauptrolle spielte der damals 39jährige Curd Jürgens, Regie führte Helmut Käutner.

Seit der Züricher Uraufführung des Theaterstücks im Dezember 1946 hatten diverse namhafte Charakterdarsteller die ambivalente Figur des Fliegergenerals Harras auf deutschen Bühnen gegeben, Gustav Knuth, Martin Held und O. E. Hasse zum Beispiel. Und so waren die Feuilletonisten denn skeptisch, als Regisseur Helmut Käutner in seinem Film die Rolle Curd Jürgens gab, der einem breiten Publikum vor allem durch seine Auftritte in leichtgewichtigen Unterhaltungsfilmen sowie aus den Klatschkolumnen der Illustrierten bekannt war.

Der Protagonist des Zuckmayerschen Stücks – angelehnt an die Biographie des Luftwaffengene?rals Ernst Udet – ist Jagdflieger aus Leidenschaft, der einen Pakt mit dem Teufel eingeht und in Görings Luftwaffe eine glänzende Karriere macht. Die jüngeren Flieger sind ihm treu ergeben, und da er den Nazis mit abnehmendem Kriegsglück weiterhin unentbehrlich ist, kann er es sich sogar leisten, regimekritische Witze zu reißen und seine Verachtung für einen beschränkten „Kulturleiter“ aus dem Propaganda?ministerium offen zu zeigen. Als jedoch wiederholt defekte Flugzeuge die Produktion verlassen, für die Harras die Verantwortung trägt, gerät er unter Druck. Nach dem Absturz seines Freundes Eilers sucht er nach einem Saboteur und entdeckt ihn in seinem engsten Vertrauten, dem Chefingenieur Oderbruch. Der will dazu beitragen, daß der Wahnsinn des Krieges so schnell wie möglich zu Ende geht, und wirft Harras vor, durch sein Mitmachen den Tod von Millionen zu verschulden. Doch statt sich dem Widerstand anzuschließen, will der einsichtige Harras nun sühnen: „Wer auf Erden des Teufels General wurde und ihm die Bahn gebombt hat – der muß ihm auch in der Hölle Quartier machen.“ Mit seinem Flugzeug stürzt er sich in den Tod. Er deckt dadurch die Widerständler, kann aber nicht verhindern, daß das Regime seinen Absturz als Ausdruck von Pflichterfüllung ausgibt und mit einem Staatsbegräbnis vereinnahmt.

Käutner verteidigte seine Wahl von Curd Jürgens damit, daß er für den Harras einen Schauspieler ohne intellektuelle Ausstrahlung gesucht habe, einen, dem man den Draufgänger und Frauenhelden glaubte, „keinen Herrn“ und „keinen Helden“. Tatsächlich ist der General in der Ver?filmung oberflächlicher, häufiger betrunken, und seine neueste, zarte und – wie dem Zu?schauer suggeriert wird – erstmals „wahre“ Liebe zu der mädchenhaften Debütantin Diddo Geiss (Marianne Koch) wird viel breiter ausgespielt. Ein sinnenfroher Haudegen ist die Titelfigur auch in Zuckmayers Stück, doch zeigt Harras sich dort in den genregemäß viel längeren Dialogen zugleich als Literaturkenner, ist mit einem expressionistischen Künstler und einem amerikanischen Journalisten befreundet und bricht nicht nur gelegentlich in poetische Visionen und fünfhebige Jamben aus, sondern zeigt sich darüber hinaus intellektuell einer Erörterung des moralischen Konflikts gewachsen, in den er sich selbst manövriert hat. Trotz der Vorwürfe, die andere Figu-ren auf der Bühne gegen ihn erheben, erscheint der Theater-General in der Schlußapotheose eher wie ein antiker tragischer Held, der sich dem unausweichlichen Schicksal fügt, und nicht wie einer, der sich selber richtet, weil er Komplize eines verbrecherischen Regimes und Krieges geworden ist.

Das Drehbuch paßte den Stoff nicht allein an die anderen Gesetze des Mediums Film an, es sollte auch Schwächen des Stücks reparieren. Abgesehen von der Rollenvergabe an Jürgens lenkten Werbekampagne und Presse die Aufmerksamkeit vor allem auf die filmischen Veränderungen an zwei anderen Figuren: dem überzeugten Nazi und dem Saboteur. In Zuckmayers Stück ist Dr. Schmidt-Lausitz im Propagandaministerium für kulturelle Fragen bzw. Ideologieproduktion zuständig, ein vormals mediokrer Journalist, der durch die Machtübernahme nach oben gespült wurde und nebenbei als Gestapo-Spitzel tätig ist. Harras ahnt das, kalauert aber dennoch unbekümmert: „der lausige Schmidt, der Herr mit der deutschen Seele, der die Kultur vertritt, bis sie nicht mehr aufsteht“. Als Gestapo-Mitarbeiter hat Schmidt-Lausitz Anteil daran, daß wegen der defekten Flugzeuge eine Untersuchung gegen Harras anläuft, der General für zehn Tage eingesperrt wird und anschließend eine „Galgenfrist“ erhält, die Sache selbst aufzuklären. Am Ausgang des Dramas hat er jedoch wenig Anteil.

Anzeige

Ganz anders im Film. Da ist Schmidt-Lausitz hauptberuflicher SS-Mann mit dem Auftrag, den populären Flieger samt Luftwaffe für die SS zu gewinnen. Er trägt eine ebenso imposante Uniform wie Harras und hat in zahlreichen dramatisch ausgeleuchteten Konfrontationen Gelegenheit, funkelnde Blicke mit diesem zu wechseln. Als Film-Bösewicht sorgt er in konventioneller Plotmanier dafür, daß sich die Schlinge um den anderen, der dadurch um so mehr als „Guter“ erscheint, immer weiter zuzieht, bis er ihm am Ende eiskalt ein Schuldbekenntnis zur Unterschrift hinlegt – samt einer Pistole. Darüber hinaus rückt durch ihn der Terrorapparat ins Bild: Schmidt-Lausitz telefoniert mit Himmler, er ordnet Lauschangriffe, Beschattung und Verhaftung an und organisiert die psychologische Folter, mit der er Harras fast kleingekriegt hätte. Die Kritik lobte nach der Uraufführung, daß mit Schmidt-Lausitz ein ebenbürtiger Gegen?spieler für den Titelhelden gefunden worden sei. Schließlich hätte das NS-Regime „mit solchen Deppen“ wie dem Zuckmayerschen Kulturleiter den Krieg nicht so lange überdauert, glaubte etwa die „Abendpost“. Nur vereinzelt sah man gerade im neuen Schmidt-Lausitz eine Karikatur und verwies auf die unnötige Schlußpointe des Films, in der der SS-Mann nach Harras‘ effektvoll in Szene gesetztem Absturz ein ganzes Pistolenmagazin auf dessen Chefingenieur Oderbruch leerschießen läßt…

Dr. Ulrike Weckel

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

He|spe|ri|din  auch:  Hes|pe|ri|din  〈n. 11; Biochem.〉 Glykosid aus den Fruchtschalen unreifer Orangen, pharmakolog. in Venen– u. Grippemitteln verwendet ... mehr

fer|ro…, Fer|ro…  〈in Zus.; Chem.〉 1 Eisen(II)–Legierungen od. Verbindungen enthaltend, z. B. Ferrosulfat (Eisen(II)–Sulfat) 2 sich wie Eisen verhaltend ... mehr

Fin|ger|satz  〈m. 1u; Mus.〉 Bezeichnung des zweckmäßigen Verwendens der einzelnen Finger beim Spielen eines Musikinstrumentes ● Noten mit ~ versehen die Verwendung der einzelnen Finger mit Zahlen über od. unter den Noten bezeichnen ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige