Jerusalem von der Spätantike bis zur Gründung Isreals Unter fremder Herrschaft - wissenschaft.de
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Jerusalem von der Spätantike bis zur Gründung Isreals

Unter fremder Herrschaft

Jerusalem trägt schwer an der Last der Geschichte. Die heilige Stadt der drei monotheistischen Weltreligionen stand seit der Zeitenwende abwechselnd unter christlicher und muslimischer, nur selten unter jüdischer Herrschaft. Was bedeutete dies für die wenigen Juden, die dennoch blieben?

Große Teile Jerusalems wurden verwüstet, als eine gewaltige römische Übermacht im Jahre 70 den jüdischen Aufstand niederschlug und die Stadt einnahm. Ihr prächtiger Tempel wurde zerstört; die Einwohner wurden getötet, versklavt oder flohen. Die wenigen Juden, die in der Stadt geblieben waren, mußten Zwangsdienste leisten und hohe Abgaben zahlen; und sie mußten mit ansehen, wie römische Soldaten, Veteranen und fremde Siedler einzogen, um hier zu leben. Die jüdischen Kleinbauern wurden enteignet und zu Pächtern auf römischem Grund.

War Jerusalem bis dahin das alleinige religiöse und politische Zentrum des palästinischen Judentums gewesen, so entstand nun in Jabne, einer kleinen Stadt in der Küstenebene südlich von Jaffa, ein rabbinisches Lehrhaus unter der Leitung von ehemaligen Jerusalemer Priestern und schriftgelehrten Laien. Die rabbinischen Gelehrten zogen unter römischer Duldung bald Aufgaben der früher in Jerusalem angesiedelten jüdischen Selbstverwaltung an sich. In den Texten, die sie uns hinterließen und die für das spätere Judentum maßgebliche Geltung erlangten, ist von Jerusalem und seinem Tempel erstaunlich selten die Rede – vermutlich, weil man in Jabne das Studium des Gesetzes an die Stelle des Tempelopfers gesetzt hatte und diesem nun dieselbe religiöse Bedeutung beimaß.

Nur wenige Jahrzehnte nach der Zerstörung des Tempels flackerte in Jerusalem erneut gewaltsamer Widerstand gegen Rom auf. 133 stieß der Beschluß Kaiser Hadrians, auf den Trümmern der Stadt die römische Metropole Colonia Aelia Capitolina zu errichten, auf den Widerstand radikaler Kreise um Simon ben Koseba (Bar Kochba). Ein großer Teil der verarmten jüdischen Bevölkerung schloß sich ihnen an. Zum Zentrum des Aufstands wurde der römische Legionsstandort Jerusalem.

Nach anfänglichen Erfolgen der Aufrührer schlugen die Legionen Hadrians 135 die Erhebung blutig nieder. Juden durften fortan nicht mehr in Jerusalem wohnen: Ein kaiserliches Dekret verbot allen Beschnittenen bei Todesstrafe das Betreten der Stadt.

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Unter den Nachfolgern Hadrians entspannte sich die Lage. In der „Constitutio Antoniniana“ gewährte Kaiser Caracalla 212 allen Bewohnern der Provinz Palästina und damit auch allen dort lebenden Juden die römischen Bürgerrechte. Die ersten jüdischen Pilger kehrten zurück. Mit der Erhebung des Christentums zur staatlich privilegierten Religion durch Konstantin I. (325) und dem Beginn der christlichen Bautätigkeit in Jerusalem scheint das alte Dekret aber wieder Verwendung gefunden zu haben. Jüdische Pilger durften fortan nur noch an einem bestimmten Tag im Jahr auf dem Tempelplatz öffentlich trauern: eine bewußte Demütigung seitens der christlichen Machthaber, denn – so wird berichtet – die jüdischen Besucher mußten den römischen Wachen Geld zahlen, um auf dem Tempelplatz Tränen über die Zerstörung des Heiligtums vergießen zu dürfen.

362 unternahm der christliche Kaiser Julian I. „Apostata“ einen – machtpolitisch motivierten – Versuch, das Jerusalemer Heiligtum wieder aufzubauen. Die judenfeindliche Haltung der Kaiser setzte sich jedoch fort, nachdem Jerusalem Teil des oströmischen Reiches geworden war. Folgt man den christlichen Quellen, drängt sich der Eindruck auf, daß im christlich-byzantinischen Jerusalem überhaupt keine Juden mehr lebten. Erst Kaiserin Eudokia gestattete 437 anläßlich ihrer ersten Reise nach Jerusalem den Juden die Wiederansiedlung, doch nur eine geringe Anzahl jüdischer Familien machte hiervon Gebrauch. Die berühmte Mosaikkarte der Kirche von Madaba im Ostjordanland, die das byzantinische Jerusalem unter Justinian I. (527–565) darstellt, zeigt kein einziges jüdisches Bauwerk in der Stadt, die das Konzil von Chalcedon bereits 451 zum Patriarchat erhoben hatte.

Für kurze Zeit unterbrach zu Beginn des 7. Jahrhunderts der Sassanidenkönig Chosrau II. die christliche Herrschaft. Nach seinem siegreichen Zug durch Kleinasien und Syrien eroberte er 614 Jerusalem und übergab die Stadt den hier lebenden Juden. Diese vertrieben nun die verhaßten Unterdrücker und übernahmen ihre Kirchen. Nur drei Jahre später arrangierten sich die Perser jedoch mit der noch immer mehrheitlich christlichen Stadtbevölkerung und setzen die jüdischen Führer ab. Als der byzantinische Kaiser Herakleios 628 Jerusalem zurückeroberte, rächte er sich an den Juden, indem er sie vertreiben ließ und das alte Dekret Hadrians erneuerte.

Nach den Verfolgungen der byzantinischen Zeit feierten die wenigen in Jerusalem verbliebenen Juden 638 die Einnahme der Stadt durch die Araber als Befreiung. Zwar hatte Sophronius, der Patriarch von Jerusalem, bis zuletzt versucht, die Kapitulationsbedingungen so zu formulieren, daß Juden auch künftig nicht in der heiligen Stadt wohnen könnten, doch setzte sich der siegreiche Kalif Omar I. bald darüber hinweg. Er gestattete 70 jüdischen Familien, sich in einem eigenen Wohnviertel südwestlich vom Tempelberg niederzulassen. Nicht wenige von ihnen traten in den folgenden Jahrzehnten zum Islam über…

Dr. Michael Tilly

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