Jan Hus und das Konstanzer Konzil „Verlasset euch nicht auf die Fürsten“ - wissenschaft.de
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Jan Hus und das Konstanzer Konzil

„Verlasset euch nicht auf die Fürsten“

Obwohl ihm König Sigismund und die Konzilsväter bis zuletzt die Möglichkeit des Widerrufs offenhielten, blieb Johannes Hus standhaft: Er wollte weder widerrufen, was er gar nicht gesagt hatte, noch seine Überzeugungen verraten. Lieber ging er in den Tod.

Nach längeren Verhandlungen zwischen dem ungarischen und seit 1410 auch deutschen König Sigismund und Papst Johannes XXIII. war auf den 1. November 1414 ein Konzil nach Konstanz einberufen worden. Sein Ziel war ein dreifaches: erstens die Beendigung des PapstSchismas, zweitens die Sache des Glaubens (das betraf die böhmische Ketzerei), drittens die Kirchenreform. König Sigismund benötigte eine geschlossene Christenheit zur Unterstützung seines Kampfes gegen die Osmanen, die ihm 1396 eine vernichtende Niederlage bei Nikopolis beigebracht hatten. Auch erhoffte er sich für die Zeit nach dem Ableben seines viel älteren Halbbruders Wenzel die Herrschaft über Böhmen.

Der gefährliche Ketzervorwurf gegen dieses Land sollte endlich ausgeräumt werden. Deshalb forderte er Jan Hus auf, in Konstanz zu erscheinen, und versprach ihm freies Geleit. Wir wissen nicht, welche Motive Hus bewogen haben, darauf einzugehen. Hatte er das beschwerliche Leben auf dem Land satt, fürchtete er, nie mehr nach Prag zurückkehren zu können? Glaubte er, das Konzil von seiner Rechtgläubigkeit überzeugen zu können? Vertraute er dem Versprechen des Königs? Todesahnungen verdrängte er zunächst. Die Reise durch Deutschland in Begleitung zweier Ritter Sigismunds verlief zu seiner Überraschung angenehm, überall wurde er freundlich und neugierig aufgenommen, konnte mit Klerikern und Stadträten diskutieren. Die beiden Ritter wurden sogar zu seinen Freunden. Nach der Ankunft in Konstanz bezog Hus Quartier in einem Haus in der heutigen Husgasse bei der Witwe Fida. König Sigismund war noch nicht anwesend, er befand sich zur Krönung in Aachen.

Konstanz war damals eine mittelgroße Reichsstadt mit etwa 6000 Einwohnern. Das Konzil, das bis 1418 dauerte, war der größte Kongreß des Mittelalters und für die Stadt daher ein logistisches Problem. Der böhmische Chronist Lorenz von Brezová listet die Teilnehmerzahlen auf: 23 Kardinäle, 27 Erzbischöfe, 106 Bischöfe, 103 Äbte, 344 Doktoren und Magister der Uni?versitäten, 24 Ablaß-Schreiber, 28 Könige und weltliche Fürsten, 78 Grafen, 676 Ritter, 350 Kaufleute und ihr Gesinde, 220 Schuster mit Knechten, 88 Schmiede mit Knechten, 75 Schankwirte mit Knechten, 72 Geldwechsler aus Florenz, 336 Barbiere, 516 Pfeifer, Fanfarenbläser und Gaukler, 718 Dirnen…

Zwar wurde der Kirchenbann über Hus aufgehoben, da er nun anwesend war, aber es waren ihm nur wenige ruhige Wochen beschieden. Dann wurde er unter dem Vorwand eines Gesprächs mit den Kardinälen gerufen und, trotz heftigen Widerstands der königlichen Ritter, festgenommen. Stefan Paletsch und Michael de Causis, seine heftigsten böhmischen Gegner, hüpften vor Freude herum: „Haha, jetzt haben wir ihn! Er wird uns nicht mehr entrinnen.“ Im Dominikanerkloster wurde Hus in einen finsteren Kerker, neben einer Kloake, gesperrt. Dort erkrankte er bald, bekam hohes Fieber; schon fürchtete man um sein Leben. Ritter Johannes Chlum benachrichtigte den König von der Gefangennahme des Magisters. Voller Zorn erklärte Sigismund daraufhin, er werde Hus befreien, und wenn er persönlich die Türen des Kerkers aufbrechen müßte. Mit Spannung erwartete man seine Ankunft. Es war spät an Heiligabend 1414, als der König mit einem großen Troß auf Schiffen von Überlingen kommend in Konstanz eintraf.

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Später, 1416, erklärte Sigismund in einem Brief dem böhmischen Adel, er habe in Konstanz sofort die Freilassung von Hus gefordert, mit den Kardinälen, die auf dem Rechtsgang beharrten, viel gestritten und erst dann aufgegeben, als das Konzil selbst deswegen zu scheitern drohte. Die Darstellung mag übertrieben sein, doch ist sie im Kern wohl richtig. Auch der Konstanzer Chronist Ulrich Richental meinte, daß Sigismund die Schande des Geleitbruchs nicht habe auf sich nehmen wollen. Die Gelehrten aber hätten ihm erklärt, daß es für einen Ketzer kein freies Geleit geben könne, „und do er iren ernst hertt, do ließ er es gut sin“ (da er ihren Ernst hörte, ließ er es gut sein).

Zweifellos brach Sigismund sein Geleitsversprechen, obwohl er es nicht von Anfang an so geplant hatte, wie Hus und seine Anhänger später glaubten. Schon im Januar 1415 erklärte der König in einer Versammlung im Konstanzer Rathaus, die „Sache Hus und andere Kleinigkeiten“ sollten die Reform von Kirche und Reich nicht behindern, weswegen das Konzil einberufen sei.

Der fundamentale Unterschied in den Auffassungen beider Seiten erklärt die weiteren Ereignisse. Hus glaubte mit einer gewissen Naivität, mit dem Konzil wie an der Universität disputieren und seine Rechtgläubigkeit beweisen zu können, die Konzilsjuristen aber wollten nur den an der Kurie schon begonnenen Prozeß zu Ende bringen. Dafür wurde eine Kommission eingesetzt. Der Prozeßverlauf ist nicht restlos aufzuklären, da die Protokolle nicht erhalten sind.

Wie hat Hus seine Gefangennahme aufgenommen? Sah er jetzt seine düsteren Vorahnungen bestätigt? Nahm er die Ereignisse gottergeben hin? Nur bruchstückhaft erfuhr er etwas von den Vorgängen in der Stadt, seine böhmischen Freunde konnten ihn zunächst nicht besuchen. Bald aber hatte er freundliche Beziehungen zu seinen Wächtern aufgenommen, und einer von ihnen schmuggelte seine Briefe nach außen und brachte ihm Antworten. Als er wieder genesen war – der König war schon in der Stadt und seine Hoffnung wieder gewachsen –, bat er den Ritter Chlum, ihm eine Bibel, Tinte und Federn zu besorgen. Den König beschwor er, ihn zu befreien. Auf die Anklageartikel seines früheren Freundes Paletsch, der auf seine Verdammung hinarbeitete, verfaßte er Antworten. ..

Dr. Peter Hilsch

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