Der Beschwörungsring von Paußnitz Verneine mich, Christus - wissenschaft.de
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Der Beschwörungsring von Paußnitz

Verneine mich, Christus

Ein geheimnisvoller, schon vor über 100 Jahren gefundener Fingerring wurde jetzt von Forschern unterschiedlichster Fachrichtungen untersucht. Das Ergebnis: Die geheimnisvollen Zeichen zeugen von religiös inspirierter Selbstverleugnung. Zierte der Ring einst den Finger eines Kreuzritters?

Im Februar 1898 kam im sächsischen Dörfchen Paußnitz auf dem stattlichen Gehöft Emil Schreibers ein mysteriöser Fingerring zum Vorschein, dessen Bedeutung lange Zeit nicht erkannt wurde und der auch nach seiner Entdeckung ein bewegtes Schicksal hatte. Der Gutsbesitzer selbst war es, der das silberne Kleinod beim Ausheben eines Baumstumpfes in seinem Garten gefunden hatte. Der zwölfeckige Ring lag zusammen mit mehreren hundert Silbermünzen in einem vergrabenen Keramiktöpfchen. Der Ring – fünf Millimeter breit, 19 Millimeter im inneren Durchmesser und 5,2 Gramm schwer – ist aufgrund der auf seiner Außenseite umlaufenden Inschrift das bedeutsamste Objekt des gesamten Schatzes.

Allerdings gibt die Gravur ihren Inhalt nicht auf den ersten Blick preis, so daß der wirkliche Wert dieses Fundstücks zunächst nicht zu ermessen war. Jedoch hebt die verschlüsselte Inschrift den Ring auch schon für den unbedarften Betrachter über den rein dekorativen Körperschmuck hinaus.

Der unverhofft auf den Schatz stoßende Großbauer hatte verständlicherweise nicht auf Spuren geachtet, die Hinweise gegeben hätten, von wem und unter welchen Umständen dieser Schatz einst vergraben worden ist. Er machte aber seine Entdeckung umgehend publik, wobei er auch Experten historischer Disziplinen um die Begutachtung seines Fundes bat. Schnell ließen sich die Münzen als Brakteaten (einseitig geprägte mittelalterliche Münzen) der Zeit um 1150 bestimmen, darunter Prägungen aus der Markgrafschaft Meißen und dem Bistum Naumburg. Auch das Schatzgefäß verriet aufgrund seiner Machart, daß hier ein hochmittelalterlicher Fundkomplex vorlag.

Die Bewertung des Ringes war hingegen nicht so einfach. Seine Inschrift besteht aus zehn Buchstaben, einem Zweigsymbol und einem Krückenkreuz (Kreuz mit Querbalken an den Enden). Ihre Bedeutung erschließt sich nur dem Eingeweihten. Die einzelnen Zeichen sind zwar erkennbar, aber sie ergeben bei einfacher Anein-anderreihung kein sinnvolles Wort. Auch als mutmaßlicher Abkürzungscode lassen sich die Zeichen zu keinem der gebräuchlichen Segenssprüche und zu keiner der gebräuchlichen Beschwörungsformeln oder Titulaturen zusammensetzen. Vordergründig bleibt zudem unklar, in welcher Sprache die Inschrift verfaßt ist. Zunächst blieb nur festzustellen, daß der kleine Fingerreif mit einer mittelalterlichen Gruppe von Ringen zu vergleichen ist, mit denen die jeweiligen Inhaber ihrer Umwelt und häufig auch den übernatürlichen Mächten in mehr oder weniger verschlüsselter Form Botschaften signalisierten. Derartige „redende“ Ringe drücken zum Beispiel Ansprüche, Wünsche, Gefühle oder Versprechen aus.

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Die rätselhafte Inschrift wurde zunächst nicht entziffert. Derweil beabsichtigte der Finder des Schatzes, seinen Besitz zu Geld zu machen. Rasch waren Münzhändler, Sammler und Museumsfachleute zur Stelle und wetteiferten darum, wenn schon nicht den ganzen Schatz, so doch wenigstens Teile davon zu erstehen. Auch das Provinzialmuseum in Halle (Saale) – das heutige Landesmuseum für Vorgeschichte – bemühte sich um den Erwerb, befand sich der Fundort doch auf seinem „Hoheitsgebiet“ in der preußischen Provinz Sachsen.

Binnen kürzester Zeit war der Schatz an verschiedene Interessenten veräußert und in alle Winde verstreut. Nur den Ring wollte der Finder als Erinnerung behalten. Aber gerade um dieses symbolträchtige Objekt stritten sich das Hallenser Provinzialmuseum und das Münzkabinett Dresden hartnäckig aus „wissenschaftlichem und vaterländischem Interesse“. Schließlich gelangten nach zähen Verhandlungen der Ring sowie sieben Münzen und das Schatzgefäß am 1. April 1898 nach Halle. Dort inventarisierte man den gesamten Ankauf aufgrund seiner Zusammensetzung in der Münzsammlung, weshalb der Ring auch nicht im archäologischen Hauptverzeichnis erwähnt ist. So geriet der geheimnisvolle Ring zeitweilig aus der Wahrnehmung, bisweilen suchte man ihn vergebens, sogar als Verlust wurde er schon gemeldet. Doch er lag immer noch im wenig frequentierten Münztresor, versteckt unter Tausenden von Geldstücken. Erst bei einer Sichtung der Museumsbestände im Zuge einer Jubiläumsausstellung kam der Ring 2001 wieder in den Sichtkreis. Nun wurde er umgehend nochmals untersucht, dieses Mal auch fachübergreifend. Beteiligt waren Archäologie, Epigraphik, Linguistik und Theologie – alle vereint, um das Geheimnis seiner Botschaft zu lüften.

Dr. Arnold Muhl

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