Jan Hus – ein Porträt „Verteidige die Wahrheit bis zum Tode“ - wissenschaft.de
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Jan Hus – ein Porträt

„Verteidige die Wahrheit bis zum Tode“

Predigen, das war die Lebensaufgabe von Jan Hus: den Menschen das Wort Gottes bringen, die Kirche reformieren und mit dem eigenen Leben Vorbild sein. Doch je radikaler seine Thesen wurden, je mehr er gegen eine zunehmend unglaubwürdige Amtskirche wetterte, um so mehr Feinde machte sich der böhmische Magister. Verbittert mußte er feststellen, daß selbst engste Freunde von ihm abfielen.

Für die katholische Kirche blieb Johannes Hus bis in das 20. Jahrhundert ein Ketzer, von den Protestanten wurde er seit Martin Luther als evangelischer Märtyrer betrachtet, von den Liberalen und Aufklärern des 18. und 19. Jahrhunderts als bewunderter Vorkämpfer der Geistesfreiheit. In der nationalen Konzeption des großen tschechischen Historikers Frantisek Palacky (1798–1876) wurde Hus zum national-religiösen Vorkämpfer des Volkes gegen die Deutschen, aber auch zum fortschrittlichen demokratischen Kämpfer gegen die konservativen Mächte Kirche und Kaisertum.

Jan (deutsch Johannes) wurde um 1370 in dem südböhmischen Dorf Husinec geboren. Seine Eltern waren bescheidene Leute. Über seinen Vater wissen wir nichts, seine fromme Mutter hatte ihn für die Priesterlaufbahn bestimmt. Deswegen schickte sie ihn in die Lateinschule des nahe gelegenen Städtchens Prachatitz. Die Priesterlaufbahn war eine Möglichkeit des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs. „Als Schüler“, so Hus später, „hatte ich vor, bald Priester zu werden, um eine gute Wohnung und Kleidung zu haben und von den Menschen geschätzt zu werden“, dann fügte er freilich hinzu: „Aber dieses böse Begehren erkannte ich, sobald ich die Schrift verstanden hatte“. In Prachatitz lernte er Christian von Prachatitz kennen, der an der Prager Universität Magister war und seinen Landsmann wohl 1390 dorthin mitnahm. An der dortigen Universität spielt das erste Kapitel des Dramas.

Die Prager Hochschule war von Kaiser Karl IV. 1348 als erste Universität im römisch-deutschen Reich nördlich der Alpen gegründet worden und zur Zeit Hus’ bereits eine vielbesuchte berühmte Bildungsinstitu-tion. Prag war damals eine der größten Städte des Reichs mit 40000 bis 50000 Einwohnern. Dort regierte zu dieser Zeit der böhmische und zugleich deutsche König Wenzel, der Sohn Karls IV. Die Prager Altstadt wurde von den Deutschen dominiert, die Neustadt war überwiegend tschechisch. Das tschechische Element aber war in dieser Zeit auf dem Vormarsch.

Wie alle anderen Studenten begann Hus mit dem Grundstudium in den sogenannten sieben freien Künsten. Er litt als Student Not. Als armer Scholar, wie er später einmal bemerkte, habe er sich aus Brot einen Löffel gemacht, Erbsen damit gegessen und dann noch den Löffel verzehrt.

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Die Universität Prag war wie ihr Vorbild Paris in vier „Universitätsnationen“ gegliedert: die bayerische, die sächsische, die polnische und die böhmische. Das waren zunächst keine nationalen Einteilungen im heutigen Sinn, sondern eher landsmannschaftliche Zusammenschlüsse von Magistern und Studenten. Wer von Westen nach Prag kam, also auch die Schwaben oder Rheinländer, gehörte zur bayerischen Nation. Hus gehörte zur böhmischen Nation, die aus Tschechen, aber auch aus Deutschböhmen und Ungarn bestand. Die drei anderen Nationen bestanden überwiegend aus Deutschen.

Bereits vor Hus hatte es zwischen den Nationen heftigen Streit um die Pfründen („Planstellen“) in den Kollegien gegeben. Es sei nicht einzusehen, so klagte die böhmische Nation vor dem Erzbischof, der zugleich Kanzler der Universität war, daß böhmische Landesmittel überwiegend für nicht-böhmische Magister ausgegeben würden. Es gab zu viele böhmi?sche Magister, die eine Stelle suchten! Einen zweiten Streit dieser Art hat Hus wohl schon miterlebt. Die böhmische Nation begann dabei zunehmend national und fremdenfeindlich zu argumentieren. Die Tschechen, die nur ein Fünftel aller Universitätsangehörigen ausmachten, waren das offensive Element, und Hus wurde schnell in diese Frontstellung mit einbezogen. Er hatte wohl eine Stelle als Famulus (Gehilfe) im Karlskolleg, dem Zentrum der Universität, gefunden und dort die böhmischen Magister näher kennengelernt.

Dieser Streit hatte nichts mit Kirchenkritik oder -reform zu tun. Es waren zunächst eher deutsche Magister wie Heinrich Totting, Matthäus von Krakau oder Heinrich von Bitterfeld, die in Prag als Kirchenkritiker auftraten. Sie kritisierten den Ablaßhandel, die Unwürdigkeit der Priester oder die Skandale an der römischen Kurie. Hus dagegen ließ sich in dieser Zeit noch von den Ablaßpredigern beeindrucken und investierte seine letzten vier Groschen in Ablaßbriefe.

1393 bestand Hus die Prüfung zum Bakkalaureus, dem ersten akademischen Ausbildungsgrad. Eine Erkrankung hatte die Prüfung verzögert. Drei Jahre später legte Hus die Magisterprüfung ab. Nun mußte er von den kümmerlichen Kolleggeldern eines Universitätslehrers leben; denn zur Lehrtätigkeit war er verpflichtet. Zur gleichen Zeit begann er aber auch, Theologie zu studieren. Hus war offensichtlich gern Lehrer, und es gibt Zeugnisse für sein gutes Verhältnis zu seinen Studenten. Seine frühen theologischen Schriften un?terschieden sich inhaltlich in nichts von jenen seiner Kollegen.

Inzwischen hatten die jüngeren böhmischen Magister eine Möglichkeit gefunden, sich durch eine eigene philosophisch-theologische Position von den bis dahin übermächtigen deutschen Magistern abzusetzen. Sie fanden sie bei dem englischen Kirchenkritiker John Wyclif. Es gab Kontakte nach England, weil Anna, die Schwester König Wenzels, mit dem englischen König Richard II. verheiratet war. Der bedeutende Theologe Wyclif war Professor in Oxford; er kam allmählich zu immer radikaleren Positionen. Die Christen teilte er in zwei Gruppen: die von Gott zum Heil Vorherbestimmten und die von Gott von vornherein Verdammten. Niemand, so Wyclif, wisse zu Lebzeiten, zu welcher Gruppe er gehörte. Auch der Papst konnte also ein Verdammter sein! Unter Kirche verstand Wyclif demnach nicht die real existierende römische Kirche, sondern die Gemeinschaft der zum Heil Vorherbestimmten; ihr Haupt war Christus und nicht der Papst. Außerdem polemisierte Wyclif wie viele andere Kritiker gegen den moralischen Verfall des Klerus und meinte, daß eine völlig verrottete Kirche notfalls durch den König enteignet werden müßte!

Das konnte die Kirche nicht akzeptieren; Wyclif wurde zwar von Angehörigen der königlichen Familie eine Zeitlang geschützt, mußte dann aber doch Oxford verlassen und sich in die Pfarrei Lutterworth zurückziehen, wo er bis zu seinem Tod (1384) immer radikalere Schriften verfaßte. Inzwischen aber waren einige seiner Thesen 1382 von einer Londoner Synode schon als häretisch (ketzerisch) verurteilt worden. Die jüngeren böhmischen Magister waren von Wyclifs Schriften begeistert, Hus fand darin seine Wahrheit, von der er nie lassen wollte. „Gott gebe dir, Wyclif, das himmlische Königreich“, schrieb er an den Rand einer Handschrift. Hus übernahm Wyclifs philosophische Vorstellungen, aber auch viele seiner 45 theologischen Thesen. Zunächst obsiegten noch die Gegner Wyclifs. So wurde 1403 beschlossen, daß Studenten bestimmte Wyclif-Schriften nicht besitzen dürften, ganz verboten wurde die Beschäftigung damit aber nicht. Die führenden Wyclif-Anhänger waren der kluge Theologe Magister Stanislaus von Znaim, Hus’ Lehrer, und sein Studienfreund Stefan Paletsch.

Dr. Peter Hilsch

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