Der Untergang des Hauses Cenci Vom Geiz als Wurzel allen Übels - wissenschaft.de
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Der Untergang des Hauses Cenci

Vom Geiz als Wurzel allen Übels

Reichtum allein genügte im Rom des 16. Jahrhunderts längst nicht, um in der Oberschicht akzeptiert zu sein. Diese Erfahrung machten die Cenci, deren gewalttätiges und geiziges Oberhaupt seine ganze Familie in den Untergang trieb. Niemand hielt schützend seine Hand üer ihn – weil er es versäumt hatte, die gesellschaftlichen Verbindungen zu knüpfen, die dafür unerläßlich waren.

Am Ende stand das Schafott. Halb Rom war auf den Beinen, als es am 11. September 1599 zu einer spektakulären Hinrichtung auf dem Campo de‘ Fiori kam. Die Delinquenten, Mutter, Sohn und Tochter, gehörten einer vornehmen Familie der stadtrömischen Aristokratie an, dem Hause Cenci, seit Jahrhunderten in der Oberschicht der Ewigen Stadt etabliert. Das machte die Szene aufregend genug. Zusätzlichen Reiz gewann sie durch die Gestalt der Tochter; denn Beatrice Cenci, zum Zeitpunkt ihres Todes gerade einmal 22 Jahre alt, war ungewöhnlich liebreizend. Und so verwundert es nicht, daß ihre Person und ihr früher Tod im Lauf der Jahrhunderte zum Mythos wurden. Stendhal widmete ihr seine Erzählung „Der Liebestrank“, zahllose historische Studien beschäftigten sich schon im 18. und 19. Jahrhundert mit ihrem kurzen Leben, in Bildern des Historismus wurden Haft und Hinrichtung dramatisch ausgemalt, selbst Filme nahmen sich des Sujets an. Der Tod der schönen Sünderin regte die Phantasie der Nachgeborenen vor allem deshalb an, weil er ihnen als ungerecht, als geradezu klassisches Beispiel einer bösartig-parteiischen Justiz galt.

Was war Beatrice Cenci, ihrem Bruder Giacomo und der Stiefmutter vorgeworfen worden? Sie hatten, so die Anklage, sich gegen das Leben ihres Mannes beziehungsweise Vaters verschworen, jenes Francesco Cenci, der am 9. September 1598 gewaltsam zu Tode gekommen war, und zwar in Petrella Salto, einem in der Abgeschiedenheit der Abruzzen gelegenen Landsitz der Familie, an dem das tyrannische Familienoberhaupt seine Angehörigen seit längerem eingesperrt hielt. Die Vorgeschichte dieses Mordes wurde vor Gericht in allen Einzelheiten aufgerollt, und die pikanten bis widerlichen Details über die Vorgänge im Hause Cenci, die dabei ans Licht kamen, trugen ebenfalls dazu bei, das Interesse am Schicksal der Beatrice Cenci über die Zeiten wachzuhalten.

Uns wird es im Folgenden weniger darum gehen, den Blick auf die Geschehnisse in den Wohn- und Schlafzimmern der Familie zu richten, obwohl auch von den Ereignissen dort die Rede sein muß, sondern vielmehr auf die prachtvollen Räumlichkeiten, in denen die römische Oberschicht jene Gespräche führte und Feste feierte, die zu allen Zeiten den Zusammenhalt der herrschenden Elite festigten und in ihren freundlichen oder feindlichen Koalitionen stets aufs neue aushandelten. Mit anderen Worten, wir wollen der Frage nachgehen, warum die Familie in jene gesellschaftliche Isolation geriet, die allein ihren Untergang zu erklären vermag. Denn wie zu allen Zeiten traf auch im Rom des 16. und 17. Jahrhunderts die volle Härte des Gesetzes nur denjenigen, der nicht über einflußreiche Freunde verfügte; und ihrer traditionellen gesellschaftlichen Stellung nach hätten die Cenci über eine Vielzahl gewichtiger Fürsprecher in den politisch tonangebenden Zirkeln der Kurie verfügen müssen. Offensichtlich waren sie ihnen abhanden gekommen. Warum?

Um diese Frage zu klären, müssen wir die spektakuläre Richtstätte des Herbstes 1599 für einen Augenblick verlassen und uns dem Großvater der schönen Beatrice widmen, jenem Cristofero Cenci, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine eindrucksvolle Karriere an der Kurie absolvierte. Bis zu dem Zeitpunkt, da er die gesellschaftliche Bühne betrat, hatten die Cenci zu den angesehensten Familien des römischen Stadtadels gehört, ohne sich freilich, was die wirtschaftlichen Ressourcen und den politischen Einfluß betraf, mit der Crème de la crème der Ge?sellschaft, den alten Baronal- und neuen Papstfamilien, messen zu können. Cristofero Cenci jedoch gelang es als tesoriere generale, Generalschatzmeister, unter Paul IV. Carafa (1555–1559) und Pius IV. de’ Medici (1559–1565), ein Jahreseinkommen von sagenhaften 60000 Scudi zu erreichen. Die Tatsache, daß er unter zwei aufeinanderfolgenden Päpsten den so wichtigen und finanziell einträglichen Schatzmeisterposten bekleidete, spricht im übrigen über sein wirtschaftliches Geschick hinaus für diplomatisches Talent, denn normalerweise wurden in Rom bei jedem Pontifikatswechsel die politischen Schlüsselpositionen neu besetzt, in den beiden hier genannten Fällen sogar in besonderem Maße. Dieweil Cristofero Cenci ein beträchtliches Vermögen ansammelte, lebte er standesgemäß. Er investierte in kostspielige Kunstwerke, um seinen wachsenden Status den Zeitgenossen vor Augen zu führen. Zwar heiratete er nicht – er hatte die niederen Weihen erhalten –, doch aus der Beziehung mit seiner langjährigen Geliebten Beatrice Arrias ging im Jahr 1549 ein Sohn hervor, ebenjener Francesco, der 1598 ermordet wurde.

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Im Rom der katholischen Reformära galten eine solche außereheliche Beziehung und der aus ihr resultierende Nachwuchs zwar keineswegs als skandalös; allerdings hatten sich die Moralvorstellungen im Vergleich zum noch vorreformatorischen Beginn des Jahrhunderts doch ein wenig verschärft. Man tat daher gut daran, Zurückhaltung zu üben. Der Status eines illegitimen Kindes mußte zwar nicht, konnte aber in bestimmten Situationen durchaus Probleme schaffen.

Dr. Arne Karsten

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