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Alltag in mittelalterlichen Kirchen

Vom Verkaufsmagazin zum Haus Gottes

Die antike Basilika wurde zum großen Vorbild des christlichen Kirchenbaus. Doch die Kontinuität beschränkte sich nicht auf die Architektur. Die mittelalterliche Kirche war nicht nur Gotteshaus: Auch Gericht und Markt hielten Einzug – und menschliche Eitelkeit.

Von der vielbesuchten Piazza della Signoria in Florenz zweigt die Via Calzaioli ab, die zu dem schlanken und in die Höhe strebenden Gebäude mit dem merkwürdigen Namen Orsanmichele führt. Was man auf den ersten Blick nicht glauben mag, bestätigt der Name: Es handelt sich hier um eine Kirche, allerdings der ganz besonderen Art. Das „Or“ verweist entweder auf orto, was mit Garten zu übersetzen ist, oder auf ein altes Oratorium, das an dieser Stelle, möglicherweise in einem Garten, für das 8. Jahrhundert überliefert ist. Doch als Sakralbau ist diese Kirche so, wie wir sie heute sehen, nicht erbaut worden, sondern im Jahr 1285 als Getreidehalle. Diese brannte kurze Zeit später ab und wurde unverzüglich in den heutigen Dimensionen neu errichtet. Über der Verkaufshalle im Erdgeschoss erhebt sich die geräumige Lagerhalle für das Getreide. Noch heute kann man in der nordwestlichen Bogenlaibung die Öffnungen der Schächte sehen, durch die das Getreide nach unten in die Fässer geleitet wurde.

Wie lässt sich diese einzigartige Kombination von Verkaufsmagazin und Sakralraum erklären?

Ein Gnadenbild soll der Überlieferung zufolge an einem Pfeiler Ende des 13. Jahrhunderts Wunder gewirkt haben. Neben der Kundschaft kamen auch viele Gläubige eigens wegen des wundertätigen Bildes in die Halle, die sich nach und nach in eine Andachtsstätte wandelte. Schließlich wurde die Halle geweiht und bald ausschließlich als Kirche genutzt. Die eigentümliche Kombination von Kommerz und Gottesdienst ist zurückzuführen auf die frühchristliche Basilika, die antike Königshalle, die ursprünglich für Marktzwecke vorgesehen war. Gelegentlich wurde sie auch als Gerichtshalle benutzt.

Mit Kaiser Konstantins siegreicher Schlacht an der Milvischen Brücke im Rom des Jahres 312 und dem anschließenden Mailänder Toleranzedikt von 313 sowie der Erhebung zur Staatsreligion im Jahr 391 breitete sich das Christentum rasch aus. Man benötigte weite Räume und griff auf den Bautypus der konstantinischen Basilika zurück. Sie zeichnete sich durch niedrige Seitenschiffe und ein hohes Mittelschiff mit einem abschließenden östlichen Chor aus und avancierte zum Haupttypus des christlichen Sakralbaus.

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Mit dem Aufleben christlicher Gemeinden verlor die antike Bildung keineswegs an Bedeutung. Ganz im Gegenteil: Kirchenväter und Klostergründer rühmten bestimmte Aspekte der heidnischen Kultur, um den Menschen Gelegenheit zu geben, ihren sozialen und kulturellen Lebensbereich umzugestalten und den Erfordernissen des neuen Glaubens anzupassen. In der antiken Markthalle hatten unter anderem Erntedankfeiern stattgefunden, die von den Christen übernommen und mit eigenen Riten versehen wurden. Dabei spielte die Prozession eine besondere Rolle, die durch Städte oder Dörfer geführt wurde und in der Kirche vor dem Altar endete…

Literatur: Ehrenfried Kluckert, Chorgebet und Handelsmesse. Vom Alltag in den gotischen Kathedralen, Freiburg im Breisgau 2006.

Dr. Ehrenfried Kluckert

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