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Die phönikisch-punische Mittelmeerwelt vor Hannibal

Von Tyros nach Karthago

Die Kaufleute der Stadt Tyros würden wie Fürsten auftreten, staunte schon der Prophet Jesaja. Wie die Hansestädte des europäischen Mittelalters waren die eisenzeitlichen Levante-Städte vor allem politische Interessenvertretungenihrer Kaufmannschaften. Erst Karthago versuchte die wirtschaftliche Vorherrschaft auch politischund militärisch abzusichern.

Klio, die Muse der Geschichte, meinte es nicht gut mit den Phönikern. Vom einstmals reichen Bestand phönikischer und punischer Literatur ist praktisch nichts mehr überliefert. Anders als ihre bronzezeitlichen Vorfahren schrieben die Phöniker nicht auf Ton, sondern auf vergänglichem Material, und kein trockenes Wüstenklima konservierte – wie in Ägypten – Schriftrollen aus Papyrus oder Pergament. Uns bleibt deshalb keine andere Wahl, als die Phöniker und ihre nordafrikanischen Stammverwandten, die Karthager, mit den Augen von Griechen und Römern zu sehen – jenen Griechen und Römern, die erst von ihnen elementare Kulturtechniken wie das Alphabet empfingen, dann zum phönikischen Fernhandel in Konkurrenz traten und schließlich nach drei blutigen Kriegen das mächtige Karthago vom Erdboden tilgten. Ein wertfreies Urteil, sine ira et studio, wird man von griechischen und römischen Autoren nach alledem nicht erwarten dürfen.

Doch nicht nur die Überlieferungssituation erschwert den historischen Brückenschlag zu den Phönikern. 200 Jahre einer verwickelten Forschungsgeschichte machen uns die levantinischen Handelsherren noch fremder, als sie ohnehin schon sind. Der Altphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff führte die Phöniker unter den „seit Jahrhunderten faulenden Völkern und Staaten der Semiten“. Er stand mit seinem Verdikt nicht allein. Einer am klassischen Kanon orientierten Altertumswissenschaft, die sich obendrein noch in wachsendem Maß den „rassischen“ Denkkategorien des Zeitgeists beugte, waren die semitischsprachigen Völker des östlichen und südlichen Mittelmeerraums im günstigsten Fall „Randkulturen“ – im ungünstigsten waren sie, in den Worten des Wiener Althistorikers Fritz Schachermeyr, „Rassefremde“, welche die „indogermanische Antike“ mit „Entnordung“ und „Subversion“ bedrohten.

Will man zurück zu den Phönikern der eisenzeitlichen Levante und ihren Erben, den Karthagern, so muß man sich eine Bresche schlagen durchs Dickicht moderner Mutmaßungen und antiker Vorurteile. Man muß mit Bedacht an die Texte herangehen, die uns die Phöniker aus der Außenperspektive ihrer Nachbarn schildern, neben den Homerischen Epen vor allem einige Bücher des Alten Testaments und literarische Zeugnisse aus Ägypten. Sie alle werfen ihre eigenen Probleme auf. Vor allem sind sie, auch wenn sie sich mitunter so geben, keine historiographischen Berichte. Nicht weniger Behutsamkeit erfordern die archäologischen Zeugnisse. Auch sie sind dünn gesät. Die Städte des phönikischen Mutterlands sind, in Antike, Mittelalter und Moderne, hundertfach überbaut worden. Bis heute sind die libanesischen Städte Tripolis, Byblos, Sidon und Tyros bedeutende Zentren, Beirut ist eine Millionenstadt. So hat nur weniges aus der Eisenzeit, die in der Levante von etwa 1200 bis um 600 v. Chr. währte, überdauert. Die bedeutendsten materiellen Überbleibsel sind der Eschmun-Tempel in Sidon und die Handwer-kerstadt Sarepta im südlichen Libanon, die immerhin Aufschluß über phönikisches Gewerbe gibt.

Besser ist die Situation in den westlichen Mittelmeerrandgebieten, die Phöniker und Karthager auf ihrer kolonialen Expansion erschlossen. Karthago selbst, eine Kolonie von Tyros, verschwand, als Scipio Aemilianus die Stadt am Ende des dritten Punischen Krieges eroberte und zerstörte, unter einer dicken Ascheschicht (146 v. Chr.). Im Zuge der römischen Neugründung des 1. Jahrhunderts v. Chr. wurden weite Teile der Ruinenlandschaft eingeebnet. Dennoch konnten Grabungen manches vom punischen Karthago zutage fördern: neben Keramik und Gegenständen aus Metall vor allem die punischen Nekropolen mit ihren zu Tausenden zählenden In?schriften, die Hafenanlagen und eine Anzahl von Tempeln, darunter das den karthagischen Hauptgöttern Baal Hammon und Tanit geweihte Tofet.

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Für die Erforschung der phönikisch-punischen Welt wichtiger noch als die Überreste Karthagos sind andere Zentren der phönikischen Expansion: in Tunesien und Marokko, Spanien, auf Sardinien und Sizilien. In Kerkouane an der Küste Tunesiens hat sich eine punische Stadt mit ihren Wohn- und Handwerkervierteln, ihren Heiligtümern und Gräbern so gut erhalten, daß ihr eine Fülle von Informationen zu Alltagsleben, Wirtschaft und Gesellschaft Nordafrikas unter karthagischer Hegemonie zu entnehmen ist. Die kleine Insel Mozia vor der Westküste Siziliens hat mit sensationellen Funden aufzuwarten, darunter die Statue des „Jünglings von Mozia“, die einen Angehörigen der lokalen Jeunesse dorée zeigt, aber sicher aus der Werkstatt eines griechischen Bildhauers stammt. In der Statue gewinnt das oft spannungsreiche, kulturell aber durchaus fruchtbare Nebeneinander von Puniern, Griechen und Einheimischen auf der Mittelmeerinsel Gestalt.

Dr. Michael Sommer

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