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Leonidas und die Schlacht an den Thermopylen

„Wanderer, kommst du nach Sparta…“

Die Reihe der großen militärgeschichtlichen Gestalten wird im allgemeinen aus Siegern gebildet, meist sogar aus mehrfachen oder vielfachen Siegern. Leonidas, der König von Sparta, ist eine Ausnahme: In der einzigen Schlacht, die er geschlagen hat, erlitt er eine verheerende Niederlage und verlor zusammen mit seinen Mitkämpfern das Leben.

Ob Leonidas und die Schlacht an den Thermopylen genauso berühmt wären, wenn die Spartaner und die anderen Griechen den gesamten Verteidigungskrieg gegen das Perserreich des Xerxes verloren hätten, muß man bezweifeln. So aber haben sie nach der Auftaktniederlage 480 v.Chr. an den Thermopylen und nach einem unentschiedenen Seegefecht am Kap Artemision die entscheidenden Schlachten gewonnen: die Seeschlacht bei Salamis noch im Jahr 480 mit der Strategie des Atheners Themistokles, und die Landschlacht bei Plataiai im folgenden Jahr (479 v.Chr.) unter dem Kommando des Spartaners Pausanias, der für den noch unmündigen Sohn des Leonidas die Regentschaft führte. Danach rückten die Perser ab und gaben die Unterwerfung Griechenlands endgültig auf. Letztlich gehörte Leonidas also doch zu den Siegern. Und die griechischen Sieger beeilten sich, ihren Erfolg zu feiern und ideologisch zu überhöhen. Damit begann auch der Mythos von Leonidas, dem „Helden der Thermopylen“, der bis heute einen festen Platz in unserem Geschichtsbild hat.

Die erste spezifische Ehrung und gleichzeitig Verehrung der Thermopylen-Kämpfer besteht in einer Inschrift auf die gefallenen Spartaner, die der Historiker der Perserkriege, Herodot, überliefert. Sie stammt vielleicht von dem Dichter Simonides aus Keos und wurde von der griechischen Kultgemeinschaft, die das Orakel von Delphi verwaltete, gesetzt: „Fremder, verkünde den Lakedaimoniern, daß wir hier liegen, ihren Befehlen gehorchend“. Die Gefallenen werden also dafür gelobt, daß sie sich von ihrem Auftrag, nämlich der Verteidigung des Thermopylen-Passes, selbst durch den sicher in Aussicht stehenden Tod nicht hätten abbringen lassen.

Zusätzlich kann man das Epigramm auch als implizite Kritik an den Phokern lesen, die beim Anrükken der Perser ihren Posten zur Bewachung des Umgehungspfades verlassen und damit maßgeblich zum Untergang der Spartaner beigetragen hatten. Cicero hat das Epigramm ins Lateinische übersetzt: Dic, hospes, Spartae nos te hic vidisse iacentis, Dum sanctis patriae legibus obsequimur. Schon bei Cicero ist also der Gehorsam gegenüber konkreten militärischen Befehlen durch den Gehorsam gegenüber den „heiligen Gesetzen des Vaterlandes“ (sanctis patriae legibus) ersetzt.

In dieser verallgemeinerten Form diente der Text dann auch wieder in der Neuzeit als Inbegriff der staatsbürgerlichen Gehorsamspflicht. In der einprägsamen Übertragung von Friedrich Schiller (1795) mußten ihn viele Schülergenerationen auswendig lernen: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl“. Wenige Jahre zuvor hatte schon Johann Gottfried Herder (1744–1803) die Verse als „Grundsatz der höchsten politischen Tugend“ gefeiert.

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Das Gedicht und die dazugehörige historische Episode wurden diversen patriotischen und nationalen Zwecken dienstbar gemacht, seien es die eigenen Befreiungskriege gegen Napoleon, sei es der Freiheitskampf der Griechen gegen die türkische Herrschaft, der gerade in Deutschland lebhafte Unterstützung fand. Aufgrund seiner Verallgemeinerbarkeit und Eingängigkeit wurde in vielen Ländern auf das Vorbild des Leonidas zurückgegriffen, im königlichen England ebenso wie im revolutionären Frankreich oder im amerikanischen Bürgerkrieg.

In Deutschland jedoch hat es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein besonders intensives Echo gefunden. Historismus und Nationalismus bescherten Leonidas einen großen Aufschwung. Nun befaßte sich auch die aufkommende Altertumswissenschaft mit der spartanischen Geschichte. Eingehende Quellenkritik, topographische Untersuchungen und militärgeschichtliche Überlegungen warfen zahlreiche Fragen an die literarische Überlieferung auf; die unterschiedlichen Antworten begründeten kontroverse Diskussionen, die bis heute andauern. Zwar gab es dabei auch spartakritische Stimmen: Vorherrschend aber blieb inner- wie außerwissenschaftlich die Verherrlichung der Thermopylen-Verteidigung. Dabei wurde der Opfertod des Leonidas und seiner Getreuen zunehmend in den Vordergrund gerückt. Die Pflichterfüllung und der Gesetzesgehorsam wurden gerühmt, Leonidas’ heroischer Tod galt etwa Eduard Meyer (1901) als „glänzendes Vorbild“, mit dem er „der Nation den Weg, den sie zu gehen hatte“, gezeigt habe; sie habe nämlich „keine Wahl [gehabt], als zu siegen oder in Ehren unterzugehen“.

Der Erste Weltkrieg bot mehr als genug Anlaß, den „Soldatenstaat“ Sparta und das Heldentum des Leonidas hochzuhalten. Expressionistische Intellektuelle wie Theodor Däubler oder Gottfried Benn, oft von eigenen Kriegserlebnissen geprägt, sahen in der dorischen Polis Sparta das Modell einer aristokratisch-homoerotischen Männergesellschaft, deren Kämpferpaare an den Thermopylen fürs Vaterland in den Tod gegangen seien. Dieses Sparta-Bild war so faszinierend, daß es selbst von dem liberalen Juden Victor Ehrenberg (1891–1976), einem der bedeutendsten und einflußreichsten Althistoriker dieser Zeit, übernommen wurde. Auch er zeigte sich begeistert davon, wie „diese männliche und soldatische Gesellschaft … ihr Eigenleben fast völlig dem Staate geopfert hat“ (1929). Erst nach seiner Emigration nach England und dem Zweiten Weltkrieg änderte Ehrenberg seine Meinung über Sparta und bezeichnete diese Polis nunmehr als einen „totalitären“ Staat (1946)…

Literatur: Andreas Luther/Mischa Maier/Lukas Thommen, Das frühe Sparta. Stuttgart 2006. Kai Brodersen, Große Gestalten der griechischen Antike. München 1999.

Prof. Dr. Martin Dreher

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