Der Entschluss zum Krieg gegen die Sowjetunion Warum „Unternehmen Barbarossa“? - wissenschaft.de
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Der Entschluss zum Krieg gegen die Sowjetunion

Warum „Unternehmen Barbarossa“?

Als „Führer“ des Großdeutschen Reichs stand Hitler im Sommer 1940 im Zenit seiner Macht. Doch im Herbst stagnierte der Krieg im Westen. Anstatt ihn zu beenden, suchte Hitler die Entscheidung in einem neuen, noch größeren Krieg.

Die Gegend war lieblich, das Wetter schön, die Stimmung gehoben. Die letzten großen Siege der Wehrmacht lagen keine acht Wochen zurück. Die deutschen Generäle, die sich am 31. Juli 1940 auf dem „Berghof “ versammelten, der Residenz des „Führers“ am Obersalzberg, konnten sich bestätigt fühlen. Für sie war am 22. Juni 1940 etwas wahr geworden, von dem viele Deutsche geträumt, was aber nur wenige für möglich gehalten hatten: Frankreich, der „Erbfeind“ und große Angstgegner des Ersten Weltkriegs, hatte kapituliert – nach einem Feldzug von wenigen Wochen und nach Verlusten, die zu den horrenden Opfern der Jahre 1914 bis 1918 in keinem Verhältnis standen.

Aber nicht nur Frankreich war in deutscher Hand, sondern große Teile Europas: Es gab besetzte Gebiete (Böhmen und Mähren, Polen, Dänemark, Norwegen, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Frankreich), und es gab verbündete (Sowjetunion, Italien), befreundete (Finnland, Rumänien, Spanien) oder weitgehend abhängige Staaten (Slowakei), während die Zahl der neutralen Mächte zunehmend schrumpfte. Und selbst sie waren einem wachsenden Druck der deutschen Politik ausgesetzt.

Und doch war der Krieg, den Hitler im September 1939 angezettelt hatte, nicht zu Ende. Nachdem Winston Churchill am 10. Mai 1940, am Tag des deutschen Angriffs im Westen, Premierminister geworden war, wurde rasch klar, dass Großbritannien und mit ihm das Commonwealth die Vergewaltigung des europäischen Festlands nicht kampflos hinnehmen würden. Zwar hatte die Wehrmacht das britische „Expeditionskorps“ auf die Inseln zurückgetrieben, doch waren die Ressourcen des Empire noch immer gewaltig. Auf Verbündete aber konnte es vorerst nicht mehr bauen. Das hieß: An der Widerstandskraft des Inselreichs würde sich entscheiden, wie es mit der Welt weiterging.

Das war der weltpolitische Hintergrund. Von ihm war in der Abgeschiedenheit des Obersalzbergs relativ wenig zu spüren, zumindest vordergründig. Das sanft gewellte Gelände im Südosten von Berchtesgaden war schon im 19. Jahrhundert vom Tourismus entdeckt worden; seitdem verbrachten hier die „besseren Leute“ ihre „Sommerfrische“, das Besitz- und Bildungsbürgertum fand sich ein, Adlige, Prominente und auch Künstler. Dann war im Mai 1923 ein gewisser Herr Wolf aufgetaucht. Hinter dem Tarnnamen verbarg sich ein rechtsradikaler Münchner Politiker, eine etwas zwielichtige Gestalt, der sich freilich durch sein Redetalent, seinen ungebremsten Aktivismus und nicht zuletzt seine Radikalität einen Namen gemacht hatte. Eine Lokalgröße – aber auch nicht mehr.

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Seitdem war Hitler immer wieder zum Obersalzberg zurückgekehrt. 1928 hatte er ein Ferienhaus gemietet, das er acht Jahre später zur Residenz ausbauen ließ – eine recht spezielle Mischung aus Ferienhaus im Alpenstil und Führerhauptquartier. Bald verwandelte es sich in eine zweite Regierungszentrale; der Obersalzberg, nun „Sperrgebiet“, wurde von Funktionärsvillen, SS-Kasernen, Wirtschaftsgebäuden, später auch unterirdischen Bunkersystemen überzogen. Ein knappes Drittel seiner zwölfjährigen Regierungszeit sollte Hitler dort verbringen. Denn ihm ging es nicht nur ums Regieren. Noch lieber träumte er. „Meine großen Pläne“, so Hitler im Januar 1942, „sind alle dort entstanden.“

Große Pläne wurden auch am 31. Juli 1940 erwogen. Einer der wenigen Teilnehmer der streng geheimen Besprechung, Generaloberst Franz Halder, notierte in sein Tagebuch, Hitler habe verkündet, dass „Rußland erledigt werden“ müsse: „Frühjahr 1941. Je schneller wir Rußland zerschlagen, um so besser.“ Dass Hitler von einem Krieg gegen die Sowjetunion sprach, von der Eroberung von „Lebensraum im Osten“ und der „Erledigung“ des Bolschewismus, war nicht neu. Neu war etwas anderes. Erstmals setzte er die Spitzen der deutschen Streitkräfte davon in Kenntnis, dass nun der Zeitpunkt gekommen sei, um dieses Vorhaben in Angriff zu nehmen. Darin liegt die welthistorische Bedeutung der Besprechung vom 31. Juli 1940.

Mit seinem Auftrag – Hitlers definitive Weisung zur Angriffsvorbereitung erfolgte erst am 18. Dezember 1940 (Weisung Nr. 21) – wollte er gleich zwei Ziele verwirklichen, ein strategisches und ein ideologisches. Das strategische Kalkül ergab sich aus dem Patt, in das der Krieg gemündet war. Großbritannien kämpfte – überaus zäh und erfolgreich – weiter. In den kommenden Monaten gelang es der Wehrmacht nicht, die störrischen Briten zur See (U-Boot-Krieg gegen die britischen Geleitzüge im Atlantik), in der Luft („Luftschlacht um England“) oder durch eine Landung auf den Britischen Inseln (Vertagung der Operation „Seelöwe“) zu einem Frieden von Hitlers Gnaden zu zwingen. Auch das wachsende italienisch-deutsche Engagement im Mittelmeerraum brachte keine Entscheidung. Die Zeit aber arbeitete gegen Deutschland. Die USA begannen sich zunehmend für Großbritannien zu engagieren, selbst wenn Präsident Franklin D. Roosevelt angesichts der isolationistischen Stimmung der US-Gesellschaft sein Land vorerst noch aus dem Krieg heraushielt.

Für das Deutsche Reich, nach außen erfolgreich und stark, konnte die fest- und fehlgelaufene Situation rasch gefährlich werden. Aber Hitler dachte nicht im Traum an eine poli‧tische Lösung. Anstatt den Krieg zu begrenzen oder ganz zu beenden, wollte er ihn nun ausweiten. Die Entscheidung fiel im Spätherbst 1940, nach einer Phase des Zögerns, in der Hitler auch andere strategische Optionen durchgespielt hatte. Nun aber wollte er den stagnierenden Krieg im Westen durch einen neuen im Osten ablösen und so entscheiden. Dass eine solch radikale Schwerpunktverlagerung der deutschen Strategie mit erheblichen Risiken verbunden war, wusste er sehr wohl. Seit August 1939, seit Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts, hatte sich die Sowjetunion als verlässlicher Bündnispartner und nicht zuletzt auch Rohstofflieferant erwiesen. Ohne ihre Rückendeckung drohte das Dilemma eines Zweifrontenkriegs, an dem doch das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg gescheitert war.

Was Hitler in jenem Schlüsseljahr, Sommer 1940 bis Sommer 1941, immer verlockender schien, war die Aussicht, das Endziel seiner Politik, den Eroberungszug nach Osten, vorzuziehen. Mit Hilfe des neuen „Ostraums“ und dessen Potential an Rohstoffen und Arbeitssklaven entstünde so ein neues Imperium, das, so Hitlers Vision, unbesiegbar wäre; Großbritannien und notfalls auch die USA könnten dann geschlagen werden…

Literatur: Christian Hartmann, Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941–1945. München 2011.

Dr. Christian Hartmann

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