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Die Ausgrabung des Großen Altars

Welche Fülle von Trümmern

Als der deutsche Ingenieur Carl Humann in den 1860er Jahren zum ersten Mal in den Ruinen von Pergamon stand, war er zwar einerseits traurig, in welch schlechtem Zustand sich die antike Stadt befand. Doch er erkannte zugleich, welcher Schatz unter diesem „großen Schuttfeld“ nur darauf wartete, an das Tageslicht gebracht zu werden.

Als mit der italienischen Renaissance in Europa das Interesse an den Relikten des Altertums neu erwachte, kamen die ersten Forschungsreisenden nach Kleinasien. Zu den frühesten gehörte Cyriacus von Ancona, der im 15. Jahrhundert über seine Aufenthalte in Pergamon berichtete. Um 1625 gelangte der Kaplan William Petty in diese Region. Im Auftrag des Earl of Arundel erwarb er in Pergamon antike Skulpturen. Auf diese Weise kamen – noch unerkannt – zwei größere Fragmente des Relieffrieses mit der Darstellung des Kampfs zwischen Göttern und Giganten (Gigantomachie) nach England. Entscheidend für die Wiederentdeckung des Perga‧monaltars und den Beginn wissenschaftlicher Ausgrabungen in der antiken Stadt wurde jedoch erst die Tätigkeit Carl Humanns (1839–1896) in der Türkei. Der Ingenieur reiste im Auftrag der osmanischen Behörden zwischen 1864 und 1866 für geplante Straßen- und Eisenbahnbauprojekte vom Balkan bis Palästina durch die Le‧vante. Er lernte dabei Sprache, Land und Leute kennen und sammelte so wichtige Erfahrungen für seine späteren Forschungsreisen.

Bei Erkundungen für Straßenbauprojekte an der Westküste der Türkei kam er nach Bergama, dem einstigen Pergamon. Hier beobachtete er, wie einheimische Arbeiter die antiken Marmorruinen für die Kalkbrennerei ausbeuteten: „Nun gings zur Burg. Dem flüchtigen Betrachter erscheint dieselbe als ein einziges großes Schuttfeld, von Rasen und niederem Buschwerk bedeckt, durchsetzt von Mauerzügen … Oberhalb der westlichen Stützmauern betrat ich den Trümmerhügel, den man den Tempel der Athena Polias hat nennen wollen. Traurig stand ich da und sah die herrlichen fast mannshohen korinthischen Capitäle, die reichen Basen und anderen Bauglieder, alles um- und überwuchert von Gestrüpp und wilden Feigen: daneben rauchte der Kalkofen, in den jeder Marmorblock, welcher dem schweren Hammer nachgab, zerkleinert wanderte. Einige tiefe frisch gezogene Gräben zeigten, welche Fülle von Trümmern unter der öden Bodenfläche lagerte; je kleiner zersplittert, desto angenehmer waren sie den Arbeitern. Das also war übrig geblieben von dem stolzen uneinnehmbaren Herrschersitz der Attaliden!“

Humann erwirkte bei den osmanischen Behörden erste Schutzmaßnahmen für die antiken Monumente und wandte sich an die Berliner Museen, um sie für Ausgrabungen in Pergamon zu gewinnen. Als der Berliner Museumsdirektor Ernst Curtius 1871 eine Studienreise nach Kleinasien unternahm, traf er auch Humann. Curtius bereitete jedoch gerade eine Expedition nach Olympia vor, die 1875 begann, und vertröstete Humann auf unbestimmte Zeit. Inzwischen sandte Humann erste aus Ruinen geborgene Reliefs nach Berlin, die das Interesse von Alexander Conze (1831–1914) erregten. Dieser war 1877 zum Leiter der Berliner Skulpturensammlung ernannt worden, hatte bereits an Ausgrabungen auf der Insel Samothrake in der nordöstlichen Ägäis teilgenommen und war daher an der Erforschung dieser Region interessiert. Er erkannte sofort die Bedeutung der in Pergamon gefundenen Relieffragmente und setzte sich deshalb zusammen mit dem neuernannten Generaldirektor Richard Schöne (1840–1922) beim preußischen Kultusminister Adalbert Falk (1827–1900) für offizielle Ausgrabungen in Pergamon ein.

Nachdem durch das türkische Unterrichtsministerium die Genehmigung für Ausgrabungen in Pergamon erteilt worden war, konnten vom 9. September 1878 bis zum 15. Dezember 1886 in drei Kampagnen große Bereiche des antiken Stadtgebiets freigelegt werden. Die wissenschaftliche Leitung der Ausgrabungen hatte Alexander Conze, die Arbeiten vor Ort leitete Carl Humann, unterstützt von dem Architekten Richard Bohn (1849–1898) sowie weiteren Bauforschern und Archäologen. Ein Hauptziel war zunächst die Freilegung der Altarreliefs in den byzantinischen Ruinen und die Suche nach dem Fundament des Altarbaus. Schon frühzeitig waren Gelehrte auf eine antike Schriftquelle gestoßen, die sich auf die Reliefs bezieht und auch einen großen Altar erwähnt. Der römische Schriftsteller Lucius Ampelius schrieb in einen „Merkwürdigkeiten der Welt“: „In Pergamon befindet sich ein großer Marmoraltar, vierzig Fuß hoch mit großen Skulpturen; er enthält auch eine Gigantomachie.“

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Bald nach Beginn der Grabungen stieß man auf kompaktes Mauerwerk und fand in einer Verteidigungsmauer verbaut mehrere Platten des Gigantenfrieses, mit dem mythischen Kampf zwischen Göttern und Giganten, sowie des kleineren Frieses mit dem Leben des Telephos. Architektur-teile, Dachfiguren und Inschriften des Altars kamen zum Vorschein, so dass Humann schon bald erste Überlegungen zum Aussehen dieses großen Altars anstellen konnte. Seine Skizze auf der Rückseite eines Plans zeigt den Pergamonaltar noch mit vorge‧setzter Treppe; später korrigierte er seine Meinung. Aber auch an anderen Stellen des Burgbergs wurde gegraben, und so fand man in der ersten Kampagne (bis 1879/80) auf der Burgkrone einen großen römischen Tempel für Zeus und Kaiser Trajan (Traianeum) sowie am Abhang das Gymnasion für die körperliche und geistige Ausbildung der männlichen Jugend. Erste Bilddokumente der Grabung verdanken wir dem Berliner Maler Christian Wilberg, der im Frühjahr 1879 vom preußischen Kultusministerium nach Pergamon entsandt worden war und mehrere Ansichten der Ausgrabungen und des Lebens im Städtchen Bergama zu Papier gebracht hat. Auch fotografische Aufnahmen wurden seit 1879 gemacht.

Nach den im Osmanischen Reich geltenden Antikengesetzen wurde dem Ausgräber, dem Staat und dem Bodeneigentümer jeweils ein Drittel der Funde zugesprochen. Schon bei der ersten Fundteilung war man auf deutscher Seite bestrebt, möglichst alle zu den Giganten- und TelephosFriesen gehörenden Fragmente zu erhalten. In der Folgezeit wurde zwischen der deutschen Botschaft und den osmanischen Behörden weiter über die Fundanteile verhandelt. Letztendlich erhielten die Berliner Museen alle Funde, nachdem man sich auf osmanischer Seite für den Verkauf auch des letzten Drittels entschieden hatte. Insgesamt kamen auf diese Weise 94 Platten und 2000 Fragmente der Gigantomachie (= drei Fünftel des Gesamtfrieses), 35 Platten des Telephos-Frieses, dazu rund 100 weitere Fragmente sowie Einzelstatuen, Inschriften, eine von Attalos II. er‧baute Exedra (halbrunder Denkmalsockel) sowie architektonisches Material von Großem Altar, Traianeum und Gymnasion nach Berlin…

Ursula Kästner

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