Die Porzellanindustrie in Nordostbayern Weltzentrum des Porzellans - wissenschaft.de
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Die Porzellanindustrie in Nordostbayern

Weltzentrum des Porzellans

Als Carolus Magnus Hutschenreuther sich 1814 als Porzellanmaler in Hohenberg an der Eger niederließ, dürfte er nicht im Traum daran gedacht haben, dass die Region im Nordosten Bayerns einmal zum bedeutendsten Zentrum der Porzellanfabrikation weltweit werden würde.

Kauft Porzellan“, so lautete Anfang der 1930er Jahre die Aufschrift einer über vier Meter hohen, 14 Zentner schweren Kaffeekanne, die, auf Rädern gelagert und mit einer Deichsel versehen, von jungen Männern aus der Porzellanstadt Selb durch Deutschland gezogen wurde, um für den Absatz des heimischen Porzellans zu werben. Die Not hatte die jungen Männer zu dieser Aktion veranlasst. Von den 14000 Einwohnern der Stadt bezogen 1931 4 000 Arbeitslosenunterstützung – und die Krise hatte bereits 1926 begonnen. Bis dahin hatte sich die Porzellanfabrikation im Nordosten Bayerns als bestimmender Faktor der industriellen Entwicklung für diese zuvor auf Heimweberei ausgerichtete Region immer mehr ausgeweitet und war zum beherrschenden Wirtschaftszweig zwischen Hof, Wunsiedel, Waldsassen und Hohenberg an der Eger geworden.

In Hohenberg an der Eger hatte sich Carolus Magnus Hutschenreuther 1814 als Porzellanmaler niedergelassen. Hohenberg lag günstig in der Nachbarschaft des böhmischen Bäderdreiecks aus Franzensbad, Marienbad und Karlsbad. Die dort kurenden Kreise aus wohlhabendem Bürgertum und Adel waren seit jeher dankbare Abnehmer für Porzellan. Trinkbecher, reichbemalte Tassen, Pfeifenköpfe und ähnliche Artikel fanden guten Absatz. Zunächst war die Weißware aus Thüringen geliefert und in Böhmen bemalt worden. Am 10. September 1816 beantragte Carolus Magnus Hutschenreuther die Erteilung einer Konzession zum Betrieb einer eigenen Porzellanfabrik, die aber abgelehnt wurde. Nach weiteren Anläufen erhielt er 1822 die notwendige Zustimmung der bayerischen Behörden. Mühsam war der Weg, der 1822 mit drei Mitarbeitern begann. 1827 waren es neun Beschäftigte, die im Jahr etwa 80 Zentner Por‧zellan erzeugten, 1841 waren es bereits 60, die 22,5 Tonnen Porzellan herstellten. Die Porzellanerde, das Kaolin, kam aus Vorkommen in der Nähe, ebenso der Feldspat. Die Konkurrenz ließ nicht auf sich warten. Lorenz Christoph Äcker gründete 1838 im zwei Kilometer entfernten Schirnding eine Fabrik, zog jedoch noch im selben Jahr nach Arzberg um. Ganz allmählich entwickelte sich Arzberg zur zweiten Porzellanstadt im bayerischen Nordosten. Im oberpfälzischen Tirschenreuth entstand im selben Jahr eine weitere Produktionsstätte.

Die Porzellanherstellung war damals äußerst gesundheitsgefährdend. Verantwortlich dafür war der hohe Anteil an Quarz in der Porzellanmasse. Das Einatmen des Porzellanstaubs verursachte vielfach Silikose (Staublunge). Ein anderer Grund war die Verwendung von Queck‧silber und Blei in den Malerstuben, das übliche Ablecken der Pinsel führte zu einer Ansammlung der gefährlichen Stoffe im Körper. Die Silikose raffte viele „Porzelliner“, wie die Arbeiter in der Porzellanherstellung genannt werden, frühzeitig dahin. Nur wenige wurden älter als 40. In der Massemühle, in den Drehereien – Quarzstaub war überall in der Luft.

1845 starb Carolus Magnus Hutschenreuther im Alter von 51 Jahren. Schon 1843 war der älteste Sohn Lorenz als „Dritteilinhaber“ Mitglied der Fabrikleitung geworden. Den Traum von einer eigenen Porzellanfabrik im benachbarten Selb gab er jedoch auch nach dem Tod des Vaters nicht auf. Die Planungen waren in vollem Gang, als das Weberstädtchen am 18. März 1856 von einem Großbrand heimgesucht wurde. Kaum ein Haus blieb verschont. Für Selb brachte die Gründung der Porzellanfabrik Lorenz Hutschenreuther am 10. August 1856 daher einen völligen Neuanfang und die Entwicklung zur „Weltstadt des Porzellans“.

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Die Rahmenbedingungen waren günstig: Kaolin wurde aus den nahen böhmischen Vorkommen bezogen, Feldspat und Quarz aus dem Forstrevier um Selb. Rundöfen modernster Bauart wurden errichtet. Nicht Holz, sondern Kohle wurde für deren Befeuerung verwendet. Auch die gab es ausreichend im nahen Böhmen. Arbeitskräfte waren genügend vorhanden, die Löhne niedrig. Facharbeiter wurden aus der Nähe, aus Böhmen oder aus Thüringen, angeworben. 1859 wurde die Fertigung aufgenommen.

Roh- und Brennstoffversorgung, Warentransport und -absatz in immer größeren Mengen erfuhren durch die Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie zwischen Hof und Asch/  Eger eine erhebliche Verbesserung. Selb erhielt eine eigene Anbindung an das Schienennetz. Die Verbesserung der Transportverhältnisse, die Gewerbefreiheit 1868, der wirtschaftliche Boom der Jahre nach 1871, all dies waren Faktoren, die den weiteren Ausbau der Porzellanindustrie in Nordostbayern begünstigten. Neben weiteren Porzellanfabriken entstanden immer mehr Porzellanmalereien, die weißes Porzellan erwarben, um es für ihren Kundenkreis entsprechend zu dekorieren. Aus dem Alltag der Besitzer resultierte häufig der Wunsch, selbst Weißporzellan herzustellen. So begann der 1879 aus dem westfälischen Werl nach Selb gekommene Philipp Rosenthal seine Laufbahn mit der Gründung einer Malerei, 1891 eröffnete er seine erste eigene Porzellanfabrik. Christoph Krautheim war seit 1884 im Besitz einer Malerei und stellte von 1912 an eigenes Porzellan her. Franz Heinrich war seit 1896 mit der Dekoration von Porzellan befasst und schürte die ersten Brennöfen 1902 an. Christian Seltmann rief 1911 in Weiden eine Porzellanfabrik ins Leben. Weitere Gründungen folgten, oft gleich mehrere an einem Ort.

Die Leistungsfähigkeit der Fabriken stieg zusehends an. Das Sodagießverfahren machte das Gießen von Hohlteilen wie Kaffeekannen, Dosen usw. in großen Stückzahlen bei guter Qualität möglich. Die mechanisch angetriebenen Dreherspindeln beschleunigten das Drehen von rotationssymmetrischen Teilen wie Tassen und Tellern. Um ihren Kapitalbedarf zu decken, wandelten Philipp Rosenthal (1897), Lorenz Hutschenreuther (1902) und Carolus Magnus Hutschenreuther (1904) ihre Familienunternehmen in Aktiengesellschaften um. Die Modernität in der Ausstattung und Konzeption, das Vorhandensein großer zusammenhängender Flächen, die niedrigen Löhne und die günstige Lage für den Bezug der Rohstoffe ließen einen Vorsprung vor anderen Porzellanregionen entstehen, der sich zu einer dominierenden Rolle in Europa ausweitete. Da die Löhne niedriger waren als etwa im französischen Limousin, kam es in Nordbayern sogar zur Ansiedlung von neuen Betrieben durch Unternehmer, die in Limoges bereits Fabriken besaßen und das Lohngefälle ausnutzen wollten. Einer dieser Unternehmer war Jean Haviland in Waldershof unweit von Marktredwitz in der Oberpfalz…

Literatur: Wilhelm Siemen (Hrsg.), So fing es an, so ging es weiter. Deutsches Porzellan und deutsche Porzellanfabriken 1945 –  1960. Ausstellungskatalog. Hohenberg an der Eger 1988. Wilhelm Siemen (Hrsg.), 175 Jahre Hutschenreuther. Ausstellungskatalog. Hohenberg an der Eger 1989. Beatrix Münzer-Glas, GründerFamilien – FamilienGründungen. Beiträge zur Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte der Porzellanindustrie. Hohenberg an der Eger 2002.  Martina Wurzbacher / Volker Hertwig / Wolfgang Schilling, Leben für das „weiße Gold“. Arbeit und Alltag der Porzelliner 1920 – 1970. Hohenberg an der Eger 1994. Sabine Zehentmeier, Leben und Arbeiten der Porzelliner in Nordostbayern 1870 –1933. Hohenberg an der Eger 2001.

Wilhelm Siemen

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